Wissenschafts-Blog

05.01.2025

C16 Einführung in die Welt der Tasteninstrumente

Obwohl Keyboards zu den meistverwendeten Werkzeugen des zivilisatorischen Alltags gehören – kein Computer kommt ohne Keyboard aus – ist die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs uneinheitlich und daher zuweilen irreführend. Inhaltlich gesehen wäre die Übernahme des englischen Wortes gar nicht erforderlich, denn in der Bezeichnung Klaviatur ist das lat. clavis enthalten und das bedeutet ebenfalls nichts anderes als Schlüssel.

Sofern es darum ging, für die Tastatur des Computers einen anderen Begriff zu wählen als für die Tastatur des Pianofortes, so kollidiert dieses Anliegen mit der Tatsache, dass – zumindest im deutschsprachigen Raum – viele unter Keyboard ein Stage-Piano verstehen. Der Sinn der Wortbestandteile Schlüssel bzw. Key ist vielerorts verloren gegangen. Dabei handelt es sich um eine Analogieverknüpfung: Wie Schlüssel Zugang verschaffen und Verbindungen ermöglichen, so verschaffen Tasten ihrerseits Zugang und Verbindungen. Weitere Analogieübertragungen finden wir in Redewendungen wie: «keinen Zugang haben», «das bleibt mir verschlossen», schliesslich im Sinne von: «ein Vorgang wurde abgeschlossen», «verschlüsseln», «schlüssig», «Notenschlüssel», «Aufgeschlossenheit», «Schlüsselerlebnis», «Schlüsselreiz», «Schlüsselfigur», «Schlüsselbegriff», «Schlüsselerfindung

Die Tasten des Pianofortes verschaffen Zugang zur Musik, weil sie es ermöglichen, Töne zu Harmonien und zu Melodien miteinander zu verbinden. Das Keyboard der Schreibmaschine entführt uns in die Welt der Romane und Erzählungen, weil mittels Tastendruck Buchstaben zu Wörtern und diese zu Sätzen verbunden werden können. Das Keyboard des Taschenrechners verschafft Zugang zur Mathematik, weil seine Tasten in die Lage versetzen, Zahlen auf unterschiedlichste Art miteinander in Beziehung treten zu lassen. Mit dem Keyboard der Lichtorgel kombinieren wir Lichtereignisse und Farben miteinander. Das Keyboard des Computers ist dem gegenüber ein wahres Multitalent, weil es all’ diese Eigenschaften miteinander verknüpft. Das Handy schliesslich verbindet uns mit unseresgleichen, d.h. in der Regel mit Personen, die gegenwärtig nicht greifbar sind. Somit kommt man nicht umhin, die Worte Keyboard oder Klaviatur als Schlüssel- und Oberbegriffe für alle Tasteninstrumente zu verstehen. Deren Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie uns Zugang zum Immateriellen ermöglichen.

Gehen wir in die Geschichte zurück, bemerken wir, dass im Jahrhundert der Wiederentdeckung der Neuen Welt durch Christoph Columbus der Mensch daran ging, die Regionen des Immateriellen zu erkunden und in Besitz zu nehmen, denn: was bisher unfassbar war, bekam er mittels Tasten nun doch unter seine Finger und damit in seine Gewalt.

Zwar hat die Orgel schon sehr viel ältere Vorläufer, so dass man nicht von der Erfindung der Tastatur im Spätmittelalter sprechen kann, doch erhielt sie damals ihr heutiges Erscheinungsbild – die einzelnen Tasten wurden mit den Buchstaben des Alphabets bezeichnet – war in gewissem Sinne ausgereift, auch kam es zu einer ersten massenhaften und grossräumigen Verbreitung. Wir werden später darauf zurück kommen. Doch betrachten wir zuerst noch einmal genauer das Phänomen als solches. In der Denkart des Mittelalters musste allein das Ansinnen, sich Zugang zum Immateriellen verschaffen zu wollen, als unerhörter Vorgang erscheinen, war doch das Geistige bislang allein dem Göttlichen vorbehalten: «Im Anfang war der Logos – das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort», ist im Johannesevangelium zu lesen.[i] Oder an anderer Stelle: «Ich bin das Licht der Welt».[ii] Und ferner: «Alles hast Du nach Mass, Zahl und Gewicht geordnet».[iii] Selbstverständlich kamen in den Zahlen göttliche Ordnungsprinzipien zum Ausdruck. Und die Musik wurde als ein Geschenk Gottes betrachtet, daher ist der Sinnspruch MUSICA DONUM DEI auf zahlreichen Instrumenten zu lesen. In den biblischen berichten wird mit Schallereignissen die Exekutivkraft Gottes zum Ausdruck gebracht, so dass zuweilen der Eindruck entsteht, dass die Musik selbst wundervollbringende Wirkung habe, so zum Beispiel bei David, der die Zither vor Saul spielt mit dem Ergebnis: «Saul wurde es leichter zumute, sein Zustand besserte sich und der böse Geist wich von ihm.»[iv] Oder an anderer Stelle erfahren wir, dass mittels Posaunenschall die Mauern Jerichos zum Einsturz gebracht wurden.[v] Die Musik kündigt demnach Gottes Nähe an. 

Zusammenfassend kann man – nach damaliger Auffassung – das Immaterielle als sein Hoheitsgebiet betrachten. Zugang erhält man allein durch die Schlüssel Petri. Dies nun umkehren-, d.h. die Dinge in die eigene Hand nehmen zu wollen, erschien von der Idee her im eigentlichen Sinne des Wortes als selbstherrlich. Da soll jemandem, dem bislang die Rolle eines Vorgesetzten zukam, das Handlungspotential genommen werden. Der Grund für ein solcherart revolutionäres Vorgehen ist üblicherweise die Unzufriedenheit mit den herrschenden Bedingungen und das Bestreben, mittels Umsturzes besseren Zeiten entgegen gehen zu können. Andererseits haben Befehlsstände schon immer eine besondere Anziehungskraft ausgeübt, unabhängig davon, was von der Zukunft erwartet werden durfte. Der Versuch, um im Bilde zu bleiben, sich mit selbst angefertigten Schlüsseln Zugang zum Immateriellen zu verschaffen, dessen Reinheit, Absolutheitsanspruch und Unvergänglichkeit dem Irdischen und Materiellen gegenüber steht, bedeutet in spätmittelalterlicher Lesart nicht nur einen Affront gegen Gott, sondern auch gegen die Kirche, und damit wird erkennbar, dass lange vor der Aufklärung eine stille Revolution ihren Anfang nahm, die bis auf den heutigen Tag andauert. Spätere Generationen haben ihr die Bezeichnung des technischen Fortschritts gegeben. Beim Wort genommen hat Fortschritt die Bedeutung des Fortschreitens, des Wegstrebens – mit den Steigerungsoptionen Weglaufen und Flüchten – fort von den Gegebenheiten und Einschränkungen biologischer Realität. Und in der Tat verfolgt die Technik primär das Anliegen, Möglichkeiten zu eröffnen, die dem Menschen von Natur aus nicht zur Verfügung stehen. Man denke an die Varianten der Fortbewegung mittels Auto und Flugzeug, an die medizinischen Errungenschaften hinsichtlich lebensverlängernder Massnahmen oder an extraterrestrische Exkursionen wie die Mondlandung oder die Erkundung des Mars.

Sowohl die Perfektionierung der Technik als auch die Akzeleration der Fortschrittsbewegung als solcher währen ohne Einsatz von Keyboards, die sich inzwischen zu einer kaum mehr überschaubaren variantenreichen Gattung entwickelt haben, undenkbar. Weltweit werden mittels Tastendrucks täglich milliardenfach vorbereitete Funktionsabläufe in Gang gesetzt, zugleich mit dem Nebeneffekt der Einsparung körperlicher oder geistiger Anstrengung. Ständig werden Grenzen verschoben bzw. Türen aufgetan. Wie Science-Fiction Filme es zeigen, die den zugrunde liegenden Gedanken konsequent und natürlich bewusst übertrieben weiter verfolgen, läuft das Bestreben auf Allmacht hinaus, denn Allmacht ist das letzte aller möglichen Ziele.

Dies ist gewiss nicht im Sinne einer unterstellten anti-religiösen Einstellung der Menschheit zu verstehen, sondern schlicht derart, dass man erst dann keine Ziele mehr haben kann, wenn man zur Verwirklichung aller in der Lage ist. Auch ist keine Kritik mit der Beschreibung verbunden, wie der Mensch versucht, seine gegebene Situation mit Hilfe geistiger Anstrengung zu verbessern. Jedoch ergibt sich aus der überzeichneten Betrachtung eine klarere Gegenüberstellung zur Denkart des Mittelalters, denn jener Wettbewerb, den wir heute in Forschung und Wissenschaft erleben, fand damals im Kathedralbau statt. Reliquien waren Anziehungspunkte für Pilger – gewiss auch kommerziell gesehen: Attraktionen. Doch wären diese Attraktionen ohne Wirkung geblieben, wenn sich nicht viele durch die gesuchte Nähe zu ihnen eine Heilswirkung für das diesseitige und für das ewige Leben erhofft hätten. Wenn wir im Folgenden zu den Ursprüngen zurück kehren, unternehmen wir gewissermassen eine Zeitreise und begegnen der mittelalterlichen spirituellen Sichtweise. Dabei beleuchten wir nur einen kleinen Teil der Geschichte des Keyboards, die der Verfasser an anderer Stelle zusammenfassend dargestellt hat.[vi] Allein die Seltenheit der wenigen erhaltenen Zeitzeugnisse rechtfertigt es, dass wir ihnen besondere Aufmerksamkeit widmen. Immerhin bilden sie für uns den Grundstein einer Entwicklung, deren Ende wir noch nicht absehen.

© Aurelius Belz


[i] Joh 1,1

[ii] Joh 8,12

[iii] Weish 11,24

[iv] I Samuel 16,23

[v] Josua 6

[vi] Belz, 2012