C10 Praxistest Harmonielehre: Gebote der Stunde - oder nur fromme Wünsche?
«Es ist nicht die Zeit der Taktik und Scharmützel. Es ist die Zeit für Vernunft und Verantwortung. Ich erwarte von allen Verantwortlichen, dass sie der Grösse der Herausforderungen gerecht werden.»
Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland
Diese, am 07.11.2024 geäusserte Erwartung gegenüber der deutschen Bundesregierung liesse sich problemlos auf globales Format übertragen. Im Kern beinhaltet sie die Forderung, vom strategischen Denken Abstand zu nehmen und Synergiekompetenz zu entwickeln. Ämter wie jenes eines Bundespräsidenten oder eines Generalsekretärs der UN erfordern das gleichwertige Anerkennen verschiedenster Standpunkte. Hierfür sind Harmoniefähigkeit und Weisheit nur anderslautende Begriffe. Da es den Amtsinhabern jedoch an Durchsetzungsmacht mangelt, weil die Kontrollorgane der Macht auf den verschiedenen Ebenen höchst unterschiedlichen Wirkungsgrad haben, bleibt ihnen nur, jenen ins Gewissen zu reden, die sie sich gegenseitig abzuringen versuchen. Die Herausforderungen der Gegenwart verlangen vom homo sapiens nichts Geringeres als die Beherrschung seines eigenen Naturells.
Der allseits sichtbare Zustand ist der, dass als beste aller Sicherheitsgarantien noch immer der maximierte Wirkungsgrad der eigenen Bewaffnung angesehen wird. Die globale Einigkeit in diesem Punkt macht die Grösse der Herausforderung deutlich. Dabei wird die Überlegenheit des einen (als vermeintliche Problemlösung) zur Bedrohung des anderen und die gebundenen Kräfte stehen andernorts nicht mehr zur Verfügung - noch ganz abgesehen von den Verlusten bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Zusätzliche Motivationsfaktoren für die Aufrüstung sind neben dem reinen Sicherheitsbedürfnis auch Machthunger und Besitzstreben.
Der Schlüssel im Kleinen wie im Grossen ist die Entwicklung von Synergiefähigkeit mit vielen Beispielen nachweisbaren Erfolges und vorbildgebenden Verhaltens. Sie nimmt in jedem Einzelnen ihren Anfang und wird durch Einsicht veranlasst, nicht durch Weisung, wofür eine Reihe von Bedingungen im sozialen Umfeld erfüllt sein müssen. Es sind besondere Persönlichkeiten, welche sich trotz widrigster Bedingungen für den Dialog engagieren und strategieorientierten Zeitgenossen wie Dissidenten erscheinen.
Im Grossen folgen einzelne Nationen und Machthaber ihren eigenen Interessen, welche erst durch Mitsprache anderer ins richtige Verhältnis zueinander gesetzt werden. Den Vereinten Nationen fehlt die Durchsetzungsmacht in globalen Angelegenheiten. Ist ihnen lediglich gestattet, Empfehlungen auszusprechen, landet die übergeordnete Erkenntnis im Ablagefach der Spruchweisheiten und kommt nicht besser daher als ein frommer Wunsch, wie z.B.:
«We must restore harmony with nature.»
António Guterres, 22. April 2024
Inhaltlich ist die Erkenntnis zweifelsfrei korrekt: Es ist an der Zeit, den ethischen Gehalt der abendländischen Harmonielehre als Weltkulturerbe bekannt zu machen, neue persönliche Ziele jenseits des Konsums zu setzen und damit unseren Umgang mit der Natur auf Nachhaltigkeit umzustellen. Auch Frank-Walter Steinmeier lag mit seiner Feststellung völlig richtig:
«Es ist die Zeit für Vernunft und Verantwortung.»
Allein die Notwendigkeit solcher Ermahnungen zeigt an, dass Theorie und Praxis ebenso weit auseinanderliegen wie Strategie und Synergie.