C18 Über Symbolik und den moon-walk des Menschen
«Symbole sind Spinnweben und Trara, wenn auch nicht ganz ohne Bedeutung, weil die Simplen und Bigotten in allen Rängen beschwichtigt werden müssen. Über Symbole denkt kein Vernünftiger längere Zeit nach, ausgenommen jene, die sie ausbeuten. Der freie Geist dreht die Zeichen in der Hand, bis sie besagen, was der Auftraggeber von ihm will.»
Peter Sloterdijk[1]
Genau letzteres, ein Drehen in der Hand zum Betrachten von verschiedenen Seiten, soll hier vorgenommen werden. Eine unvoreingenommene Untersuchung ist Grundlage einer Systematisierung. Was hat es mit den Spinnweben und dem Trara auf sich? Aufgrund der Funktion der Symbole als Bedeutungsträger und Zeichen ist das Feld weitläufig und, wie sich zeigen wird, nicht klar umgrenzt.
Historisches
Da wir es bei Buchstaben und Zahlen bereits mit komplexen Bedeutungsträgern zu tun haben, müssen die Ansätze hierfür in vorsprachliche Zeit zurückführen und man darf fragen, ob nicht auch Tiere schon stellvertretende Zeichen deuten. Bei Duftmarken und Exkrementen handelt es sich um Hinterlassenschaften mit Informationsgehalt über Art, Geschlecht, Gesundheitszustand, Nahrungsgewohnheiten und ggf. Paarungsbereitschaft, und in der Tierwelt sind Warnlaute – phonetische Zeichen für Gefahr – klar von anderen Lauten unterscheidbar. Der Tanz der Bienen weist auf die Flugrichtung zu Futterquellen hin. Auch Bewegungsmuster sind Bedeutungsträger.
Der Homo Sapiens differenziert dies aus und schuf Höhlenzeichnungen – das Wort Zeichen steckt darin. Dies steht für jenes. Ein Strich kann z.B. einen Speer in der Hand bedeuten. Buchstaben, Zahlen und Sprache führen zu einer Potenzierung der Möglichkeiten. Es handelt sich um Konglomerate oder Bedeutungsmoleküle von Einzelzeichen und Einzellauten, über die sich Gesellschaften verständigt haben und für die es Regelwerke gibt. Schon ein einzelnes Komma kann die Bedeutung eines ganzen Satzes ändern.
Während Konglomerate einen komplexen Inhalt wiedergeben – mit dem Wissenshintergrund von Bildern befasst sich das Forschungsfeld der Ikonografie, mit Wörtern und ihrer Herkunft die Etymologie – handelt es sich bei Symbolen oft um separate Hinweisgeber, hinter denen – man denke an das christliche Kreuz, ganze Weltbilder stehen können. Doch ebenso sind sie in der Lage, auf Details aufmerksam zu machen. Das Anliegen, eine Auflistung mit Anspruch auf Vollständigkeit vorzunehmen, eine Enzyklopädie der Symbole, erweist sich aufgrund der Variantenvielfalt als Ding der Unmöglichkeit. Ob etwas Symbol oder Zeichen ist und was es bedeutet, ergibt sich aus dem jeweiligen Blickwinkel der Betrachtung. Schlichtweg alles kann Symbol werden und auch alles Mögliche bedeuten.
Die Bruchzeichen der Jäger übermitteln Botschaften mittels abgebrochener Zweige. Gaunerzinken werden in Mauern und Zäune geritzt, um Informationen über lohnende Beute zu hinterlassen. Zerbrochene Tonringe oder Tonscherben, welche sich nach Jahren noch als zusammenpassend erweisen, waren bei den Griechen Erkennungszeichen und wurden Symbola, im Singular Symbolon genannt. Dieses Teilen von etwas zuvor Zusammengehörigen, das im Nachhinein Rückschlüsse auf die einstmalige Verbundenheit erlaubt, begegnete uns bereits im ersten Beispiel aus dem Tierreich. In beiden Fällen liegt keine erdachte Zuordnung zugrunde, sondern ein Faktum. Hinzu kommen Markierungen, Steinmetz- und Versetzzeichen, Steinbruch- und Lieferantenmarken, das Gebiet der Heraldik, die Farbsymbolik, das Morsealphabet und Verkehrszeichen. Nicht selten sind Symbole Teil der Erinnerungskultur und des religiösen Ritus. Die Liste liesse sich leicht fortsetzen.
Ein vierblättriges Kleeblatt als Glücksbringer zu betrachten, rührt daher, dass man schon Glück gehabt haben muss, eines zu finden. So gerät das seltene Fundstück mit dem Glück in Verbindung. Kausalitäten sind nicht Sache der Symbole – Analogiebeziehungen allerdings schon. Das Ähnlichkeitsprinzip kam auch in der Medizin zu bedenkenswerter Anwendung.
Noch komplexer wird es, wenn metaphysische Dinge ins Spiel geraten. Plötzlich steht die Zahl 8 nicht mehr für das Resultat von 4+4, sondern für die acht Seligkeiten. Wir beobachten nicht nur im Christentum eine doppelte – gar mehrfache – Bedeutungshinterlegung der Zahlen (Numerologie), die weit über das Festlegen einer Anzahl hinausgeht.
Die Welt der Symbole gleicht einer doppelbödigen Bedeutungsebene unterhalb der offiziellen Sprachregelung, einem Darknet gewissermassen. Dabei bedeutet kein Zeichen von sich aus etwas. Die Bedeutung wird ihm verliehen. Statt «es bedeutet» sollte darum klar benannt werden, wer es warum so sehen will, weil sonst der Eindruck entsteht, die Dinge enthielten geheime Botschaften von Natur-, von Gott oder Satan aus, was ihnen unverdienten Respekt verschafft. Nicht selten ist die Irreführung intendiert, und was Respektspersonen sagen, wird vor allem bei hohem Bildungsgefälle ebenso unkritisch wie ehrfurchtsvoll angenommen.
Durch die Verleihung weist kein Umkehrschluss vom Bedeuteten zurück zum Zeichen – ein Sachverhalt, den sich Geheimschriften erfolgreich zunutze machen. Und die Ermittlung desjenigen, der es ersann – wobei es sich ebenso um Glaubensgemeinschaften, Konzilsbeschlüsse oder Karnevalsvereine handeln kann – ist meist nur auf separatem Forschungswege zu ermitteln. Apropos Karneval: was hat die Elf zu bedeuten? Egalité, Liberté, Fraternité? Fachleute sind sich uneins darüber, ob das Zahlwort oder die Zahl als Bedeutungsträger angesehen werden muss.
Theologisches / Psychologisches
Mit dem Ausspruch Jesu, «Ich bin das Licht der Welt»[2], kann jeder insofern etwas anfangen, als die lebensspendende Bedeutung des Sonnenlichtes bekannt ist. Die wissenschaftliche Untersuchung des Lichts führt nicht zu Jesus. Gleichwohl sind die Kathedralen zum Sonnenaufgang hin ausgerichtet – an die Auferstehung erinnernd – und gleichwohl haben Andachtskerzen einen festen Platz in abendländischen Sakralräumen. Für Symbolik wird einiger Aufwand betrieben.
Spiritualität wäre nicht, was sie ist, wenn sie durch Beschreibungen, Buchstaben, Bilder und Zahlen auf einmal doch dingfest gemacht werden könnte. Nachdem der Mensch dazu neigt, weit über seine Grenzen hinauszudenken und darüber berichten will, was in seiner Gedanken- und inneren Erlebniswelt vor sich geht, ohne über telepathische Fähigkeiten zu verfügen, hat er keine andere Möglichkeit, als sich der irdischen Kommunikationsmittel und Gleichnisse zu bedienen. So kann er einen Sachverhalt auf alternativem Wege begreiflich machen. Doch selbst wenn das gelingt, bleibt es provisorisch und nur indirekt nachvollziehbar.
Im metaphysischen Bereich entziehen sich die Dinge ihrer Überprüfbarkeit durch Erfahrung, daher der griechische Wortbestandteil meta (μετά), als Kennzeichnung dessen, was jenseits der Physik anzutreffen ist. Hier allerspätestens kommt der Begriff der Skepsis ins Spiel, denn ob dem auch wirklich so ist, wie beschrieben, kann keiner wissen. Dabei sind Fake-News im Reich der Zeichen sehr viel älter und existieren schon im Vorbewussten. Man denke an die «Augen» auf den Flügeln der Schmetterlinge, die einem Beutegreifer ein bedrohliches Gegenüber suggerieren (Mimikry) oder an den Stinkkohl (Symplocarpus foetidus), der Insekten mit dem Aroma von faulendem Fleisch anlockt. Bei beidem handelt es sich um Signale mit bewährtem Täuschungseffekt. Drohgebärden dienen der Einschüchterung und liefern ein gefährlicheres Erscheinungsbild.
Die Bewusstheit über die zeitliche Begrenzung des eigenen Lebens gibt dem Menschen Anlass, über die Zustände davor und danach nachzudenken und Kontrollverlust erzeugt Unsicherheit und Angst. Es entsteht das Bedürfnis nach etwas Haltgebendem. Kontemplation vermag, den Geist zu beruhigen, und materielle Symbole wie der Rosenkranz geben hierfür etwas an die Hand. Das Kreuz tröstet aufgrund der symbolischen Vergegenwärtigung des Heilands. Für einen gläubigen Menschen ist das Balsam für die Seele, insbesondere in Zeiten von Krankheit und Not.
In der Medizin ist das lateinische Wort placebo «ich werde gefallen» als Bezeichnung für Medikamente gebräuchlich, welche ohne Wirkstoff dennoch einen Effekt auslösen können. Manche Symbole werden empfunden, als seien sie energetisch aufgeladen, verfügten über eine Heilswirkung wie man es Reliquien nachsagt, oder werden, wie die konsekrierte Hostie, gar als Allerheiligstes verehrt. Den Begriffen der Wandlung und des Wunders steht jener der Magie gegenüber. Symbole sind in beiden Welten beheimatet. Vielleicht unterscheiden sich Symbole von Zeichen durch das inhärente Kraftmoment, das durch die Art der Zuwendung erst Wirkung entfaltet, durch den geistigen Kniefall, wie es ein Unterschied ist, ob man eine Andachtskerze entzündet oder einen Lichtschalter betätigt. «…nicht die Objekte sind für das Begehren verantwortlich, das sich auf sie richtet, sondern das Wünschen malt die Objekte mit einer Sehnsucht an, als wären sie nicht sie selbst, sondern zugleich das ferne Andere, das die Wünsche entzündet.»[3] Wo die Bewunderung ausbleibt, ist die Rede von faulem Zauber oder Hokuspokus.
In einer Streitschrift des Erzbischofs von Canterbury gegen die Transsubstantiation heisst es über die Herkunft des Begriffs: „And in all probability those common juggling words of hocus pocus are nothing else but a corruption of hoc est corpus, by way of ridiculous imitation of the Priests of the Church of Rome in their trick of transsubstantiation. Into such contempt by this foolish Doctrine an pretended Miracle of theirs have they brought the most sacred and venerable Mystery of our religion”[[4]
John Tillotson (*1630-†1694), sieht es von der anderen Seite, denn wo der Leib Christi nicht mehr nur symbolisch-, sondern als wahrhaftig angenommen wird, scheint es barbarisch, sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken. Entsprechend fügt er an: «It is very scandalous likewise upon account of the real barbarousness of this Sacrament and Rite of our Religion, upon supposition of the truth of this Doctrine. Literally to eat the flesh of the Son of men and to drink his bloud.”[5]
Das Beispiel zeigt, dass auch innerhalb der Kirche(n) nicht immer Einigkeit darüber herrschte, welches Mass an Bedeutung verliehen werden soll.
Auch ausserhalb des Sakralbereichs sind Gesten der Ehrerbietung zu beobachten, insbesondere bei Landesflaggen. Es wird salutiert, es werden Fahneneide geschworen. Und nur schon die Hemmung, sie als Fussabstreifer zu nutzen, zeugt von einer besonderen Achtung. Gleiches gilt für Wappen, welche auf Briefpapier gedruckt-, in Siegelringe graviert- oder auf Grabsteine gemeisselt werden. Sie stehen für eine lange Familientradition und geben Selbstwertgefühl an ihre Träger zurück. Die genannten Beispiele stehen für Bekenntnisse. Bekenntnisse zum Glauben, Bekenntnisse zur Nation, Bekenntnisse zur Familie. Die innere Beziehung ist es, die dem Symbol seine Wertigkeit verleiht.
Symbolik reicht in den Bereich weit unterhalb der rationalen Kommunikation hinab. Sie trifft auf die Gefühlswelt, das Unterbewusste, das in langen Evolutionszeiträumen Entstandene, auf die Identität und das seelische Fundament, wo andere Wirkungsmächte als Kausalitäten am Werk sind, womöglich auch andere Varianten neuronaler Verknüpfung, wie das ganze Hirn in Zuständigkeitsbereiche aufgeteilt ist. Andernfalls wäre uns alles klar - freie Sicht bis auf den Grund - und es gäbe kein Trauma, andererseits wohl auch weniger Glück. Wer kann das wissen? – im Grunde wohl jeder, denn es ist selbsterklärend, dass im Kontext der Seelsorge die Seele in ihrer eigenen Sprache angesprochen werden muss. Andernfalls wäre es mit einer Mathematikvorlesung ebenso getan.
Da das Christentum lehrt, dass die Welt von Gott geschaffen wurde, entdeckten die Gläubigen in Analogiebetrachtung Hinweise auf die Allgemeinverbundenheit der Dinge, wodurch die Schaffung aus einem Geist plausibel erschien.
Durch das Bildungsmonopol der Klöster drang der theologische Gehalt in alle Bereiche ein, denken wir nur an die Bezeichnung zahlreicher Pflanzen, die ihrerseits auf Analogiebeziehungen zurückzuführen sind. Als Beispiel sei die Passionsblume genannt. Sie erhielt ihren Namen deswegen, weil man in den drei Griffeln des Blütenstempels die drei Nägel der Kreuzigung erblickte, in den fünf Staubblättern die fünf Wunden, in den Staminodien die Dornenkrone Christi, in den Sprossranken die Geisseln, in den Blättern die Lanzenspitze und in den 10 Blütenblättern die 12 Jünger ohne Judas und Petrus – die infolge des Verrats und der dreimaligen Verleugnung in Abzug gebracht werden. Ein wenig eingestreute «Mathematik» tönt nach logischem Denken.
Passionsblume

Jean Franeau, Passionsblume 1616[6]
Ihr Name lautet Passiflora incarnata, was bedeutet: die Fleischgewordene. Damit steht sie in einer langen Reihe von Pflanzen, die in ähnlicher Weise mit der Bibel oder der Kirche in Verbindung gebracht wurden, so z.B. Teufelskralle, Judasbaum, Pfaffenhut, Christusdorn, Jakobsleiter, Osterglocke, Pfingstrose, Madonnenlilie, Engelwurz, Johanniskraut, Mariendistel, Zachariasblume, Himmelschlüssel, um nur einige zu nennen.
Auch Ordnungssysteme wie das Alphabet konnten symbolisch einverleibt werden, wenn es z.B. heisst «Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.»[7]
Im Tonsystem haben wir es mit einer Analogieübertragung zur Jakobsleiter zu tun und sprechen daher von Tonleitern, obwohl man räumlich nirgendwo hinauf gelangt. Bei Tönen handelt es sich physikalisch betrachtet um schnellere und langsamere Schwingungen, um nichts anderes.
Dabei folgt auch die «Stufenzahl» nicht der mathematischen Logik, sondern theologischen Erwägungen. So führen 5 Ganzton- und 2 Halbtonschritte zur Oktav, dem Inbegriff der Konsonanz, den 8 Seligkeiten entsprechend, obwohl 5 Ganze und 2 Halbe 6 ergeben und nicht 8.
Die Wahl der Anfangssilben des Johanneshymnus spricht ebenso für sich: Ut, Re, Mi, Fa, So, La und Si, wobei an erster und letzter Stelle noch das Do wie Dominus eingefügt wurde – in Analogie zu den Wochentagen, bei denen der 1. und 8. auf den dies Dominicus, den Tag des Herrn fielen und in Analogie zu den 8 himmlischen Sphären.
Das C wie Christus steht an höchster Stelle des Quintenzirkels. Wer sich zum Kreuz bekennt, gelangt hinauf, wer dem Bösen anheimfällt, fährt geradewegs zur Hölle. Im Nadir des Quintenzirkels begegnet uns der Tritonus, den Andreas Werckmeister aufgrund seiner schmerzerzeugenden Dissonanz als «diabolus in musica» bezeichnete. Das Weltgericht hat hier Pate gestanden. Wir haben es im abendländischen Weltbild mit mehreren komplexen abstrakten Symbolbildern zu tun, denen die Revolutionäre den Kampf ansagten. Wir werden später noch einmal darauf zurückkommen.
Die Macht des Geldes
In einer eigenen Bedeutungslinie findet sich das Geld, weil es für alles steht, was man sich leisten kann. Mit Geld gehen Wünsche in Erfüllung. Vor ihm fällt niemand auf die Knie, die Bewunderung zeigt sich mehr durch den Drang zur Besitzaneignung. Jene die es haben, erlangen einen höheren gesellschaftlichen Status. Daher werden Anstrengungen auf sich genommen, enorme Anstrengungen – Bankautomaten gesprengt und Morde begangen. «Die zynische Funktion des Geldes erweist sich in seiner Kraft, die höheren Werte in schmutzige Geschäfte zu verwickeln.»[8]- 30 Silberlinge für den Sohn Gottes.
Um diese Zahl macht die christliche Symbolik begreiflicherweise einen Bogen, doch wie der Verlauf der Geldströme zeigt, lagen die kirchlichen Interessen sehr wohl auch auf diesem Sektor. Dafür war es erforderlich, die Menschen mit Mitteln der Angst und Hoffnung opferbereit zu machen. Die Ausnutzung der Symbole ist Zeichen eines Herrenzynismus[9], der sehr wohl um die Falschheit seines Tuns weiss, es aber dennoch «geschehen lässt», weil es in seiner Macht steht. Hierzu gehört die Bekämpfung konkurrierender Anschauungen und die grausame Abstrafung von Häretikern und Ketzern. Was ist Glaube, was Aberglaube? Freitag, der 13. ist ein Beispiel hierfür. Der Karfreitag steht mit dem Tod Christi in Verbindung. Die 13 Teilnehmer des letzten Abendmahls mit dem Verrat. Hier ist es ein Tag, dort eine Zahl. In Einzelbetrachtung von kirchlicher Seite mit höchster Ehrerbietung verbunden, in additiver Zusammenziehung als Aberglauben gebrandmarkt, weil im Volksglauben ein Umkehrschluss gezogen wird, demzufolge, was schon zweimal mit derartigem Unglück verbunden war, nur weiteres Unglück heraufbeschwören könne. Ein böses Omen demnach. Symbolik führt an die Anfänge menschlichen Denkens und Lernens. Was sich nach Schlussfolgerung anhört, steht kausal auf tönernen Füssen. Im Anfang war Banausenlogik.
Der kurze Einblick bietet an, die Systematisierung nicht nur von der Objekt-, sondern auch von der Subjektseite her vorzunehmen. Voraussetzung ist Wahrnehmung. Ein Verkehrsschild entwickelt dann das Potential, beachtet zu werden. Seiner Intention gemäss soll seine Botschaft befolgt werden, z.B. Vorfahrt achten! Gleichwohl steht es jedem frei, sich die Vorfahrt zu nehmen. Die drohende Unfallgefahr sowie das Bussgeld erhöhen den Druck, sich an die Regeln zu halten. Davon steht aber nichts auf dem Schild.
Ein Geldstück auf der Strasse gleicht einem Lockstoff. Ist es der Aufmerksamkeit auch nicht entgangen, kann man es dennoch liegen lassen. Mit der Höhe des Betrages wächst die Handlungsbereitschaft.
Eine schwarze Katze kann, wie Freitag, der 13., als böses Omen aufgefasst werden, muss aber nicht. Da die «Zeichen» selbst keine Intention besitzen, ist es aufschlussreicher, danach zu fragen, was Suggestion, Traumatisierung und Konditionierung bewirken. Wer setzt das Zeichen zu welchem Zweck ein und welche Unterweisungen und Erfahrungen gingen voraus, mit welcher Prädisposition ist zu rechnen? Es dürfte nicht überraschen, wenn ein Stoppschild in den Tiefen des Ozeans bei den Fischen keinerlei Beachtung findet. Interessant ist es daher, «mit den Augen» des Symbols zu betrachten, was hinter ihm steht (wie es zu dem wurde, was es ist) und was vor ihm geschieht (was es bewirkt). Ist es Hinweisgeber, Reminder oder Trigger? Welche cerebralen Register werden gezogen?
Eine Landesflagge zu verbrennen, wie stellvertretend eine Voodoo-Puppe, soll dem gehassten Feind Schaden zufügen und führt zur Empörung bei jenen, die dem Symbol hohe Wertschätzung entgegenbringen. Ursprünglich als freie Meinungsäusserung gebilligt, soll solches Vorgehen in den USA nun schwer bestraft werden.
Dass Symbolen heute keinerlei Bedeutung mehr zukäme, trifft demnach nicht zu. Davon kann sich jeder mit dem Versuch überzeugen, in einer beliebigen Kirche oder Moschee eine Hakenkreuzflagge aufzuhängen. Es wird zur Beschwichtigung kaum genügen, zu erklären, dass es sich nur um einige Quadratmeter bedruckten Stoffs handele – oder um «Spinnweben und Trara», wie oben beschrieben.[10]
Den Kontext der eingangs zitierten Stelle bildete die Kaiserkrönung Napoleons, eine Show, von der der grosse Heerführer dachte, sie der Gesellschaft ohne Anwesenheit des Papstes nicht «glaubhaft» vermitteln zu können. Dessen Amtsvorgänger, Pius VI, den Revolutionäre bereits zynisch als «Pius, den letzten» betitelten, war in französischer Gefangenschaft verstorben. Nun sollte Pius VII der Angelegenheit höchsten Segen erteilen, während Napoleon sich und seiner am Tage zuvor eilig noch kirchlich angetrauten Gattin die Krone selbst aufs Haupt setzte.
Im Gegenzug erhielt der Papst – als Dank für seine Statistenrolle – mit Abschaffung des Revolutionskalenders und der 10-Tage-Woche, die Zeitrechnung ab Christi Geburt zurück sowie die Wiederzulassung einiger Orden. Doch damit waren die Konflikte nicht aus der Welt geschafft. Nachdem der Papst Napoleon 1809 exkommuniziert hatte, verhaftete ihn dieser und gliederte den Kirchenstaat in das Kaiserreich ein. Wir sind Zeugen eines offenen Machtkampfes, der die Schwachstellen von Mensch und Symbolik offenlegt.
Vor allem erinnern Umkehrschlüsse an die klassische Konditionierung des Pawlow’schen Hundes. Nicht immer, wenn ein Licht leuchtet, gibt es Futter, und nicht überall, wo sakrale Symbole zum Einsatz kommen, geht es sakral zu. Hier dienten die Symbole der Beschwichtigung der «Simplen und Bigotten in allen Rängen», die sehr wohl denken sollten, dass es dort, wo ein Papst-, der Stellvertreter Gottes agiert, mit rechten Dingen zugehen müsse und Gott nicht fern sein könne. Das gesamte Schauspiel verlief in klar diametraler Richtung zur Aufklärung – ein moon-walk gewissermassen, scheinbar vorwärts laufend und sich dennoch rückwärts bewegend.
Zeitgleich wurden die abstrakten symbolischen Bilder der Harmonielehre – Jakobsleiter, Weltgericht, Himmlisches Jerusalem, – der Vergessenheit übergeben. Im Vorwort der im Jahr 1803 herausgegebenen Harmonielehre schrieb Étienne-Nicolas Méhul, einer der Inspektoren des ersten staatlichen Konservatoriums, welcher in seiner Jugend eine Ausbildung zum Organisten im Franziskanerkloster seiner Heimatstadt Givet erhalten hatte und später im Kloster Laval-Dieu tätig war.: «…pour combattre des erreurs, que le temps a consacrées, et que le temps doit détruire».[11]
Seitdem, d.h. seit der geforderten Trennung von Kirche und Staat, wird die christliche Symbolik des abendländischen Tonsystems nicht mehr vermittelt. Bewusstmachen geschieht jedoch nicht durch Verbergen oder Zensur, sondern durch Offenlegung.[12] Auch dies ist als kontraproduktiver moon-walk im Zeichen der Aufklärung zu betrachten. Nicht selten ist der Mensch in dieser Gangart unterwegs und nennt es dennoch Fortschritt.
Der Schlüssel zur Symbolik
Er liegt dort, wo man tatsächlich an die ersten Anfänge zurückgeht. Jedwedes Signal der Sinne bedarf der Interpretation. Überlebt haben nur jene unserer Vorfahren, welche entweder als Sieger aus einem Überlebenskampf hervorgingen oder zuvor auszuweichen verstanden. Besser einmal zu viel geflüchtet als das Leben zu verlieren. Der Sache nach ging es stets um das Ganze und zum langen Überlegen fehlten sowohl die Zeit als auch das erforderliche neuronale Netz. Daher konnte die kleinste Analogie mit dem Feind ausreichen, eine Fluchtreaktion auszulösen. Die Mimikry kann als Beleg dafür dienen, dass die Mechanismen über so lange Zeiträume konstant blieben, dass die Evolution in der Lage war, sie nutzbar zu machen. Leben oder Sterben, das ist es, was den Symbolen, die zuerst nur eingehende Sinnesreize waren, im Unterbewusstsein Bedeutung verleiht. Böse oder gute Omen kommen aus anderen Hirnregionen, nicht aus dem Sitz des logischen Denkens. Das bedeutet im Umkehrschluss: wenn die Sachverhalte non-kausal aneinandergefügt wurden, dass sie sich nicht in eine kausale Systematik einordnen lassen. Letztere kann allenfalls bei den ersten greifbaren Verknüpfungsgründen beginnen. Am Anfang sind Trauma-Auslöser zu vermuten, welche durch Trigger aktiviert werden können, und das kann alles sein, was Ähnlichkeiten aufweist, Analogien also. Erst mit Einsetzen des abstrakten Denkvermögens und kausalen Verstehens konnte dahin gelangt werden, klar definierte Verkehrszeichen zum Umgehen von Gefahren zum Einsatz zu bringen.
Relevant ist in diesem Zusammenhang die gegebene Ausstattung mit Sinnesorganen, die das nötige Material zur Verarbeitung liefern. Wo kommt z.B. die Angst vor der Dunkelheit her? Wären wir mit Sinnesorganen ausgestattet wie Fledermäuse, hätten wir diese Angst nicht, weil noch keine Fledermaus mit der Dunkelheit je schlechte Erfahrung gemacht hat. Die kleinen Wesen fliegen ungebremst in eine Höhle. Es ist die spezifische Ausstattung des Menschen, die zu Schlussfolgerungen führt, die für ihn Sinn ergeben. Seelenkundige nutzen diese Prinzipien entsprechend. Würde Dunkelheit Sicherheit bedeuten, wäre es angebracht erschienen, zu sagen: «Ich bin die Nacht der Welt.» Nun ist es eben anders und das lässt jene Wesen geheimnisvoll und böse, zumindest obskur (von lateinisch obscuritas „Dunkelheit, Unverständlichkeit“) erscheinen, die mit dem Schwarz und der Nacht in Verbindung gebracht werden können, wie schwarze Katzen und Fledermäuse. Es spricht für sich, wenn das höchste Symbol des Abendlandes, das Allerheiligste, mit dem Ewigen Leben in Verbindung gebracht wird und die Nacht mit dem Tod.
Vor diesem Hintergrund hat es bereits etwas Aufklärerisches, die dubiosen Analogien durch nachweisbare Sachverhalte zu ersetzen, wie es die Griechen mit der Verwendung gebrochener Tonscherben getan haben. Gleichwohl liess sich die Neigung, Analogien zu nutzen, aus dargestellten Gründen auch im „siècle de l'illumination“ nicht verdrängen. Schon bei der Verknüpfung von Erkenntnis und Erleuchtung handelt es sich wieder um eine Analogie, die, wie alle Analogien, Metonymien, Synekdochen, Gleichnisse und Metaphern, eine logische Schwäche aufweist. Die Neigung zum geistigen moon-walk ist nach alldem entwicklungsphysiologisch vorgegeben, d.h. neuronal verankert. Ein modus vivendi hätte beiden Seiten Verständnis entgegenzubringen, als wären wir zweisprachig aufgewachsen, weil wir zweierlei Bewusstseine[13] miteinander zu verknüpfen haben – in Analogie zu den beiden Augen, mit denen wir räumlich sehen und in Analogie zu den beiden Ohren, die es uns ermöglichen, ein Schallereignis zu orten. Womit identifizieren wir uns nun? Gibt es einen «freien Geist»?
Mit dem Vorhandensein 2er Bewusstseine oder Bewusstseinsweisen mit jeweils eigenen cerebralen Verknüpfungssystemen, liegen die erforderlichen Instrumente vor, die Welt zu beschreiben und zu begreifen – das ist wohl schon zu viel gesagt – zumindest jene Werkzeuge, welche ausreichen, in ihr zu überleben. Der Begriff «erforderlich» rührt nicht von der überheblichen Selbsteinschätzung her, über Sinn und Zweck bereits Bescheid zu wissen, sondern basiert auf der Annahme, dass die natürliche Auslese für die Effizienz Sorge getragen haben wird. An die Spitze der Nahrungskette gelangt eine Art nicht zufällig. Jenseits dessen nimmt der Selektionsdruck andere Formen an. Konrad Lorenz fand deutliche Worte und sprach von einer «Verhausschweinung» des Menschen, vom Homo adipositatis, womit das parasitäre Verhalten gegenüber der Natur noch nicht angesprochen ist.
Gewiss gäbe es ein ethisch höheres Ziel als nur an die Spitze der Nahrungskette zu gelangen. Die Messlatte für Synergiekompetenz-, sowohl zwischenmenschlich als auch im Umgang mit der Natur[14], liegt ungleich höher, nur fand nach diesem Kriterium bisher keine Auswahl statt. Der Abstand zwischen Istzustand und Ziel ist nur durch Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung zu überbrücken.[15] Sofern der Mensch zu einer Anpassung an die von ihm selbst veränderten Rahmenbedingungen nicht fähig ist, nimmt der Selektionsprozess wieder an Fahrt auf und hat dann auch erzieherische Wirkung. Umso mehr lohnt es, zur Beschaffenheit unseres Bewusstseins noch einmal zurückzukehren.
Wie kommt es zu den Phänomenen: Prägung, Religion, Symbolik und (Meinungs-)Bildung, die miteinander gemeinsam haben, dass es sich nicht um genetisch fixierte-, sondern um postnatal hinzugetretene Erscheinungsformen handelt, die wir üblicherweise im kulturellen Kontext verorten? Konrad Lorenz sprach von einer «Gen-Kultur-Koevolution.»[16]
Prägung – der Analogie nach eine durch Krafteinwirkung verursachte bleibende Verformung – liegt nicht vor bei Jungtieren, welche eine Bindung an die ersten ihnen nahestehenden Wesen aufbauen.[17] Hierfür muss eine innere Bereitschaft vorhanden sein, welche nur einen sehr kurzen Lernprozess erfordert – gewiss gepusht durch das Geworfensein (Heidegger) in eine unbekannte Welt. Nachdem die als Elterntier anerkannten Wesen austauschbar sind und nicht einmal verwandt sein müssen, steht infrage, ob Sie es überhaupt sind, welche die Bindung auslösen oder nicht vielmehr die entgegengebrachte Zuwendung, nach dem Prinzip: wer von Anfang an an meiner Seite steht, mich beschützt und sich um mich kümmert, säubert, füttert, wärmt, verdient Vertrauen. Das Gehirn reagiert mit der Ausschüttung von Oxytocin, das soziale Bindungen fördert. Die Begleitwahrnehmungen, Grösse, Gestalt, Geruch, Laute, werden positiv konnotiert und führen zur Konditionierung.
Bei Trauma-Auslösern liegt das Gegenteil vor, ein negativer Einfluss von aussen, den das Wesen überlebte. Hier «brennen» sich die Ereignisse im Verbund mit Schmerzen und Stresshormonen ins Gedächtnis und werden zu Triggern, d.h. zu Panikverursachern. Beispiel: Fuchs im Hühnerstall. Ein späterer Fuchslaut vom Tonband versetzt die Tiere in Angst und Schrecken.
Das Prinzip des Vertrauensaufbaus und Heilsversprechens sowie das von Anfang an begleitet gedachte Sein, liegt auch den Religionen zugrunde, deren Annahme einen längeren Lernprozess erfordert. Repetitive Riten – z.B. gleiche Zeiten für Kulthandlungen, Rosenkranzgebete oder Gebetsmühlen – sind ein religionstypisches Merkmal. Symbole dienen als immerwährende Reminder. Je stärker die innere Ausrichtung, wie vornehmlich in Klöstern, umso stärker die Bindung. Der Begriff Seelsorge verweist auf das Zentrum der Bemühung.
Auch andere Bildungsinhalte bedürfen der Repetition und der Berücksichtigung biologischer Gegebenheiten. Sie gehen weit über das Instinkthafte ins Logische und Abstrakte hinaus und kommen doch nie ganz von ihm los. Das Erlernte bildet verschiedene Bewusstseinsebenen mit individuell vorgenommener Hierarchisierung (Interessen, Leidenschaften, Bekenntnisse), wobei das Unbewusste an der Entscheidungsfindung stets teilhat, auch wenn das gedankliche Tagesgeschehen ignorant an ihm vorbeiläuft.
Die Basics bleiben einfach und müssen es auch sein. Um rechtzeitig fliehen zu können, genügen Trigger. Das folgerichtige Denken bringt zwar erhebliche Vorteile mit sich, doch wenn es schnell gehen muss, ist die instinktive Reaktion die überlegene. Mit zunehmender Entwicklung ergänzt die Ratio, so gut sie eben kann. Die Befähigung zu Spontansympathien wie «Liebe auf den ersten Blick», bleibt jedoch erhalten.
Beide Bewusstseinsschichten bilden Instanzen der Reizverarbeitung und Reaktion. Oftmals scheint die eine nicht zu wissen, was die andere tut – behördliche Strukturen, gewissermassen – dem Ergebnis nach vor- und rückläufig, dem moon-walk ähnlich.
In diesen gewachsenen Anlagen sind Symbole also Marker, welche mit dem Gefühl der Beheimatung oder der Fremdheit konditioniert wurden. Kleeblatt-grün-positiv-Glück. Licht-Erlösung-Seligkeit, Dunkelheit-schwarz-Unsicherheit-Unglück. Signal-rot-Aufmerksamkeit-Warnung. Die suggestive Wirkung von Sinnesreizen aller Art kommt in der Werbung zu gezieltem Einsatz – in einer Weise, die Konrad Lorenz dazu veranlasste, in Analogie zu «Nutztieren» von «Nutzmenschen» zu sprechen.[18] Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass mittels spezifischer Stimulationen (Werbeversprechen, Dauerberieselung) zu Handlungen angeregt werden kann, zu einer Trieb-Täterschaft im niederschwelligen Bereich, allerdings mit einem Steigerungspotential der Propaganda bis hin zu Radikalisierung und Kriegstreiberei. Darüber nicht nachzudenken würde bedeuten, der Desinformation das Feld zu überlassen und die Errungenschaften der Aufklärung zunichtezumachen.
Magisch ist an alldem nichts. Die Anmutung rührt nur daher, dass die Verbindungen im Unbewussten selbsttätig ablaufen. Das Adrenalin ist längst ausgeschüttet, wenn die Situation bewusst wird. Es – wie ein unbekanntes Anderes – verursacht etwas in uns, bevor recht klar ist, was. Das hat Gruselpotential, wie alles Undurchschaubare. Symbole sind Spiegel des Menschen. [19]
Spiegel sind ihrerseits Attribute, resp. Symbole der Eitelkeit «Vanitas» oder der Klugheit «Prudentia», aufgrund der Möglichkeit, sich selbstgefällig oder selbstkritisch in ihnen zu betrachten. Auch bei Spiegeln handelt es sich um undurchschaubare Objekte. Hinter dem Spiegel befindet sich niemand, oder sollten wir nicht besser einmal nachsehen?
Wo Gläubigkeit Priorität erlangte, sieht man die Dinge, bei gleichen zugrundeliegenden Strukturen, wie dargelegt, durchaus anders, weil andere Hierarchien gebildet wurden. Dann wird bestimmten Symbolen – vielmehr jenem, was als hinter ihnen stehend postuliert wird – eine besondere Verehrung entgegengebracht.[20]
In Analogie zum Vorbereitetsein des Ungeborenen auf seine Ankunft in der Welt, in der ihm als erste und wichtigste Aufgabe zukommt, eine Bindung aufzubauen, um lebensnotwendige Fürsorge zu erhalten, bereiten sich Gläubige auf die Ankunft in der neuen Welt nach dem Tode vor, indem sie ein «spirituelles Bonding» praktizieren. Die Bezeichnungen «Kind Gottes» oder «Gottvater» weisen in diese Richtung. Insofern liesse sich sagen, dass die Zukunftsprojektion für die älteren Gehirnregionen ein Wiederholungsmoment darstellt, etwas, worauf sie programmiert sind, wie die gesamte Schwangerschaft nach einer genetisch codierten Folge ablief mit dem Ziel der bestmöglichen Vorbereitung auf eine – aus Sicht des Fötus – jenseitige Zukunft. Kindchenschema und Lächeln der Mutter finden in ihr zueinander.
Eine Lebenschance hat nur, wessen Vorbereitung mit den Gegebenheiten «dort draussen» bestmöglich vereinbar ist. Wenn es auch unterschiedliche Glaubensauffassungen gibt, so besteht doch weitgehende Übereinstimmung in der Annahme, dass die eigene Auffassung die zielführende sei – mit teils heftiger Aversion gegenüber Andersgläubigen, da die Akzeptanz einer weiteren Variante die vorhandene Erlösungsgewissheit infrage stellt. Auf sich allein gestellt, ohne Riten, Gleichnisse und Symbole wäre der Mensch auf das Try & Error-Prinzip der Evolution zurückgeworfen – eine für ein Einzelwesen mit Befreiungssehnsucht von Krankheit und Tod – den Verbündeten des Leibes – höchst unbefriedigende Vorgehensweise, die keinerlei Halt gibt.[21] Haltgebend wäre, was gegen Unsicherheit hilft. Manche religiöse Symbole oder Devotionalien sind Mantras ähnlich. Das Sanskritwort mantram vereint im etymologischen Sinne die beiden Wortwurzeln manas (Geist) und tram (Schutz) - ein Äquivalent zum Haltgeben. Dieselbe Funktion übernehmen auch alle Herzensangelegenheiten, für die es nur individuelle-, keine allgemeinverbindlichen Bewertungskriterien gibt. Die gesamte sakrale Kunst, Musik, Skulptur und Architektur stehen-, den Eheringen gleich, stellvertretend für die Verbindung, die ihnen Sinn gab und selbst das höchste kirchliche Amt der katholischen Kirche ist stellvertretend zu verstehen, wenn auch der Begriff des Symbols nie derart weit gefasst wurde. Dem Himmel noch einen Schritt näher stehen die heiliggesprochenen Päpste.
Das Brauchtum kennt zahlreiche Riten mit Reenactment-Charakter, eine verlebendigte Umsetzung des biblischen Geschehens – auch Skulpturengruppen mit hoher Realitätsnähe gehören dazu – für welche der umstrittene Begriff theatrum sacrum geprägt wurde. Virtualität und Realität begegnen einander. Der Glaube setzt darauf, dass sie eins werden.
Damit fände sich eine Erklärung für die Seelentiefe und für die Bereitschaft so vieler Menschen, die vorhandene Verankerung mit Hilfe von Analogiebezügen bewusst zu stärken. Das lat. Wort religiō kann auf zwei Verben zurückgeführt werden: auf relegere, «bedenken, sorgfältig beachten», sowie auf religare «zurückbinden, festbinden» auf zwei Versionen also, welche mit der Beobachtung korrelieren. Das Bewusste und das Unbewusste sind gleichermassen beteiligt.
Wir erleben eine innige Verbundenheit und Wechselwirkung von Geist und Leib, von Gedanken und elektrochemischen Prozessen, «in denen auch Instinkthaftes festgelegt ist, welches durch kulturelle Prozesse nicht verändert werden kann»[22] selbst in jenen Momenten, in denen wir von körperlosem Denken und der Freiheit des Geistes träumen.
© 2025 Aurelius Belz
[1] Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, Berlin 2014, S. 111
[2] Joh. 8,12
[3] Dieses Zitat wurde einem gänzlich anderen Zusammenhang, jenem der Sexualität entnommen, s. Sloterdijk, Peter, Kritik der zynischen Vernunft, Berlin 2023, 627
[4] John Tillotson: A discourse against transubstantiation. London 1684, S. 34.
[5] Ebd., S. 35
[6] Franeau, Jean, Iardin d'Hyver ou Cabinet des fleurs contenant en XXVI elegies les plus rares et signalez fleurons des plus fleurissans parterres. Illustré d'excellentes figures representants au naturel les plus belles fleurs des jardins domestiques. Douay, De l'Imprimerie de Pierre Borremans, 1616.
[7] Off.22,13
[8] Sloterdijk, Peter, Kritik der zynischen Vernunft, Berlin 2023 [1983], 578
[9] Der Begriff ist Peter Sloterdijk entliehen. Kritik der zynischen Vernunft, 1. Aufl. Berlin, 2023
[10] Eine pejorative Wertung findet sich auch im Begriff der Symbolpolitik, welcher von seiner Bedeutung her nahe der Blendgranate angesiedelt ist.
[11] Catel, Charles -Simon, Traité d’harmonie, Paris,1803
[12] Die Page des Verfassers: www.aurelius-belz.ch, ist diesem Thema gewidmet.
[13] Konrad Lorenz betont, dass das menschliche Verhalten geschichtet ist und aus zwei völlig unterschiedlichen Quellen gespeist und beeinflusst wird, und zwar aus zwei rein natürlichen Quellen. Lorenz, Konrad, Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens, München 1975, S. 304
[14] Vgl. hierzu den Artikel des Verfassers: Minima Harmonia, In: Lettre 146, S. 92-93
[15] Diesem Bereich widmete Konrad Lorenz eine Publikation mit dem Titel: Die acht Totsünden der zivilisierten Menschheit, zuerst München 1973
[16] Lorenz, Konrad, Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens, München 1975, S. 304
[17] Konrad Lorenz wählte den Begriff aufgrund der Irreversibilität des Vorgangs, ebd., 110
[18] Lorenz, Konrad, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, 2022 [1973], 29
[19] Vgl. Symbole, Spiegel des Menschen: www.aurelius.belz.ch, Wissenschafts-Blog: B12
[20] Die konsekrierte Hostie ist diesbezüglich eine Ausnahme, s.o.
[21] Andererseits kann nicht übersehen werden, dass der Körper in jenen Bereichen, in denen er Genuss verschafft, nicht auf Ablehnung stösst.
[22] Lorenz, Konrad, Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens, München 1987, S. 303