C11 Über die Begegnung von Religion und Wissenschaft
Der Grund für eine prinzipielle Betrachtung des Verhältnisses von Religion und Wissenschaft im Rahmen dieser Studie ergibt sich aus dem Umstand, dass die Bearbeitungsgegenstände nicht rein kunst- oder musikwissenschaftlicher Natur sind. An der Schnittstelle zur Religion ist zu fragen, ob die wissenschaftlichen Disziplinen überhaupt über das nötige Instrumentarium verfügen, dem religiösen Aspekt gerecht zu werden und ihn angemessen zu beleuchten. Des weiteren stellt sich die Frage der Zuständigkeit. Dürfen sich Kunst- und Musikwissenschaft überhaupt zu Aussagen über Religion hinreissen lassen? Diese Frage ist gewiss für jenen Bereich klar mit einem JA zu beantworten, in dem es darum geht, den religiösen Hintergrund zum Verständnis der Kunstwerke heranzuziehen, denn hier geht es um eine blosse Beschreibung, nicht um eine Beurteilung der Inhalte.
Während die Definition dessen, was wissenschaftlich ist, klar vorgenommen werden kann: es geht um Wahrheitssuche auf kausaler Grundlage, wobei die Ergebnisse der Öffentlichkeit zur Prüfung hinsichtlich Nachvollziehbarkeit und Allgemeingültigkeit vorgelegt werden, ist das Profil dessen, was Religion genannt wird, sehr viel unschärfer. Da sind einerseits die Weltreligionen, die auf dem Globus auch als Kulturregionen beschrieben werden können, andererseits verschiedene Konfessionen mit reformatorischen, schismatischen, häretischen und heterodoxen Varianten bis hin zu Kleingruppen und Sekten, wobei wir Glauben und Aberglauben nicht eigens unterscheiden. Zudem ist im historischen Verlauf einiges an Veränderungen zu beobachten, wenn man allein den Umgang der Gläubigen mit der Kunst betrachtet: vom Bau der Kathedralen bis hin zum Bildersturm.
Gemeinsam ist den Religionen das Überzeugtsein im Sinne eines Fürwahrhaltens des Geglaubten. Der Begriff Glaubensgewissheit beschreibt die zur Wahrheit erhobene Überzeugung und kollidiert damit regelmässig mit den von der Wissenschaft vorgelegten Resultaten, die ihrerseits durchaus nicht durchweg fehlerfrei daher kommen. Die Wahrheitssuchenden beider Seiten befinden sich auf dem Weg der Erkenntnis.
Der abendländische Kulturkreis ist vom Christentum geprägt. Das signifikanteste Merkmal ist gewiss die Zeitrechnung ab Christi Geburt. Und über Jahrhunderte wurden die Wissenschaften und Künste in einer Weise instrumentalisiert, die geeignet erschien, das vorhandene Weltbild zu untermauern. Das erkennbare Ziel war, aus Glauben Gewissheit werden zu lassen, indem man eine Umgebung schuf, die keinen anderen Blick als den auf Gott zuliess. So ist das Aufstellen astronomischer Uhren in Kirchen als Hinweis auf die kosmische Dimension der Schöpfung zu verstehen. Gemäss christlicher Lehre lebt der Mensch in der Schöpfung und ist selbst ein Teil von ihr. Ersetzt man den Begriff Gott durch Natur liegt darin nichts Weltfremdes. Allein in der Rückführung auf ihn als Urheber und Schöpfer der Welt und des Universums scheiden sich die Geister.
Unterschiede bestehen auch in der Art und Weise der gedanklichen Fundamentierung. Während Wissenschaften keine andere als die kausale Begründung tolerieren, zieht die Religion Analogien hinzu – in biblischer Terminologie: Gleichnisse – die durchaus dazu geeignet sind, komplexe Sachverhalte auf anderer Ebene zu veranschaulichen. Wenn es um die Vermittlung des Spirituellen geht, gibt es für die Verwendung von Gleichnissen keine Alternative.
Grundlage hierfür sind vorhandene Ähnlichkeiten, da ansonsten gar kein Vergleich möglich wäre. Doch nur, weil grundverschiedene Dinge im ein- oder anderen Punkt Ähnlichkeiten aufweisen – als Beispiel sei die Passionsblume, die Passiflora incarnata genannt – ergibt sich daraus kausal noch gar nichts. Indizien (von lat. indicare, anzeigen) haben die Eigenschaft, die Annahme eines Kausalbezugs nahe zu legen, insbesondere dann, wenn sie in grösserer Zahl auftraten. Analogien machen plausibel (lat. plaudere, klatschen, schlagen, Beifall klatschen). Aus diesem Begriff haben sich die beiden deutschen Wörter Applaudieren und Applaus entwickelt. Plausibilität generiert demnach Zustimmung.
In der Kunst- und Musikwissenschaft sind Analogien wichtiger Bestandteil des Bearbeitungsgegenstandes. Was wären die Künste ohne das Wiederaufgreifen eines Motivs, ohne die suggestive Anspielung der Formen? Daher ist eine Kuppel mit grosser Selbstverständlichkeit als imaginäres Himmelsgewölbe zu betrachten. Kaum wäre es möglich, einem Computer diese Art gedanklicher Verlinkung beizubringen, weil Analogien auch von der jeweiligen Sichtweise, von der individuellen Betrachtung sowie vom Erfahrungshintergrund des Betrachters abhängig sind. Grundsätzlich gibt es sehr viel mehr Analogie- als Kausalbezüge, die von der menschlichen Wahrnehmung äusserst rasch erfasst werden. Sie werden anschaulich evident und bedürfen nicht des Hinterfragens in Bezug auf eine zugrunde liegende Verbindung. Es liegt nahe, dass es sich in der Evolution des Denkens um eine frühe Form des Beziehungssetzens handelt, das vom direkten Vergleich des Beobachteten ausgeht.[i] Beispiele: Gleicher Zeitpunkt hinsichtlich Auftreten, Beendigung, Wahrnehmung und Wirkung, gleiche Form und Farbe, gleiche Anzahl, gleiches Erscheinungsbild, gleicher Betrachterstandpunkt, gleiches Material, gleiches Verhalten, gleiche Anmutung, Zugehörigkeit zur gleichen Gruppierung, gleiche Assoziation, um nur einige zu nennen.
Aus diesem Grunde kann das abendländische Tonsystem, die zum Zwecke der Gottsuche geschaffene akustische Umgebung, aufgrund ihrer menschengemachten Konstruktion nicht den Charakter eines Gottesbeweises haben – ebenso wenig der Kathedralbau – doch sind beide eindrucksvolle Impulsgeber für eine innere Öffnung zur religiösen Sichtweise und Zeugen eines Bekenntnisses.
Abt Suger von St. Denis (1081-1151) formulierte es so, dass den Unverständigen ein Gleichnis geschaffen werden müsse, die immaterielle Existenz Gottes begreifbar zu machen. «De materialibus ad immaterialia transferendo». Dies ist über die Feinstofflichkeit des Weihrauchs, die Immaterialität des Lichtes, die Strahlkraft des Goldes und über die Immaterialität der Musik gleichermassen möglich. Daher das Auftreten der Masswerkrose als Kirchenfenster und Resonanzbodenrosette. In beiden lediglich eine ornamentale Ausschmückung zu sehen bedeutet, sich eher vom Anliegen der geistigen Urheber zu entfernen als ihnen entgegenzukommen.
Dies Beispiel mag verdeutlichen, dass die Kunstwissenschaft, die sich mit materiellen Dingen befasst, an die intendierten Inhalte nicht nahe genug herankommt, weil es nicht ihre Aufgabe ist. Täte sie es, hätten wir es mit Theologie zu tun (griechisch θεολογία theologia, die Lehre von Gott). Daher können wir allenfalls von einer partiellen Zuständigkeit sprechen, bzw. von einem Verweilen an der mit den Sinnen wahrnehmbaren und rational verwalteten Oberfläche. Generell erwies sich die Allianz von Religion und Kunst nicht durchweg als komplikationslos. Das liegt daran, dass sich die Kunst an die Sinne richtet, an ein höchst körperliches Wahrnehmen und Fühlen, während mit dem Spirituellen etwas Inhaltstieferes, die Seele angesprochen werden soll. Das Anliegen der Bilderstürmer ist insofern nachvollziehbar, als sie in der Kunst mehr das Blendwerk als das Gleichnis sahen. Wie Franz Courth in seinem Schlusswort preisgibt, regt ihn «…das Studium, der scholastischen Trinitätslehre dazu an, die Mitte des christlichen Glaubens mit konzentriertem Blick zu sehen, sie sich existenziell anzueignen und zu feiern.»[ii]Die Wissenschaft hat keine Veranlassung, eine solche persönliche Stellungnahme – wenn überhaupt angebracht – anders zu kommentieren als respektvoll. Sie hat sich aus der Bevormundung befreit und kann die Grenzen ihrer eigenen Zuständigkeit einhalten. So selbstverständlich die Wertschätzung der Musik- und Kunstwissenschaft vor dem Gefühl betrachtet werden muss, oder der Psychologie vor er Psyche, so selbstverständlich kann das Geltenlassen des Spirituellen angesichts der seelischen Bedürfnisse des Menschen erfolgen. Grundlage ist die im Zentrum stehende Beschaffenheit des homo sapiens. Wie gezeigt werden konnte, hat die reine Kausalität für Schönheit kein Sensorium. Ohne die Betrachtung von Analogien wäre Kunstwissenschaft gar nicht zu betreiben. Ebenso ist für die Einbeziehung des Religiösen ein Andersdenken erforderlich – es wird mit dem Begriff Glauben gekennzeichnet.
Hinsichtlich des Einsatzes bzw. der Instrumentalisierung der Künste stehen zwei Auffassungen einander gegenüber, wobei vorab zu bemerken ist, dass es die klare Aufgabe bzw. Sinn und Zweck der Kunst ist, dem individuellen Ausdruck zu dienen. Im Bereich der Musik wird schon durch die Wortentlehnung sehr viel deutlicher, dass die Instrumente zum Instrumentalisieren, d.h. zum Musizieren geschaffen wurden. Gerade wegen der innigen Verbindung zwischen Kunst und gestaltendem Mensch, der mit ihrer Hilfe sein Innerstes zum Ausdruck bringt, sind Kulturgüter ein beliebtes Ziel anlässlich kriegerischer Auseinandersetzungen, wenn es darum gehen soll, die kulturelle Identität des Gegners zu vernichten.[iii]
Gleichwohl gibt es die sakrale Sicht, der zufolge die Künste eine höhere Wirklichkeit, d.h. Wahrheit widerspiegeln, zum anderen die rationale Enthüllung einer illusionären Schau im Sinne eines mit grosser Macht und Gelehrsamkeit angelegten Blendwerks, das sich über die Architektur, die Skulptur, die Malerei und die Musik ausdehnt und über lange Zeit auch die Wissenschaften in ihren Dienst stellte. Der Vergleich mit weltlichen Herrschern macht die Dimensionsverschiedenheit deutlich: Zwar ist auch Ludwig XIV nicht gerade sparsam mit den Künsten umgegangen, stellte er doch ganz Frankreich in den Dienst seiner Repräsentationsansprüche. Doch als sterblicher Herrscher von Gottes Gnaden steht er in der Hierarchie signifikant tiefer als Gottvater. Zwar kommt ein gewisser Bezug zum Kosmischen noch durch den Begriff Sonnenkönig zum Ausdruck, doch ein All- oder Weltenherrscher ist noch einmal etwas völlig anderes. Daher vermochte es die Kirche, länderübergreifend sehr viel mehr gestaltend in den Lebensalltag einzugreifen (Zeitrechnung, Kalender, kirchliche Festtage, Tonsystem, Sakramente). Man hat Mühe, einen künstlerischen Vorgang darin zu erblicken, gleichwohl handelt es sich um die gestalterische Umsetzung eines Weltbildes, um eine Formgebung in allen Dingen – allerdings nicht um das Bildwerk eines Einzelnen, sondern um ein kollektives Weltbild, das wir als abendländische Kultur bezeichnen. In ihr ist die Geburt Christi als das wichtigste geschichtliche Ereignis gekennzeichnet. Andere Kulturen haben andere Ausdrucksformen gefunden, stellen andere Personen in den Mittelpunkt.
Weltbilder werden nicht in Vernissagen gezeigt und unterliegen auch nicht der Kunstkritik. Zur Kultur erhoben erobern sie ganze Kontinente und regeln das Gemeinwohl, in dem sie gesetzgebend wirken. Ganze Gesellschaften wachsen in ihnen auf und sind in ihnen beheimatet. Auf Fremde wirken sie zunächst abweisend, da von den Herannahenden erwartet wird, dass sie sich neben dem Erlernen der Sprache auch mit historisch komplexen Zusammenhängen befassen, die den jeweiligen Weltbildern zugrunde liegen. Demgegenüber vermögen es Weltbilder, auch länderübergreifend zu verbinden. So ist das Vaterunser schon aufgrund seines charakteristischen Metrums in vielen Sprachen wiedererkennbar. Weltbilder, seien sie religiöser oder politischer Art, ändern sich durch kollektiven Beschluss der Gesinnungsträger, beispielsweise durch Konzile oder Parteibeschlüsse sowie durch weit reichende gesellschaftliche Veränderungen, durch Reformationen oder Revolutionen. Der Informationstransport erfolgt durch die Medien, wobei in historischer Betrachtung insbesondere die Erfindung des Buchdrucks eine besondere Rolle spielte. Was immer wir mit dem Begriff der Globalisierung verbinden, beeinflusst unser Bild der Welt, und Tastaturen/Keyboards haben heute bedeutenden Anteil daran.
Weltbilder werden geliebt, gehasst, bekämpft und verteidigt – und nicht selten dazu missbraucht, wahre Interessen zu verschleiern und Feindbilder aufzubauen. Ein fremdes Weltbild annehmen zu müssen, führt zum Verlust von Identität und Freiheit mit schwerwiegenden Folgen bis hin zur Selbstzerstörung. Die Selbstverbrennungen tibetischer Mönche sind hierfür bewegende Beispiele. Philosophie, Politik, Sozial- und Rechtswissenschaft liefern gemeinsam das Instrumentarium zur detaillierten Betrachtung von Weltbildern. Ihre vielfältigen Ausdrucksformen im Brauchtum werden von der Kulturanthropologie beschrieben, ihre Ausdrucksformen in der Kunst von der Kunstwissenschaft. Im Grunde leisten alle Menschen, seien sie nun Wissenschaftler oder nicht, einen Beitrag zur Dokumentation darüber, aufgrund welchen Wissens auf der Welt wie und was gedacht wird. Erdfremde Wesen würden sich gewiss ein eigenes Bild von der Welt machen.
Selbstverständlich hat die Kunstwissenschaft, die mit der Übergrösse des Formats und den zur Anwendung gebrachten Gestaltungsmitteln zugegebenermassen ihre Mühe hat – da sie sich mit den bewährten Handwerkszeugen: Pinsel und Farbe, sowie Steinmetzklüpfel und Meissel doch sehr viel besser auskennt – weder Veranlassung noch Berechtigung, hinsichtlich Weltbildbeurteilung, hier im Speziellen: hinsichtlich Glauben oder Nichtglauben, in irgend einer Weise Partei zu ergreifen, doch beruft sie sich, wie andere Wissenschaften auch, auf ihre Unabhängigkeit und gedankliche Freiheit. Es wäre gar nicht statthaft und brandgefährlich, eine bestimmte Kultur – die sich aus einem Weltbild entwickelt hat – gewissermassen in missionarischem Auftrag als Vorbild gebende Leitkultur[iv] anzusehen und deren Inhalte als allgemeingültige Wahrheit darzustellen. Ebenso wäre es unangebracht, aufgrund der Analyse einer äusseren materiellen Darstellungsform den Glauben zu diskreditieren.
Mit dem Instrumentarium der Kunstwissenschaft wäre da vor allem auch deshalb methodisch höchst widersprüchlich, dass Gott die Welt durchaus auch ohne «corporate identity» im Sinne einer auf den Welthersteller allerorten verweisenden Wiederkehr symbolische Anspielungen (12Monate, Zifferblatt, Quintenzirkel, Passionsblume) geschaffen haben könnte. Analogien sind rational unbrauchbar und daher weder zur Fundamentierung eines Pro- noch eines Kontra-Argumentes geeignet. Es entstünde blosse Rhetorik um des Redens willen.
So sieht es zumindest die Wissenschaft. Die ganzheitliche Betrachtung mit Hinzunahme des emotionalen und spirituellen Sensoriums sieht das anders und bezieht Analogien zur Erklärung mit ein. Da die Spiritualität selbst keine materielle Bindung kennt, nutzt sie die Kunst lediglich gleichnishaft. Und ihr eigentlicher Kern – beispielsweise die Trinitätslehre – tangiert den Bearbeitungsgegenstand der Kunstwissenschaft nicht einmal ansatzweise. In diesem Sinne ist die Bildaussage «Mein Reich ist nicht von dieser Welt»[v], die dem Klavizitherium gewissermassen als visuelle Ouvertüre[vi] gleich aussen voran gestellt wurde, höchst bedeutsam und unmissverständlich. Im Allgemeinen ist festzustellen, dass die Darstellung des christlichen Weltbildes mit Hilfe der Künste zu einer enormen inhaltlichen Aufwertung der Kunst führte –allein dadurch, dass man sie in die Nähe Gottes brachte–zu einer ungeahnten Entfaltung und zu Höchstleistungen in allen Tätigkeitsbereichen, allerdings auch zu einer einseitigen Ausrichtung. Est mit dem Aufbrechen der Rahmenbedingungen konnte es zu neuen Entwicklungen – auch kritischer und revolutionärer Art – in Architektur, Plastik, Malerei und Musik kommen. Die Spiegelungen des Zeitgeistes, die wir in Epochenbegriffen zu beschreiben gewohnt sind, zeigen in den hier dargestellten Zeugnissen des Spätmittelalters eine Weltsicht mit sehr konkreten, bibelbezogenen Inhalten. Die Kunstwerke konservieren die zugrunde liegenden Gedanken und wir lesen in ihnen im Anschauungsmodus der Gegenwart. Allein das Fehlen astronomischer Uhren – speziell mit der Darstellung des Tierkreises – in modernen Kirchen zeigt an, dass auch kirchenintern ein Wandel stattgefunden hat und das den Symbolen, Zeichen und Zahlen nicht mehr dieselbe Aufmerksamkeit zukommt wie im Mittelalter.
Es ist ein qualitativ hochwertiges Zeichen von Freiheit, wenn sich die Künste und Wissenschaften in unterschiedlichen Richtungen entfalten können. Dass ein erforderlicher gegenseitiger Respekt erwartet werden darf, steht auf einem anderen Blatt.[vii] Die Freiheit des Einzelnen endet, wo die des anderen in Gefahr gerät.
Sehr viel höherwertiger als das gesamte materielle europäische Kulturerbe – wie dem Sinnspruch des Spinetts der Giulia da Varano zu entnehmen war, bedeuten Musik und Gold gar nichts gegenüber dem Guten – sind die Lehren, die Europa aus seiner Vergangenheit ziehen kann, aus den leidvollen Erfahrungen im Zusammenhang mit Visionen von anmassendem Leitbild-Charakter, gleich welcher Prägung. Dieser modus vivendi in pace, der auch der Idee des Weltethos[viii] zugrunde liegt, findet sich beispielsweise im handlungsleitenden Ziel der UNESCO «durch Förderung der Zusammenarbeit zwischen Völkern in Bildung, Wissenschaft und Kultur zur Wahrung des Friedens und der Sicherheit beizutragen, um in der ganzen Welt die Achtung vor Recht und Gerechtigkeit, vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten zu stärken, die den Völkern der Welt ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder Religion durch die Charta der Vereinten Nationen bestätigt worden sind.»[ix]
Diese Inhalte sind nicht mit dem Begriff Kultur, der nur eine Teilmenge – eine Weltanschauungsvariante – umfasst, zu beschreiben, sondern mit dem Begriff der Weisheit. Nachdem gleichartige Erfahrungen täglich weltweit gesammelt werden und Europa keinen Exklusivanspruch hat, was das Sammeln schlechter Erfahrungen anbetrifft, wäre es angebracht, in diesen Inhalten das Weltkulturerbe zu erkennen. Es handelt sich um das Erbe jener Verstorbenen, welche infolge Nichtbeachtung ihr Leben lassen mussten. Dieses Erbe liegt seit Generationen als stillschweigendes Angebot vor. Es anzunehmen, obliegt jedem Einzelnen. Und es wäre lohnend, sicherzustellen, dass es nicht unaufhörlich mit Füssen getreten werden kann. Dabei geht es inhaltlich nur um die Beachtung weniger Grundwerte, die nicht allein durch das Studium weitschweifender akademischer Abhandlungen verstanden werden können. Bedauerlicherweise ist Weisheit nicht gleicherart genetisch fixiert wie das Vorhandensein jener Finger, die die Keyboards der Welt bedienen.
Gewiss mag sich der Leser über die thematisch exponentielle Ausweitung dieser Studie wundern, die sich doch zunächst mit dem Bauplan spätmittelalterlicher Tasteninstrumente befasste. Aus verständlichen Gründen ist es üblich, mutwilliges Ausschweifen als Verstoss gegen wissenschaftliche Arbeitsprinzipien zu ahnden. Hier verhält es sich jedoch so, dass wir den inhaltlichen Sachzusammenhängen zu folgen hatten. Konnte die Symbolik bei Arnaut noch als Anschauung eines Einzelnen betrachtet werden – spätestes nachdem wir erkannt haben, dass im abendländischen Tonsystem das christliche Weltbild transportiert wird, ist es erforderlich, uns auch Grundkenntnisse über die Betrachtung von Weltbildern anzueignen: Hätten wir es tatsächlich mit einer Ausstellung von Weltbildern zu tun, die in einer langen Abfolge von Räumen präsentiert werden könnten, so bemerkten wir, dass jedes einzelne dazu einlädt, uns ganz in sein Reich zu entführen. Dies verlangt vom Betrachter prinzipielle Offenheit und Furchtlosigkeit, da er seine ihm vertraute Umgebung zumindest zeitweilig zu verlassen hätte. Und das Erfordernis, sich in eine neue Welt hineinzubegeben, sich zu erarbeiten, damit sie verstanden werden kann, hat zudem eine gewisse Wertschätzung zur Voraussetzung – denn immerhin ist die Investition von Lebenszeit vonnöten. Die aktive Auseinandersetzung ist auch als ein Prozess der Beheimatung und der Integration zu beschreiben, wofür sich die entgegenkommende Hilfe der Einheimischen als ausgesprochen förderlich erweist. Weltbilder sind nicht en passant konsumierbar. Wo es dennoch geschieht, haben wir es eher mit Geringschätzung zu tun, gleichbedeutend mit der Ablehnung, den eigenen Horizont erweitern zu wollen. Es können nicht immer die anderen sein, die sich anzupassen haben. Weltbilder formen und verändern ihre Betrachter. Der Vorgang der Prägung beginnt gleich nach der Geburt – und nachdem in der frühen Kindheit die Fundamente für das Leben gelegt werden, werden sie Teil unserer Identität. Insbesondere deswegen erfordert die Akzeptanz des Verschiedenen ein grundsätzliches Demokratieverständnis. Ein Fundamentalist – wir sehen, wo die Bezeichnung herrührt – hätte an einer solchen Ausstellung sicherlich kein Interesse, würde sie allenfalls als Galerie der Feindbilder bezeichnen, sein eigenes Weltbild zur Leitkultur erklären und die Vernichtung aller übrigen anordnen. Wir erkennen, wie sich die Vorstellungskraft der Menschen gestalterisch auswirken kann – auch wenn wir ihr Handeln nicht als künstlerisch ambitioniert bezeichnen – dienen doch selbst Kriege noch der aktiven Einflussnahme auf Weltbilder. Die Naturwissenschaft räumt demgegenüber ein, dass die Natur, sprich: die Welt, noch ganz anders beschaffen sein könnte als Menschen es sich vorstellen können und stellt daher beständig Fragen an die Natur, um die Unterschiede zwischen Vorstellung und Wirklichkeit in Erfahrung zu bringen. So entsteht aus ihrer Perspektive wiederum ein eigenes Weltbild, dessen Grösse und Schönheit auch nur durch ernsthafte Einarbeitung erkannt werden kann. Noch etwas anders gefärbt ist das der Geisteswissenschaften, die nicht zu den exakten Wissenschaften gehören, da sie quantitativ und formlogisch keine präzisen Aussagen machen können. Zwar gehören sie den Naturwissenschaften nicht an, interessieren sich aber dennoch und in einem anderen Sinne für die Natur der Dinge.
Analog zu jenen, die zweisprachig aufgewachsen sind und denen es daher leichter fällt, sich in der jeweils anderen Sprache zu verständigen, wächst an der Tastatur des Computers eine Generation heran, die schon früh mit anderen Kulturen in Verbindung kommen kann, wozu nur wenige Mausklicks genügen. Diese Chance ist nutzbar. Am technischen Gerät liegt es zumindest nicht, wenn die Verständigung nicht funktionieren sollte – und das wiederum wirft uns zurück auf die Fähigkeit des Geistes, dem letztlich die Aufgabe der Selbstüberwindung zukommt. So viel mittels Tastendrucks weltweit in Auftrag gegeben werden kann: Verantwortung ist nicht delegierbar.
Auf dem Weg zur Problemlösung liegt es nahe, nach geeigneten Denkmodellen Ausschau zu halten, die eine Hilfeleistung bieten können, und so nimmt es nicht Wunder, dass man vor allem den Begriff der Harmonie als Vorbild gebende Metapher für glückliches Zusammenleben in Anwendung brachte und zuweilen sogar recht konkret als Plädoyer für Demokratie auffasste. So schreibt Erwin Schadel mit besonderem Analogiebezug zur natürlich-harmonischen Zwölftonleiter: «Der positive Seinssinn von Demokratie liegt, wie es scheint, also darin, dass jeder Einzelne sich in seiner bestimmten Lebensaufgabe individuiert, um solchermassen in der Lage sein zu können, von seinem speziellen Tätigkeitsfeld her einen möglichst wertvollen Ertrag seiner Bemühungen an die Gesellschaft weiterzugeben. Individualisation und Sozialisation schliessen sich, so besehen, keineswegs aus, sondern sind als Komplementär-Gegensatz zu erläutern, der über die Alternative Individualismus und Pluralismus hinausführt.»[x]
Dem gegenüber mag manchem sehr viel eher die temperierte Stimmung als «Lösung des Gordischen Knotens mit friedlichen Mitteln»[xi] erscheinen, denn sie erlaubt – im Unterschied zur oben genannten natürlich-harmonischen Stimmung – das unbehelligte Durchwandern aller Tonarten, wie es Johann Sebastian Bach in seinem Wohltemperierten Klavier praktizierte. Allerdings liesse sich ihre Botschaft mit gleichem Recht auch dahingehend interpretieren, dass nur der Herrschende seine eigene Charakteristik beibehalten darf – wir erinnern uns, dass nur die Oktav bleiben darf, wie sie ist – während den Nachgeordneten je nach Rang und Stand erhebliche-, ihrer Natur zuwiderlaufende Entstellungen ihrer Individualität zugemutet werden. Man sieht daran einmal mehr, dass Analogiebeziehungen für vieles taugen und die Harmonielehre nicht mehr bieten kann als ein Gleichnis – in diesem Fall einen Analogiebezug zu Monarchie und Diktatur.
Wer die Dinge physikalisch zu sehen gewohnt ist, wie beispielsweise ein Klavierstimmer, steht vor einer gegebenen Tonvielfalt, in der jedem Ton gleiche Berechtigung zukommt. Ausgehend von einer Bezugstonhöhe wählt er Relationen zueinander, die die Gegebenheiten der Teiltonspektren zur Grundlage haben. Er ordnet das System nach seinem Ermessen, kann sich für reine Intervalle entscheiden oder auch für schwebende. Und er kann gerade auch in dem Bezug der Schwebungen zueinander Wohlklang und Sinnlichkeit erzeugen. Ohne das gleichmässige Abnehmen der rollenden Terz-, Sext-, und Dezimschwebungen zum Bass hin wären Brahms, Chopin, Liszt und zahllose andere Komponisten nicht, was sie für uns sind, weil sie mit der perkussiven Komponente der Intervalle bewusst gearbeitet haben: mit dem Beben, dem Taumeln, dem Pulsieren, dem unrunden Rollen, dem Trommeln und Vibrieren oder gar mit sirenenhaftem Gewirr, geeignet zur Auslösung von Gleichgewichtsstörungen und Herzrasen.
Speziell in der h-Moll Sonate von Franz Liszt, in der die Höllenfeuer Luzifers dem Paradies gegenüber gestellt werden, kommen Tritonus und Oktav sowie Tonwiederholungen (Prim in 5maliger Wiederholung) höchst kontrastreich zum Einsatz. [xii]Bereits Michael Praetorius bemerkte anlässlich der Beschreibung der Orgel zu Halberstadt, dass sich die Claves «in der Höhe zur Liebligkeit begeben», wohingegen sie in der Tiefe ein «grobes Brausen», «grewlches grümmeln» und «gewaltiges geschrey» vernehmen lassen.[xiii] Die Analogie zwischen Diskant, Höhe und Himmel sowie Bass, Tiefe und Hölle drängt sich geradezu auf, noch dazu, wenn aus den Tiefenregionen «gewaltiges geschrey» zu vernehmen ist. Doch etwas Weitergehendes in das Tonsystem hineinzulesen, ein göttliches Gesetz oder das Vorspiel des himmlischen Lebens etwa, ist aus Sicht des Physikers vergleichbar mit Astrologischer Sternendeutung.
In dieser Studie wurde deutlich, wo die grosse Wertschätzung herrührt, und warum die Harmonielehre einen Stellenwert einnimmt, als ob es sich geradezu um die topografische Erschliessung des Reiches Gottes handele. MUSCA PRAELUDIUM VITAE AETERNAE ist für den gläubigen Menschen schlicht eine wahre Aussage. Sie fusioniert das Wahre, Schöne und Gute, und begründet die gleichnishafte Sicht, der zufolge Töne geradezu Himmelsboten seien, die sich von daher gar nicht anders als vorbildlich verhalten können – sind sie doch in der Lage, Momente des Glücks mit Offenbarungscharakter in uns auszulösen. In der Darstellung Van Eycks gelangt die Musik der Engel zu den Menschen zusammen mit der Hostie und dem Wasser des ewigen Lebens. Dieser Bedeutungsgehalt entspricht, um noch einmal darauf hinzuweisen, gleichermassen dem des Lichtes. Denn schon bei Dionysos Areopagita heisst es, dass das Licht eine Offenbarungsform darstelle, die Gott durch Verhüllungen so modifiziert habe, dass sie dem schwachen menschlichen Erkenntnisvermögen angemessen sein.[xiv] Aus Sicht der Kirche handelt es sich bei der Darstellung des Pantokrators (gr. παντοκράτωρ: All- oder Weltenherrscher) schlicht um die Darstellung einer Tatsache.
Trotz aller demokratischen Konsensbemühungen verbleibt, wie hier sichtbar wird, eine sehr scharfe Trennlinie zur Unterscheidung der verschiedenen Denkprinzipien. Bereits, wenn wir uns in abstrahierter Betrachtung zur Formulierung hinreissen liessen, dass das Christentum Selbstüberwindung durch Demut ermöglicht und als return on investment die Belohnung des ewigen Lebens offeriert, demontierten wir das Gemeinte bereits insofern, als wir den Glauben vom Status der Wahrheit zum Denkmodell degradierten. Hier tun wir dies bewusst, um die unterschiedlichen Standpunkte herauszuarbeiten. Jedem Aussenstehenden einer Weltanschauung verbleibt nur das Denkmodell – und es ist schon viel, wenn er sich ernsthaft damit befasst. Die Erkenntnis, es mit dem Allerheiligsten des Gegenübers zu tun zu haben, verpflichtet den Aussenstehenden zu einer würdevollen Umgangsart, und erst, wenn er die Inhalte voll und ganz annehmen kann, erhält er den gemeinten Zugang.
Den Wissenschaften ist dies – nicht allein in Bezug auf das Christentum – nicht möglich, denn die Felder der spekulativen Interpretation und der Analogiebeziehungen sind ausserwissenschaftliche Orte. In den Künsten, der Musik und der Poesie nehmen sie grossen Raum ein und sind Träger bezaubernder Schönheit. Nicht umsonst findet sich die Inschrift «DEM WAHREN SCHOENEN GUTEN» am Dachfries der Alten Oper zu Frankfurt im sinnreich hinterfragenden Kontext der Figurengruppe Dichtung und Wahrheit sowie Kunst und Natur – zugleich Hommage an den grossen Sohn der Stadt: Johann Wolfgang von Goethe – von Franz Krüger (1849 – 1912). Wo sich Tonkunst und Bildkunst vereinen, entfalten sie ein mächtiges Potential der Erlebnistiefe auch dann, wenn sie nicht in sakraler Mission agieren. In ihnen werden die in Partitur und Libretto festgelegten und sorgfältig einstudierten Beziehungssetzungen suggestiv wirksam und vereinnahmen die Sinne der Menschen, die sich dem Erlebnis in der sehnsuchtsvollen Vorstellung ergeben, wie es wohl wäre, wenn zur Schönheit auch noch das Wahre und Gute hinzu träte – eine schwelgerische Zusammenziehung drei unterschiedlicher Wertkategorien. Für die kunst- und musikwissenschaftlichen Disziplinen ist es mit enormer Anstrengung verbunden, dem interdisziplinären Anspruch der Oper gerecht zu werden, wobei sie jedoch nicht in den Konflikt geraten, die transportierten Inhalte als Wahrheit erachten zu müssen. Alles in Theater und Oper Wahrgenommene ist gemacht und künstlich erzeugt. Das heisst im Umkehrschluss jedoch nicht, dass deshalb auch die Inhalte nur verlogenen Attrappencharakter aufweisen könnten. Manche Wahrheit lässt sich mit Hilfe der Simulation erst richtig aufdecken. Die theatralischen Effekte des theatrum sacrum wie man sie von den Barockkirchen her kennt, in denen Musik, Architektur, Skulptur und Malerei ineinander verwoben auf höchstem Niveau agieren, tragen zu einer Polarisierung der Betrachtungsweise bei. In ontologischen Studien und religiösen Betrachtungen erhalten Analogien tatsächlich Argumentstatus, weil ein Gleichnis stets nur eine Platzhalterfunktion für etwas anderes einnimmt, für das es steht. Die Passionsblume versinnbildlicht das Prinzip der Schöpfung und wird nicht zu deren Beweis herangezogen. Das verbindende Element der Einzelbeobachtungen ist in allen Religionen – sehr im Unterschied zur Oper –nicht allein das Gefühl, die emotionale Hingezogenheit und das Schwelgen in Analogien, sondern der Glaube, die spirituelle Bindung und geistige Verortung, die zum Ausdruck gebracht werden soll. Auch wenn die Oper auch ihren Stoff durchaus glaubhaft zu vermitteln versucht, kommt sie doch an das Spirituelle nicht ansatzweise heran. So gesehen enthält die Bezeichnung theatrum sacrum eine blasphemische Komponente und es schimmert die Strategie der Polemik hindurch, die darin besteht, entscheidende Inhalte kurzerhand zu unterschlagen. Die gedankliche Zertrümmerung findet im Bereich der Namengebung und Wortwahl sehr früh und durchaus suggestiv statt. Von daher ist gegenüber allzu verkürzten Darstellungen Vorsicht geboten.
Die Wissenschaft hat ihre Verortung in der Kausalität. Rationalität ist nicht beugbar und in ihrer Wesensart nicht kompromissfähig, denn eine Beweisführung hat keine verhandelbare Komponente, ist nicht Ansichtssache. Das liegt in ihrer Struktur begründet. Ebenso wenig ist der Glaube, sofern man ihn als Überzeugtsein definiert, verhandelbar. Gleichwohl ist es als Gewinn zu verbuchen, wenn Wissenschaft und Religion ein jeweiliges Gegenüber wahrnehmen, dem jenseits der eigenen Grenzen Eigenwertigkeit zukommt, Gehaltfülle und Weisheit. Beide haben die Tatsache zu akzeptieren, dass der Menschheit nicht weniger als ein gedanklicher Quantensprung abverlangt wird, ein tägliches Arbeiten mit zweierlei Beurteilungsmassstab. Immerhin ist eine Gemeinsamkeit darin zu sehen, dass sich auch der Wissenschaftler einer freiwilligen Selbstbeschränkung unterzieht – vergleichbar mit den Regeln im Strassenverkehr – einem Modus der sachbezogenen Kommunikation. Sein Lohn ist gleichsam die Überzeugung, sich auf dem Weg zur Wahrheit zu befinden. Daher hat Wissenschaft eine interkulturell verbindende Wirkung.
Kehren wir noch einmal zurück zur Harmonielehre, bemerken wir, dass speziell der Quintenzirkel eine rationale Botschaft enthält, denn die Bedingungen innerhalb eines geschlossenen Systems, in dem die Funktionalität des Ganzen von der Abstimmung der Einzelelemente zueinander abhängt, sind prinzipiell dieselben, gleichgültig, ob wir über ein Tongefüge, über das Räderwerk einer Uhr, über den Weltfrieden oder über das ökologische Gleichgewicht sprechen. Hier haben wir es nicht mit einer Weltbild-Projektion, sondern mit einer überschaubaren gegebenen Rahmenbedingung zu tun, sie sowohl aus musikalischer-, politischer-, wissenschaftlicher-, technischer, und kirchlicher Perspektive betrachtet werden kann. Die Rahmenbedingung auf der Erde ist durch die Begrenztheit der Kugeloberfläche gegeben. Das Bild der Welt aus der Perspektive des Kosmos haben wir der Raumfahrt zu verdanken. Dass jede Art eigennützigen Alleingangs oder Machtanmassung zu Dissonanzen führt, gar das Gesamtsystem zum Kollabieren bringen kann, ist eine musikalisch-, politisch-, militärisch-, technisch-, ökologisch-, physikalisch- und theologisch erkennbare Tatsache. Was Erwin Schadel als Komplementär-Gegensatz beschreibt, ist seinem Wesen nach ein Angewiesensein auf das Wohl des Gegenübers.[xv]
Wissenschaft und Religion haben sich somit – ungeachtet aller historischen Ereignisse – der übergeordneten Rahmenbedingung unterzuordnen, beide haben auf Herrschaftsansprüche zu verzichten. Sie sind Elemente und somit wichtige Bestandteile einer gegebenen Weltbeschaffenheit. Beide betrachten nur ein- und dieselbe Welt aus verschiedenen Blickwinkeln bzw. Gedankenregionen. Die Frage der zwischenmenschlichen Harmonie beschränkt sich im Wesentlichen auf zwei Aspekte: Darauf, wie mit dem jeweils Andersdenkenden umgegangen wird – besser noch: die Wertigkeit des Andersdenkens als solches zu erkennen, das als komplementäre Ergänzung verstanden werden kann – sowie darauf, durch eine halbwegs gerechte Güterverteilung dem Mitmenschen die Lebensgrundlage zu erhalten. Bei beidem geht es um Wertschätzung sowie Verzicht auf Dominanz.
Nachdem Analogie- und Kausalbezüge in jedem Individuum als komplementäre Gedanken ohnehin in Erscheinung treten, kann man die Angelegenheit auch als inneren Diskurs betrachten, bzw. als neuronal gegebene Herausforderung, losgelöst von den jeweils transportierten Inhalten. Es besteht gewisse Hoffnung dahin gehend, dass ein Verständnis für das Andersdenken umso leichter fällt, je mehr Übung im eigenen Cerebral-Cortex erfolgte. Am Ende kann jeder nur dankbar sein, wenn er auf eine Gruppe von Artgenossen stösst, die es vermag, seiner Beschaffenheit gleichen Stellenwert einzuräumen wie der eigenen, denn jeder ist mit der Individualität seiner Gedanken auch als Fremder auf der Welt und möchte irgendwo integriert sein. Der Grad des zivilisatorischen Fortschritts, pathetisch: der Weltharmonie, ist genau an der Fähigkeit zur Integration des Fremden zu bemessen, wobei es auf die Bereitschaft des Gastgebers und des Gastes zu gleichen Teilen ankommt. Musikalische Harmonie und Proportionslehre in Kunst und Architektur haben mit ihr gemeinsam, dass nicht der Alleingang des Einzelnen zum Ziel führt, sondern die Bezugnahme und die Ergänzung mit dem Gegenüber. Religion und Wissenschaft haben diesbezüglich, ebenso in der Wertschätzung des Geistigen schlechthin, durchaus ein gleiches Anliegen und wären in der Lage, den Weg gleichsam deutlicher aufzuzeigen – indem sie es vorleben – als getrennt voneinander, was natürlich nicht gleichzusetzen ist mit einer inhaltlichen Vermengung. Völlig zu Recht betont Bassam Tibi: «Toleranz kann […] nur als Teil einer politischen Kultur der Zivilität funktionieren, in der die verschiedenen Teilhaber daran Gegenseitigkeit anerkennen und akzeptieren.» [xvi]
Die Tabellen im Anhang zeigen die in dieser Studie angesprochenen Analogiebeziehungen auf und geben die jeweilige Interpretation je nach geistiger Perspektive wieder, sei sie additiv, kausal, emotional oder religiös. Vorab eine kurze Charakterisierung der unterschiedlichen Sichtweisen.
Additives Denken
Herodot schreibt in der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. über die Vorgehensweise der Ägypter: «Und noch etwas anderes haben die Ägypter herausgefunden: welcher Monat und welcher Tag jeweils den Göttern gehört, und was einem, wenn man an einem bestimmten Tag geboren ist, begegnen wird, wie man enden wird und was für einer man sein wird. Auch von diesen Dingen haben diejenigen von den Griechen, die sich mit der Dichtung beschäftigt haben, Gebrauch gemacht. Wunderzeichen sind von ihnen mehr aufgefunden worden als von anderen Menschen. Wenn nämlich ein Wunderzeichen geschieht, geben sie Acht und zeichnen auf, was danach passiert, und wenn später einmal etwas geschieht, das diesem ähnelt, glauben sie, nun werde das Gleiche passieren.»[xvii]
Die vergleichende Betrachtung – hier von den Ägyptern über längere Zeiträume notiert – steht in der Geschichte des analytischen Denkens am Anfang. Das zeitgleiche Auftreten von Auffälligkeiten wird an die Stelle von Ursache und Wirkung gesetzt, denn nur, wenn es sich um eine solche Beziehung handelt, ist eine Wiederholung der Ereignisse zu erwarten. Was jedoch vordergründig geschieht ist, dass die Auffälligkeiten lediglich zusammen genommen, d.h. addiert werden. Anderen Beobachtern wären gewiss andere Ereigniszusammenhänge aufgefallen. Daher sollte man wohl besser sagen, dass die Zusammenhänge erst durch den Notationsvorgang entstanden, und über die Zulässigkeit des Umkehrschlusses wurde nicht eigens diskutiert. Insofern kann es bei dieser Betrachtungsart kaum zu einer unabhängig voneinander entwickelten Übereinstimmung kommen. Interessanterweise betrachtet Herodot das Geschehen aus rationalem Abstand und erwähnt, dass die Vorgehensweise von jenen Griechen übernommen wurde, welche sich mit der Dichtkunst beschäftigen.
Denken in Analogien
Besonders deutlich zu erkennen ist diese Sicht, wo starke Emotionen ins Spiel geraten, beispielsweise bei Traumatisierungen. Geschieht ein Unglück bei zeitgleicher Wahrnehmung anderer Dinge, verankern sich diese im Gedächtnis und rufen Erinnerungen an die Ereignisse zuverlässig hervor, auch wenn sie nicht kausal mit ihnen in Verbindung stehen. Zu späterer Zeit basiert z.B. das Fluchtverhalten auf einer Kausalitätserwartung, weil die Wiederholung der Situation um jeden Preis verhindert werden muss. Daher flüchtet ein Kaninchen bereits in den Bau, sobald eine dunkle Silhouette am Himmel erscheint und hinterfragt nicht erst, ob es sich auch um etwas anderes als um einen Raubvogel handeln könnte. Vom Ergebnis her ist die intuitive reflexartige Reaktion die richtige Entscheidung und wurde von der Evolution stets mit dem Überleben belohnt.
Analogieerfassung kann ausgesprochen rasch ablaufen und wird nicht immer vom Bewusstsein erfasst. Auch ist sie mit der Ausschüttung von Hormonen (vom altgr. ορμàν hormā́n, ‘antreiben, erregen’) verbunden, die einen spezifischen Befindlichkeitszustand zur Folge haben. In umgekehrter Richtung wird beispielsweis mit der Sitte, sich an den Todestag eines Verstorbenen zu erinnern (z.B. Karfreitag), die Fähigkeit des Nachempfindens verstärkt, vergleichbar mit einem reenactment, weil die Situation zumindest partiell nachgestellt wird, als wäre man rückversetzt an den Tag des Geschehens. Emotivität geht mit Empathiefähigkeit einher. Daher kann eine geschnitzte Holzfigur, die Christus am Kreuz darstellt, Mitleid erzeugen. Kausal ist das nicht zu begreifen. Einerseits, weil nicht klar ist, warum ein Stück Holz Schmerzen verursachen soll, solange es nicht als Waffe verwendet wird, andererseits, weil Mitleid ein Vorgang des Analog-Verhaltens und nicht des kausalen Denkens ist. Im Rahmen von Auseinandersetzungen führt die Emotion auch zur Zerstörung all dessen, was mit dem Feind in Verbindung steht, auch wenn es keinen bedrohlichen Charakter hat.
Kausales Denken
Kausalität ist gekennzeichnet durch einen klar umrissenen Zuständigkeitsbereich, kennt nur Ursache und Wirkung und verhält sich daher anderen Wahrnehmungsvarianten ignorant gegenüber. Ihr Vorteil ist die Neutralität des Betrachterstandpunktes, denn wer sachlich bleibt, weil er dem Grund für etwas nachgeht, bleibt innerlich, d.h. emotional unbeteiligt. Insofern haben wir es mit zwei Seiten ein- und derselben Medaille zu tun. Den Wissenschaften dient sie zur Analyse von Zusammenhängen. Sie ist Grundlage für den medizinischen und technischen Fortschritt.[xviii] Kausalität hinterfragt sich selbst nicht qualitativ, sondern richtet sich mit Scheuklappen ausgestattet nur darauf, was beeinflussend miteinander zusammenhängt und was nicht. Da es die Dinge selbst sind, die ihre Zusammenhänge preisgeben, können Wissenschaftler völlig unabhängig voneinander zu gleichen Ergebnissen gelangen.
Religiöses / ethisches Denken
Den reinen Denkfunktionen übergeordnet ist das bewusst entscheidende Ich, das eine Auswahl dahin gehend vornimmt, welcher der genannten Bereiche in welcher Gewichtung zum Einsatz gelangen soll und welche Inhalte Priorität erlangen. Während in der Evolution das eigene Überleben sowie der eigenen Art eine klar dominierende Rolle spielen, treten im Rahmen der kulturellen Entwicklung des Menschen mehr und mehr religiöse und ethische Erwägungen hinzu. Die Religionen nehmen den Menschen so, wie er ist, mit allen Wahrnehmungs- und Denkvarianten, und betrachten die Einseitigkeit des Kausalen daher als unrealistisch im Sinne von unvollständig und ergänzungsbedürftig. Zudem unterziehen sie die Denkvorgänge, gleichwelcher Art, einer inhaltlichen Bewertung und unterscheiden das Gute vom Bösen. Je nach Religion treten die jeweiligen Glaubensgrundsätze hinzu, die zu hinterfragen als unzulässig angesehen wird, da es sich um gegebene Wahrheiten handelt. Dem gegenüber kennt Ethik keine dogmatischen Ergänzungen und befasst sich lediglich mit den Kriterien für gutes und schlechtes Handeln.
Wissenschaft
Aufgabe der Wissenschaft ist es, Sachverhalte möglichst wahrheitsgemäss – bescheidener: treffend – zu beschreiben, ohne selbst Partei zu ergreifen oder zu einer inhaltlichen Veränderung des Dargestellten beizutragen. Dies geschieht zum einen durch die Bemühung um Objektivität, zum anderen durch das Eingeständnis und die Offenlegung der eigenen Beschaffenheit (Subjektivität), die nicht willentlich abgelegt werden kann. Wenn Objektivität schon nicht möglich ist, dann wenigstens Transparenz. Dem Betrachter soll das nötige Material vorgelegt werden, damit er sich ein eigenes Bild von den Gegebenheiten machen kann, um es im Anschluss seinerseits zur Diskussion zu stellen. Wissenschaftliche Entwicklung ist auf Teamarbeit angewiesen. Daher die erforderlichen Fussnoten und Literaturverweise. Speziell in den Geisteswissenschaften ist Kausalität nur ein-, wenn auch sehr wichtiges Tool im Werkzeugkoffer des Denkens. Des Weiteren ist selbstbeobachtend zu erkennen, dass die Wissenschaften zur Differenzierung neigen. Wenn man die Welt fokussiert betrachten will, wird sie sich nur in Details zu erkennen geben. Aus diesen Einzelheiten, die dem Leser auch in dieser Studie nicht erspart bleiben konnten, setzt sich jedoch ein Bild zusammen, das auch als Ganzes betrachtet werden muss. Dann gilt es, den inneren Zusammenhängen zu folgen und nicht, an den Grenzen der eigenen Disziplin Halt zu machen, an einer Epochen- oder Gattungsgrenze. Nur auf diesem Wege war es möglich, die gewaltige Verzweigung der Familie der Tasteninstrumente erstmals in Umrissen aufzuzeigen: in zeitlicher Dimension von der Antike zur Gegenwart, in thematischer Dimension von der Tonkunst über die Mathematik zur Kommunikation, in räumlicher Dimension über den ganzen Globus, in geistiger Dimension von Spiel und Unterhaltung bis hin zur ernsten Gottsuche, in politischer Dimension von der Militäraktion zum Demokratiesupport. Kein anderes Kulturgut hat eine solch omni-disziplinäre Vielseitigkeit aufzuweisen. In jenem Punkt, der die Demokratie anbetrifft, ergreift die Wissenschaft entschieden Partei, denn ihr wichtigstes und positivstes Merkmal ist ihr ständiges Verlangen nach Korrektur, das den Andersdenkenden von Haus aus integriert. Mehr noch: sie hat ihn zum eigenen Fortbestehen nötig. Und die Äusserung Papst Benedikt XVI: «Niemand ist in der Kirche ein Fremder, sondern alle sind Bürger desselben Volkes»[xix] weist in genau dieselbe Richtung.
Epilog
Im Rahmen dieser Studie wäre das Verständnis der vorgestellten Kunstwerke nicht möglich, ohne die Verschiedenheiten der zugrunde liegenden Denkweisen wertschätzend aufzuzeigen, aus denen sich unsere Kulturgeschichte «poly-cerebral» zusammensetzt. Die wissenschaftliche Sicht – die sich unparteiisch und beschreibend gibt, gleichsam jedoch der Kausalität verpflichtet ist, wird damit ins Verhältnis zu anderen Sichtweisen gesetzt. Und hätten wir uns nicht selbst, gewissermassen inkognito, mit wissenschafts- bzw. kausalitätsfremder Denkart auf die Reise begeben, wäre über Kunst und Religion gar nichts zu verzeichnen ausser Unverständnis.
Für die Entwicklung des substanziellen Verstehens von Demokratie ist ausgewogene Bildung in kausalen und emotiven Bereichen nötige Voraussetzung. Die hierbei entstehenden Reibungsverluste, die durch die Notwendigkeit des Abgleichs entstehen – sie sind ebenso zu beobachten, wenn man eine Volksabstimmung einem diktatorischen Befehl gegenüber stellt – müssen gewiss in Kauf genommen werden, sind aber vom Ergebnis her auf breiterer Fläche abgestützt, verfügen über einen weiteren Horizont und über mehr Reife. Insofern sind sie tendenziell nachhaltiger. Die Spannung, welche zwischen dem Verschiedenartigen entsteht, entspricht nicht der Unverträglichkeit eines Gegensatzes. Denn während mit der Definition des Gegensätzlichen die Grundlage zur Eliminierung des Gegenübers geschaffen wird, sind Verschiedenartigkeiten durchaus auszuhalten. Gewiss gibt es die Grenze der Unterscheidung, womöglich ergibt sich auch eine Schnittmenge, womit eigentlich eine Gemeinsamkeit gemeint ist. In jedem Fall ist ein Arbeitsvorgang erforderlich, der allein in die Koexistenz investiert werden muss. Im Gegenzug enthält Teamarbeit ein hohes Synergiepotential, von dem bei Vernichtung des Gegenübers nicht mehr die Rede sein kann.
Der Bereich zwischen den Völkern, zwischen den Disziplinen und damit zwischen den verschiedenen Denk-, Lebens- und Arbeitsvarianten – leider wird die Schnittstelle oder Grenzlinie oft mehr betont als die ausserordentliche Qualität der Verbindung – ist der Ort der Einigung, des diplomatischen Konsenses, des Vertragsabschlusses. Aufgrund der ständigen gesellschaftlichen und ökologischen Veränderungen ist er instabil und wird daher nicht selten auch nach langen Bemühungen nur kurzzeitig aufgefunden.
Sich im eigenen Fachgebiet, in der eigenen Nation oder Religion aufzuhalten, ist dem gegenüber ungleich einfacher und suggeriert Sicherheit und Stabilität. Dabei gilt auch hier das Prinzip des Sowohl-als-auch, denn das Plädoyer für das Verbinden fordert nicht die Preisgabe der individuellen Überzeugung, der nationalen oder spirituellen Identität oder Fachkompetenz – eben gerade nicht! Die Verlockung, um eines bequem zu erreichenden kurzfristigen Vorteiles willen auf Einsicht zu verzichten, stellt den Wert nicht infrage, sondern zeigt nur auf, was sich hinter dem Begriff Instabilität noch verbirgt – ebenso die Tatsache, dass jede Generation mit einigem Aufwand zur gleichen Erkenntnis gelangen muss.
Allein die Kopftuchdebatte in Europa zeigt, welche Hürden zu nehmen sind, wenn das Fremde nicht mehr in virtueller Nähe an PC oder TV, sondern realiter im eigenen Alltagsumfeld akzeptiert werden muss. Sie fordert dazu heraus, über die Beziehung zur eigenen Kultur nachzudenken, die vielleicht so lange gar nicht interessant zu sein schien, bis jene Fremden mit unverkennbarem Stolz auf ihre Identität in Erscheinung traten. Andererseits ist die kulturelle Verankerung in vielen Regionen des Globus derart ausgeprägt, das Bewusstsein für ein interkulturelles Miteinander aber noch so wenig vorhanden – vor allem wenn das Fremde mit Übermacht daher kommt – dass das Festklammern am Überlieferten als einziger Halt erscheint. Jedes Land hat seine eigene Geschichte, die kaum mit jener Europas parallel verlaufen konnte. Daher hat die Begegnung zuweilen die Anmutung einer Zeitverschiebung. Und von je her spielen psychologische Momente, die Angst, die Selbstwertproblematik sowie das Bedürfnis nach Besitzstandswahrung stark in die Begegnung mit Fremden hinein – Ängste, die darauf warten, von der inneren Überzeugungskraft überwunden zu werden. Allerdings sollte diese dann auch zur Verfügung stehen. Bislang war kaum ein Unterscheidungsmerkmal zu banal, um nicht als Konfliktstoff in Dienst gestellt werden zu können. Und die Integration der Fremden in Feindbilder hat sich eher selten als problematisch erwiesen. Wissen ist in weiten Bereichen optional und kann in einer zivilen Gesellschaft zum Vorteil aller von Fachspezialisten kultiviert und ausgebaut werden. Das grundlegende Verständnis menschlichen und mitmenschlichen Funktionierens aber ist es nicht. Zudem ist, wie bereits angesprochen, die Erkenntnis wohl das eine, die Handlung dann allerdings noch das andere.
Die Entwicklung des Keyboards (wörtlich: des Schlüsselbrettes) strebt einem Potential entgegen, das dazu geeignet ist, alle geistigen Möglichkeiten effizient zur Entfaltung zu bringen. Eine Liste dessen, was bereits heute mittels Tastendrucks in die Wege geleitet werden kann, dürfte daher kaum Vollständigkeit beanspruchen, weil täglich neues Terrain erschlossen wird – vor allem mit Hilfe künstlicher Intelligenz. Dabei handelt es sich um ein Werkzeug, das wie alle anderen auch, in zivilisatorisch wertvoller-, sowie in rückschrittlicher Art angewendet werden kann und auch angewendet werden wird. Sie wird dem Menschen weder Verantwortung abnehmen noch die Notwendigkeit, an der Synergiefähigkeit sowohl mit seinesgleichen als auch mit der Natur zu arbeiten.
Tabellarischer Anhang (zum Vergössern bitte Anklicken)

Jean Franeau, Passionsblume 1616
[i] Auf die grosse Bedeutung der Analogien für das Lernen und für die Entwicklung eines Frühwarnsystems kann im Rahmen dieser Studie nicht näher eingegangen werden.
[ii] Courth, 1985, 156
[iii] Als Beispiel sei die medienwirksame Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamijan (Afghanistan) genannt.
[iv] Der unglücklich gewählte Begriff wurde vom Politologen Bassam Tibi verwendet, um einen gesellschaftlichen Wertekonsens zu beschreiben. Die zugehörige Definition, wie sie Tibi vornahm, wurde jedoch komplett ignoriert und der Begriff, wie hier, eher in anmassendem Sinne verstanden. Vgl. Tibi 2001, XII. Kultur ist Identität aufgrund von Prägung und Entscheidung. Ebenso wenig wäre es angebracht, von einer Leitreligion zu sprechen. Die Definition Bassam Tibis hat mit diesen, aus den Worten selbst entwickelten Inhalten, nichts zu tun und ist vielmehr im Sinne von Weisheit zu verstehen.
[v] Joh.18, 36
[vi] Zur musikalischen und visuellen Ouvertüre s. auch Belz, 1998, 221 ff
[vii] Als Beispiel mag die Protestaktion von Pussy Riot dienen
[viii] Näheres s. Hans Küng, 2012
[ix] Zitiert nach Pfeifle, 2010, 25f, der in seiner Dissertation einen Einblick in die juristische Problematik hinsichtlich der Definition und des Umgangs mit Weltkulturerbe bietet und zugleich auch das immaterielle Kulturerbe anspricht. Darin auch die Erwähnung des Bürgerlichen Gesetzbuches mit der aufschlussreichen Bezeichnung «Kathedrale des Rechts», 9ff
[x] Schadel, 1995, 290
[xi] So formulierte es Emil Olbrich, Klavierbaumeister in Würzburg, mehrfach gegenüber dem Verfasser.
[xii] S. Szász, Tibor, 1984
[xiii] Praetorius, Bd II 1618, Neudruck 1884, 119f
[xiv] Linscheid-Burdich, 2004, 43
[xv] An dieser Stelle ist korrigierend zu bemerken, dass das Begriffspaar Komplementär-Gegensatz in sich widersprüchlich ist. Komplementär ist das ergänzende Gegenüber, nicht das einander ausschliessend Gegensätzliche. Das trifft auf die Komplementär-Intervalle, die sich zur Oktav ergänzen und auf die Komplementärfarben, die sich im Farbkreis zwar gegenüber stehen, aber keineswegs gegensätzlich sind, in gleicher Weise zu.
[xvi] Speziell mit dem II. Vatikanischen Konzil bewegte sich die Kirche auf ein Demokratieverständnis zu. In seinem Schreiben vom 27.Mai 2007 an die chinesischen Katholiken verweist Benedikt XVI darauf und strebt den respektvollen konstruktiven Dialog in gegenseitiger Achtung an, bei gleichzeitiger Berufung auf das Recht der Religionsfreiheit. Es wundert nicht, dass er nicht überall auf ungeteilte Zustimmung stiess. Wie bekannt, wurde das Schreiben seitens der Regierung Chinas aus dem Netz gelöscht. www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/letters/2007/documents/hf_ben_xvi_let_20070527_china_ge.html
[xvii] Herodot, Historien, 2, 82
[xviii] Paradoxerweise wird der Begriff Fortschritt auch für militärische Errungenschaften verwendet, obwohl es sich bei gelungener Zerstörung definitiv um einen Rückschreiten handelt – um ein Zurück auf Null. Daran ändert sich auch nichts durch Erhöhung der Effizienz. Demzufolge sind auch die Entwicklung und Planung des Rückschritts in globaler Betrachtung nur kostspielig rückschrittlich. Das Machbare, im Sinne von kausal ineinandergreifend und daher funktionsfähig – Beispiel: Atombombe –ist aus sich selbst nicht mit Ethik kompatibel, denn nicht alles, was den Praxistest besteht, ist auch von Wert.
[xix]www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/letters/2007/documents/hf_ben_xvi_let_20070527_china_ge.html