Die Gretchenfrage* 

Der unfassbare Hintergrund: 

Gezielt an den Rand der Existenz gebracht zu werden ist der Sinn des Waterboardings. Dahinter steht die Unterdrückung des Willens und das Erzwingen gewünschter Aussagen. Offenbar stimmen die Weltbilder des Gefolterten und des Auftraggebers der Tortur nicht überein. Versuche, sich im Dialog um einen Konsens zu bemühen, haben entweder gar nicht stattgefunden oder sind gescheitert. Daher ist Folter das letzte Mittel vor der Tötung - mit bewusst abschreckender Wirkung auf all jene, die eine ähnliche Gesinnung haben. Zeitgleich steigt deren Wutpotential aufgrund der Grausamkeit der Massnahme. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Andernorts werden Menschen verbrannt. Die körperliche Gewalthandlung hat ein reziprokes Gegenstück in geistiger Ohnmacht.     

Bevor es so weit kommen konnte, sind zahlreiche Schritte missachtet worden. Voraussetzung für einen Dialog auf Augenhöhe ist die Kenntnis der eigenen kulturellen Verortung sowie der des Gegenübers. Fehlt sie nur einer der beiden Parteien, kommt eine Verbindung nicht zustande. Wichtiger noch sind äquivalente Lebensbedingungen. Permanente Unterdrückung führt bereits in niedriger Dosierung über längere Zeiträume hinweg zur Spaltung der Gesellschaft. Die gängigen Erkennungsmerkmale sind: Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität, Religionszugehörigkeit, Wohlstand, Bildung sowie die Freiheit zur persönlichen Entfaltung. Daneben gibt es naturgegebene Benachteiligungen wie Alter, physische und psychische Erkrankungen sowie unterschiedliches Erkenntnisvermögen.   

Allein die Betrachtung der Menschheit aus einigem Abstand lässt die zugrunde liegenden epochenübergreifenden Prinzipien deutlich werden. Das verlangt Interesse im eigentlichen Sinn des lat. Ausdrucks: inter = zwischen, und esse = sein. Die Paradoxie besteht darin, dass das Dabeisein naturgegeben ist und nur das Desinteresse eine Abkapselung ermöglicht. Konsequent weiter gedacht wäre absichtsvolles Desinteresse ein anderer Ausdruck für Selbsttötung. Ungeachtet der politischen Regierungsform kann Desinteresse mehrheitsfähig sein, ist es jedoch nur in Bezug auf ein separiertes geografisches Gebiet, denn auswärtige Stimmen bleiben regelmässig ungezählt.

Damit sind die Rahmenbedingungen beschrieben, mit denen Geisteswissenschaften zu tun haben. Allein die Beschreibung ist dem Desinteressierten unbequem und eine Spassbremse für jene, die selbst nicht erleben möchten, was ihre Lebensverhältnisse andernorts verursachen. Sehr viel angenehmer also, sich gar nicht erst damit zu befassen. Wohlstand macht es leicht, während persönliches Betroffensein direkt in die Realität zurückführt und den Wert der Hilfsbereitschaft erfahrbar macht. Spätestens im Rückblick wird deutlich, wie weltfremd manche Weltbilder waren.

Erst in jüngerer Zeit hinzugekommen sind jene Naturwissenschaften, welche sich mit der Klimaforschung oder der Artendiversität befassen. Auch sie berichten von einem homo sapiens, der etwas anderes anstrebt als es die Rahmenbedingungen erlauben und erleben die Ignoranz ihrer Erkenntnisse als eigenes Phänomen, dessen Analyse nicht zu ihrem Fachbereich zählt. 

Neu ist nun, da das Klima politische Grenzen nicht kennt, dass die Folgen des Handelns im eigenen Land spürbar werden und mit anderen als den althergebrachten Mitteln bekämpft werden müssen. Allein der Ausdruck «Bekämpfung» ist hier unangemessen, denn der Sache nach geht es um Rücksichtnahme – genauer:  und um die Berücksichtigung von Zusammenhängen, welche zuvor ausshalb des Interesses lagen. Auch wenn man der Natur keine Intention unterstellen will, geht sie vom Ergebnis her zum Waterboarding und Verbrennen über und wäre durchaus in der Lage, dem Menschen die Lebensgrundlage zu entziehen.

Nun zur Gretchenfrage*:

Was hat das Ganze mit Harmonielehre zu tun?     

 © Aurelius Belz 2021

 

*"Gretchenfrage bezeichnet als Gattungsbegriff eine direkte, an den Kern eines Problems gehende Frage, die die Absichten und die Gesinnung des Gefragten aufdecken soll. Sie ist dem Gefragten meistens unangenehm, da sie ihn zu einem Bekenntnis bewegen soll, das er bisher nicht abgegeben hat. Der Ursprung des Konzeptes und Begriffes liegt in Johann Wolfgang von Goethes Tragödie Faust I. Darin stellt die Figur Margarete, genannt Gretchen, der Hauptfigur Heinrich Faust eine solche Frage." (Wikipedia)