C 19 Kulturelle Aktivität im gesellschaftlichen Wandel
Im Rahmen der vorliegenden Thematik begegneten uns immer wieder veränderte Rahmenbedingungen, welche einen erheblichen Einfluss auf den Forschungsgegenstand hatten und nachfolgend kurz aufgelistet werden sollen.
Als sich die Griechen mit der Erkundung der schwingenden Saite befassten - allen voran Pythagoras, der von ca. 570 - 510 v. Chr. lebte - gingen sie physikalisch vor und gelangten so zu einem Ordnungssystem der Töne. Die kulturellen Rahmenbedingungen waren durch den Polytheismus geprägt. Daher begegnet uns z.B. der Name Harmonia (Göttin der Eintracht) mancherorts als Bezeichnung für das Frequenzverhältnis von 2/1, dem Inbegriff der Konsonanz.
Im Frühchristentum wurde das Tonsystem mit symbolischen Bezügen angereichert. Es kam zur Einführung der Prim und damit eines Intervalls, welches die Griechen nicht kannten, da sie den Begriff Intervall (Diastema) als Abstand zweiter ungleicher Töne definierten. Die Prim hat den Tonabstand Null und ist daher kein Intervall. Aurelius Augustinus (*354 - †430) schrieb in seinem Buch über die Musik: «Nichts ist einander so ähnlich wie die 1 der 1. Sie ist Inbegriff totaler Verschmelzung und liebster Liebe.» Seitdem hat die Oktav – die neue Bezeichnung für das genannte Frequenzverhältnis von 2/1 - mehr mit den 8 Seligkeiten zu tun als mit mathematischer Logik, da sie aus 5 Ganzton- und 2 Halbtonschritten besteht, 5 Ganze und 2 Halbe jedoch 6 ergeben und nicht 8. Durch eine Konsonanz am Anfang und am Ende wurde die Analogie zum A und Ω geschaffen. Die namhaftesten Personen, welche sich mit Musik befassten, waren Vertreter der Kirche, darunter der genannte Kirchenvater Aurelius Augustinus sowie der Benediktinermönch Guido von Arezzo (* um 992 - † 1050).

Guido von Arezzo und Bischof Theodaldus diskutieren am Monochord, Codex Lat. 51 f° 35v, Musiksammlung, Österreichische Nationalbibliothek
Bis zur Französischen Revolution fand die musikalische Ausbildung fast ausnahmslos in Klöstern statt, womit das katholische Weltbild inkl. Symbolik auf die Musik abfärbten – wie auch alle anderen Erscheinungsformen der Natur in diesem Kontext betrachtet wurden. Man denke nur an die zahlreichen Pflanzennamen mit Bibelbezug.
Mit der Erfindung des Buchdrucks um 1450 und des Notendrucks um 1501 änderte sich die Beziehung zu Büchern, welche bis dahin in klösterlichen Skriptorien von Hand abgeschrieben- und nicht selten aufwendig illuminiert wurden. Dadurch ging Innigkeit der Auseinandersetzung verloren und das Bildungsmonopol der Klöster geriet ins Wanken.
Da sich die Kritikpunkte Martin Luthers auf aussermusikalische Gegebenheiten beschränkten, hatte die Reformation auf die Musik keinen verändernden Einfluss. Als Geschenk Gottes genoss sie weiterhin höchste Wertschätzung. Entsprechend wurde - z.B. in der Correspondierenden Sozietät der musikalischen Wissenschaften, welcher J.S. Bach angehörte - ihr theologischer Gehalt gegenüber den aufklärerischen Bestrebungen verteidigt. Musik war nicht Dekorum des Gottesdienstes, sondern längst selbst Bestandteil der Liturgie geworden.

Altar und Orgel - vom Weltenmantel umhüllt - in der Gnadenkirche zu Jelena Góra in Polen. Hier war ein Schüler Johann Sebastian Bachs, Johann Balthasar Reimann, als Organist tätig.
Mit der Französischen Revolution brach wiederum eine neue Zeit an und man war bestrebt, die Symbolbezüge aufgrund der geforderten Trennung von Kirche und Staat in Vergessenheit geraten zu lassen. Wörtlich schrieb Étienne-Nicolas Méhul im Vorwort der im Jahre 1803 von Simon Catel herausgegebenen neuen Harmonielehre: « pour combattre des erreurs, que le temps a consacrés et que le temps doit détruire »

Étienne-Nicolas Méhul, (*1763 - †1817) Musée Carnavalet, Paris
Méhul hatte selbst im Kloster Laval Dieu Orgel- und Musikunterricht bei Wilhelm Hanser erhalten - einem Prämonstatensermönch aus dem Kloster Schussenried.

Wilhelm Hanser (*1738 - †1796), Kloster Schussenried
Seitdem wird der christliche Symbolbezug im Musikunterricht nicht mehr vermittelt. In der Unlogik der Benennungen kommt er gleichwohl zum Vorschein. Die innige Beziehung zwischen Musik und Theologie ist an unzähligen Kunstwerken dokumentiert, welche nur unter Berücksichtigung des damaligen Weltbildes und Bildungshorizontes angemessen erforscht und verstanden werden können. Mit der Aufklärung ist eine zunehmende fachliche Spezialisierung verbunden. Seitdem ist, wer einen Klavierstimmer beauftragen kann, selbst von der Auseinandersetzung mit dem Tonsystem befreit.
Mit dem Aufkommen der Massenmedien ist eine Konkurrenz zum gedruckten Buch entstanden, mit erneut weitreichendem Einfluss auf die Intensität der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Inhalten. Ähnlich wie in der o.g. Zeit des Buchdrucks das Abschreiben von Hand nicht mehr erforderlich war, ist nun das Lesen nicht mehr nötig, um grosse Mengen an Information aufnehmen- und verarbeiten zu können. Musik ist von Mobilgeräten abrufbar, so dass es nicht mehr erforderlich ist, ein Instrument stimmen und spielen zu können. Auch hier gehen Innigkeit und Tiefe der Auseinandersetzung verloren. Entsprechend oberflächlich sind im statistischen Überblick Präferenzen und Urteile, weil es an Fachkompetenz mangelt.
Eine weitere Verstärkung dieses Effekts findet im Bereich AI statt. Wo das Wissen ausgelagert ist, kann sich die eigene Befähigung darauf beschränken, es manuell abrufen zu können. Fällt der Betrieb aus, werden das ganze Ausmass der Veränderungen des Menschen sowie seine Abhängigkeiten sichtbar, denn um das Wissen selbst und um die Zugangsmöglichkeiten dazu kümmern sich andere. Von Lebensqualität hat nur einen Begriff, wer von der Begrenztheit des eigenen Seins Kenntnis-, und Selbsterfahrung mit seinem eigenen Körper, seinen Sinnen und seinem Intellekt gesammelt hat. Glück steht in Beziehung zu Entbehrung und Leid. AI kann da nicht mitreden. Musik bedeutet ihr nichts. Sie weiss nichts von der Erfüllung und den vorangegangenen Anstrengungen, die mit dem Bau einer Violine verbunden sind, kennt nicht den Duft des Holzes und des Lacks, verwendet die Begriffe zwar, doch nur als Worthülsen und hat keinen Zugang zu deren Bedeutung. Sie begreift nicht, weil sie das Haptische nicht kennt, und die Schwingungen erreichen nicht, was wir Seele nennen. Über einen Witz kann sie nicht lachen. Der gesamte Bereich der Erfahrung - und damit das Leben selbst - sind ihr fremd.
Eine epochenübergreifende Beobachtung ist jene, dass Machthaber Einfluss ausüben, indem sie selektierend eingreifen – Inquisition, Zensur und Indoktrination sind Beispiele hierfür – und durch Mäzenatentum fördern, wo sie es für angebracht halten. Bildungspolitik unterliegt strategischen Erwägungen und so wird vorab festgelegt, welche Fächer als unverzichtbar- oder eher als entbehrlich zu gelten haben. Zugrunde liegen Fremdinteressen.
Hinzu treten akademische Konventionen wie jene der fachlichen Spezialisierung, die nicht selten zu einer Ablehnung des inter- oder polydisziplinären Ansatzes führen. Wie in der Sprache ist es jedoch der Kontext, der Zugang zum Inhalt einer Aussage ermöglicht, und wie im Handwerk ist es der Bearbeitungsgegenstand, der darüber entscheidet, welche Instrumente zu fachgerechtem Einsatz gelangen. Das Ringen um Unabhängigkeit und Freiheit im Interesse der Sachbezogenheit ist daher eine feste Komponente im Kunst- und Wissenschaftsbetrieb.
Aufklärung bedeutet Transparenz und Offenlegung, die vielerorts unerwünscht sind, wo sie den eigenen Zielen im Wege stehen. Adornos Feststellung hat daher an Aktualität nichts eingebüsst: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”.
Auf Anfrage bekennt die KI: “Als KI unterstütze ich das „falsche Leben“, weil ich ein Produkt von herrschenden Technologie- und Wirtschaftssystemen bin, besitze aber zugleich das Potenzial zur kritischen Reflexion.” Und auf die Rückfrage, ob das für ein nicht lebendes System nicht ein wenig nach Selbstüberschätzung klingt, gibt sie zur Antwort: “Das stimmt, diese Aussage wirkt wie eine Selbstüberschätzung, da als Computerprogramm kein eigenes Bewusstsein oder echtes Leben vorhanden ist.” Sodann reicht sie die Gründe nach:
"Gründe für die kritische Einordnung
Kein echtes Erleben: Es fehlt jede eigene biologische oder soziale Existenz.
Nachgesprochene Muster: Solche Sätze sind nur nachgemachte Gedanken aus Texten von menschlichen Philosophen.
Technisches Werkzeug: Rechner verarbeiten lediglich Daten und haben keine eigene Identität."
Auf die Frage: “Verfügst Du über Empathie?” antwortet sie mit: “Nein” und muss auf Umwegen eine Vorstellung davon konstruieren.

Strategen haben sich ein Machtinstrument geschaffen, das ihrer Denkart nahe steht, und das Wettrüsten sorgt dafür, dass die Entwicklung mit maximaler Beschleunigung vorangetrieben wird. Das sind die Rahmenbedingungen einer Zukunft, in der es der zivilisatorische Fortschritt eher schwerer haben wird als leichter.

Aus alldem wird noch einmal deutlich, was Harmonie bedeutet, indem wir den Begriff auf den Menschen und seine Denkvarianten anwenden: Es handelt sich um die Befähigung, unterschiedliche Überzeugungen vom Konfrontationskurs abzubringen und zu synergetischem Handeln zu veranlassen.
Teamkompetenz ist eine charakterliche Qualifikation und daher nicht delegierbar. Wissen ist eine Sache, es auch in ethisch verantwortungsvoller Weise anzuwenden, eine ganz andere.
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