C17 Eine Standortbestimmung anhand des Verhältnisses von Fides und Ratio, von Glaube und Vernunft
Ein Gleichnis zum Einstieg:
Die Aussage, dass sich zwei parallele Geraden im Unendlichen schneiden, beschreibt nur einen gedanklichen Winkelzug, denn die einfachere Lesart ist jene, dass sie sich nicht schneiden. Die Definition ist eindeutig.
Das Verhältnis von Fides und Ratio
Analog verhält es sich mit Fides und Ratio, welchen Johannes Paul II im Jahre 1998 eine Enzyklika gewidmet hatte. Eigenständige gedankliche Gesetzmässigkeiten – Verknüpfungsgefüge – die nichts miteinander gemein haben, zwischen denen der Mensch jedoch aufgrund seines flexiblen Denkvermögens nach Belieben hin- und her wechseln kann. So gesehen stellt er selbst das verbindende Element-, nicht aber den Schnittpunkt dar, der sich aus der Verschiedenheit der Strukturen nicht ergibt. Johannes Paul II nannte sie: »jene zwei Flügel, mit denen sich der Geist zur Wahrheit erhebt.» und setzt damit voraus, dass geglaubte- und überprüfbare Wahrheit dasselbe seien, um kurz darauf zu betonen, dass sich hinter ein- und demselben Begriff verschiedene Bedeutungen verbergen können. Überkreuzen sich die beiden Denkpfade nun in der Unendlichkeit ein- und derselben Wahrheit oder bleiben sie einander fremd?
Aus der Dogmatischen Konstitution über den katholischen Glauben zitiert Johannes Paul II: «es gibt zwei Erkenntnisordnungen, die nicht nur im Prinzip, sondern auch im Gegenstand verschieden sind: im Prinzip, weil wir in der einen [Ordnung] mit der natürlichen Vernunft, in der anderen mit dem göttlichen Glauben erkennen; im Gegenstand aber, weil uns ausser der Wahrheit, zu der die natürliche Vernunft gelangen kann, in Gott verborgene Geheimnisse zu Glauben vorgelegt werden, die, wenn sie nicht von Gott geoffenbart wären, nicht bekannt werden könnten.»
Somit verbergen sich auch hinter dem Begriff «Erkenntnis» zweierlei Bedeutungen, die in der Lage sind, hart miteinander ins Gericht zu gehen, indem sie einander fragen, was für eine Art von Erkenntnis die jeweils andere denn sein soll. Die eine Seite beruft sich auf den Allerhöchsten, die andere auf das Instrument der Analyse. Wären in jenem Schriftstück die Begriffe Dogma und Erkenntnis verwendet worden, wären sie als wesensfremde Dinge unterscheidbar geblieben. So erhebt die dogmatische Behauptung den Anspruch, Teil der Erkenntnis zu sein, was einen wesentlichen Aspekt der Ratio ignoriert. Deren Fokus liegt nicht auf dem Festhalten erworbener Kenntnisse. Ihr Lebensraum ist das Hinterfragen. Doch damit nicht genug. In der Folge kommt es zu einem Überlegenheitsanspruch, heisst es doch ferner: «Die Vernunft […] vermag geistig tiefere Strukturen der Wirklichkeit mit wahrer Sicherheit zu erreichen, wenn sie auch infolge der Sünde zum Teil verdunkelt und geschwächt ist.»
Der Begriff «infolge» weist auf eine pseudo-kausale Verknüpfung hin, obschon es sich um eine Behauptung handelt, welche den Sündenfall als gegebene Tatsache voraussetzt. Hier findet ein Eingriff in logisches Denken statt, sei es in Form eines Denkfehlers oder in Form eines Etikettenschwindels. Dogmatischen Behauptungen fehlt es an Überprüfbarkeit und Glaubenslehren verschiedenen Inhalts bei gleichem Wahrheitsanspruch gibt es einige. Daher gleicht die Nutzung von Terminologie aus rationalem Umfeld einem Schmücken mit fremden Federn. Spiegelgleich wäre auch ein geistiger Winkelzug in umgekehrter Richtung kein Beitrag dazu, «den Geist zur Wahrheit zu erheben», weil die Erkenntnissuche aus dem Blick gerät und die Bemühungen auf Rechthaberei hinauslaufen. Ist einmal bekannt, dass zwei Geraden parallel zueinander verlaufen, muss man nicht weiter nach Schnittpunkten suchen. Es dennoch zu tun, hätte etwas Schildbürgerliches.
Eine weitere Beobachtung verdient es, angesprochen zu werden. Ausgehend von einer, wie in Stein gehauenen Wahrheit, bekannt als Fundamentalismus, befindet sich jede Argumentation im Modus des gedanklichen Zirkelschlusses, kommt man am Ende doch an den Startpunkt zurück. Eine Debatte zwischen zwei derartigen Positionen muss ergebnislos bleiben oder im Konflikt enden. Der Umgang mit Häretikern spricht für sich. Dem gegenüber verlangt wissenschaftliche Arbeit Ergebnisoffenheit und völlige Unabhängigkeit von der Person des Forschenden und von dessen kulturellem Umfeld. Die Qualität der Ratio ist nicht, wie erwähnt, am Festhalten von Erkenntnissen erkennbar, sondern am Arbeitsvorgang selbst. Damit öffnet sie sich der Entwicklung, während Fundamentalismus Stagnation bedeutet.
Dies ist der Hintergrund, wenn kulturwissenschaftliche Forschung an Objekten betrieben wird, die einer anderen Sichtweise unterliegen.
Um zu beschreiben, was nicht fassbar ist, bedient sich der Mensch gerne der Gleichnisse und Analogien, womit die Dinge anschaulich, resp. greifbar werden. Gleichnisse haben allerdings keine Beweiskraft, darum greifen Umkehrschlüsse ins Leere. Sie sind – wie auch Symbole – Unterstützungshilfen des Glaubens. Nachfolgend zwei Beispiele.
- Mit dem Ausspruch, «Ich bin das Licht der Welt», weiss der Mensch insofern etwas anzufangen, als er die Bedeutung des Lichts für das Leben kennt. Kulturhistorisch greifbar am ägyptischen Sonnengott Re, der die Sonne selbst verkörpert und als Schöpfergott angesehen wird, oder am griechischen Gott Apollon, dem Gott des Lichts, oder am zitierten Ausspruch Jesu nach Joh. 8,12. Geht man in umgekehrter Richtung vom Licht aus, führt die analytische Betrachtung zu keiner der zugeordneten Verknüpfungen. Es handelt sich eben um ein von anderer Stelle hinzugezogenes Denkmodell wie das der beiden Geraden.
- Die Musik bot sich als nicht sichtbares und nicht greifbares Phänomen mit ihrem Zugriff auf die Gefühlswelt des Menschen ebenso als Gleichnis für göttliches Wirken an, erkennbar an den symbolischen Bibelbezügen des abendländischen Tonsystems sowie an Sakralmusik als solcher. Die Analyse derselben führt zu den theologisch intendierten Wegen. Bei diesen angekommen, bleibt die Wissenschaft im Modus der Beschreibung und hält sich damit auf Abstand - nicht aufgrund inhaltlicher Beurteilung, sondern aufgrund der Notwendigkeit methodologischer Differenzierung.
Bedauerlicher als die beschriebene argumentative Peinlichkeit in der Dogmatischen Konstitution ist die verpasste Chance, mit den vorgefundenen Gegebenheiten angemessen umzugehen. Die Botschaft der Harmonielehre wäre wegweisend hierfür:
Die Fähigkeit des Zusammenspannens verschiedener Wesensarten begegnet uns bei der griechischen Göttin Harmonia, die in der Lage gewesen sein soll, ihren Brautwagen von einem Löwen und einen Eber ziehen zu lassen. Ihr Vater Ares war Gott des Krieges, ihre Mutter Aphrodite Göttin der Liebe. Somit verkörpert sie in personam die synergetische Verbindung des Wesensfremden. Die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs harmonisch für Dinge, welche von sich aus problemlos zueinander passen, geht daher völlig an der Sache vorbei.
Das Wesensfremde, das Andersdenken - eigenständiges Parallelverlaufen - zurechtzubiegen, missionarisch oder disziplinarisch auf Kurs zu bringen, zu indoktrinieren, zu bekämpfen, oder zum Anlass kriegerischer Auseinandersetzungen zu machen, es gar ausrotten zu wollen, beschreibt die Unfähigkeit des Menschen, mit dem Phänomen des Verschiedenen zur Vermeidung kognitiver Dissonanz zurechtzukommen. Nicht selten stehen jedoch andere Interessen dahinter – Machtinteressen vor allem – religiöse, ethnische oder nationale Zuordnungen werden dann gerne vorgeschoben. Derartige Feindbilder haben eine Entsprechung in der Muleta des Stierkampfes. Sie lenken die Empörung auf ein stellvertretendes Objekt, anschaulich erlebbar anlässlich der hasserfüllten Verbrennung feindlicher Landesflaggen. Kriege sind Folge der Unfähigkeit, sich differenzierend auseinanderzusetzen und wertschätzend mit dem Andersdenken umzugehen - was Diplomatie zu leisten imstande ist. Die Harmonielehre weist präzise auf diesen wunden Punkt hin. Der Schwierigkeitsgrad der Aufgabe ist in globaler Betrachtung gewaltig und einen Modus zur Problemlösung zu finden weitaus werthaltiger als die Selbstgewissheit, in Wahrheitsfragen recht zu haben. Davon abgesehen wird, was zum Weltfrieden führt, kaum fernab der Weisheit liegen.
Vor diesem Hintergrund ist die kulturwissenschaftliche Forschung mit historisch begründeten Widerständen konfrontiert. Aufgrund der geforderten Trennung von Kirche und Staat ist der religiöse Gehalt des abendländischen Tonsystems aus dem schulischen Unterricht verschwunden – 1793 mit der Gründung des ersten staatlichen Konservatoriums bewusst eliminiert worden. Daher kommen Widerstände auch von behördlicher Seite, wenn das Thema heute zur Sprache gebracht wird. Erinnert sei an die lebhaften Diskussionen über die Akzeptanz religiöser Symbole in Klassenzimmern. Allerdings stehen die wiedergefundenen Inhalte nicht mehr im Dienst der Glaubenslehre oder Indoktrination, sondern beschreiben den Verlauf unserer kulturellen-, auch musikhistorischen Entwicklung. Sie ermöglichen die Rekonstruktion des katholischen, d.h. allumfassenden Weltbildes, das nach Johannes Kepler, Charles Darwin und der Französischen Revolution nicht mehr ist, was es einst war. In jenen Bereichen, welche der Ratio zugänglich waren, liegt es in Trümmern. Es ist allein dem Verhandlungsgeschick Pius VII zu verdanken, dass Napoleon die Zeitrechnung ab Christi Geburt nach Einführung des Revolutionskalenders restituierte.
Die Kirche hat, wie die Dogmatische Konstitution über den katholischen Glauben zeigt, in der rhetorischen Darlegung - denn um eine faktenbasierte Argumentation handelt es sich in rationalem Sinne nicht - einen Hoheitsanspruch behalten, obschon er dem ethischen Gehalt stets abträglich war. Das lässt sich über verabsolutierte Wahrheit im Allgemeinen sagen.
Dem gegenüber hat die vorchristliche-, auf eine weibliche Gottheit zurückgehende Harmonielehre Vorbildcharakter, da sie nicht Partei ergreift. Sie vollendet nicht im Denken, sondern im Handeln, weil erst in diesem Bereich das Ziel erreicht werden kann. Überzeugen durch vorbildgebendes Verhalten ist generell zielführender. Daher ist dem Vorschlag Johannes Pauls II, einer synergetischen Nutzung von Fides und Ratio - zumindest einem friedlichen Nebeneinander - nichts Vernünftiges entgegenzusetzen.
© Aurelius Belz 2025