Wissenschafts-Blog

12.04.2025

C22 Geleitwort des Pontificio Istituto di Musica Sacra

"Mit dieser Studie legt Aurelius Belz eine kulturhistorisch einzigartige Arbeit vor. Gewidmet ist sie einer mechanischen Vorrichtung, der Tastatur, die einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Zivilisation ausübte und weiterhin ausübt. Und nachdem dieser Einfluss sowohl technischer als auch künstlerischer und politischer Natur ist, ist es unumgänglich, in der Bearbeitung des Gegenstandes polydisziplinär vorzugehen. Dem Autor gelingt es nicht nur, in zahlreichen Details zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Er vermag es auch, mit Hilfe eben jener Details ein kulturgeschichtliches Gesamtbild zusammenzusetzen. Die Gegenwart ist nur vor dem Hintergrund ihrer geschichtlichen Entwicklung verständlich. Das gilt für die Natur, für die Politik und die Kunst in gleichem Masse. 

Die Studie beginnt mit Zeichnungen, die um das Jahr 1440 entstanden sind und als Beleg dafür dienen, wie der Mensch den Zugriff auf Daten mit mechanisch-technischen Mitteln erprobte. Diese Erprobung fand zuerst mit Musikinstrumenten statt. Bei den Zeichnungen von Henri Arnaut de Zwolle, die der Verfasser als Ausgangspunkt seiner Betrachtung heranzieht, handelt es sich um die ältesten erhaltenen Konstruktionszeichnungen ihrer Art. Sie dokumentieren den Wunsch, das komplexe Tonsystem mittels Tasten nutzbar zu machen. Dabei führt uns der zeitlich-geografische Hintergrund in das Herz Europas – in das Burgund des XV Jahrhunderts – in die Regierungszeit Philipps des Guten. An dessen Hof, den man heute zu Recht als Center of Excellence bezeichnen würde, blühten die Künste und Wissenschaften in einer Weise auf, dass man in der damaligen Zeit nichts Vergleichbares an die Seite stellen konnte. Und nicht zufällig wurden dort mit dem Orden vom Goldenen Vlies jene Aristokraten geehrt, die zu einer Verfeinerung – auch der politischen Kultur – beigetragen haben. 

Mit den Zeichnungen nimmt uns der Verfasser mit auf eine Reise, die Aufmerksamkeit verdient. Zunächst geht es um die Analyse der genannten Konstruktion, in der nach und nach zahlensymbolische Bezüge auffällig werden. In der Organologie ist die pythagoreische Zahlenmystik sehr bekannt, ebenso die Fibonacci-Reihe. Was Belz jedoch vor allem aufdeckt, ist der klare Bezug zur christlichen Zahlensymbolik, die sowohl in den Proportionen des Instruments als auch in den dekorativen Schmuckelementen zum Ausdruck gebracht wird. Und diese Symbolik stellt er sogleich in den kulturhistorischen Kontext jener Zeit, sei es, dass wir sie im Brauchtum wiederfinden, im Kathedralbau oder in der Bildkomposition des berühmten Genter Altars der Brüder Hubert und Jan van Eyck. Die Immaterialität von Licht und Schall steht gleichnishaft für die immaterielle Existenz Gottes, den man zwar nicht mit den Händen anfassen kann, dessen Existenz jedoch gleichermassen ausser Frage steht. Das ist die aus den Kunstwerken sprechende Botschaft. 

Dabei zieht Belz Schlussfolgerungen nach heutiger Lesart: Zuerst erkennt er in der simultanen Verwendung optischer und akustischer Kunstformen in einer einzigen künstlerischen Aussage das Multimediale, sodann betrachtet er den Zweck – die Kontaktaufnahme mit Gott mittels Tasten – und gelangt im Vergleich mit der Gegenwart zur Bezeichnung «Sakrale Handys».

Zur Untermauerung seiner Darstellung bezieht der Autor ein weiteres Instrument ein, das Klavizitherium im Royal College of Music in London, bei dem es sich um das älteste erhaltene besaitete Tasteninstrument der Welt handelt. Hier gelingt es ihm ebenso, mit dem analytischen Instrumentarium des Instrumentenmachers und Kunsthistorikers, diesem bedeutenden Kulturgut einen Grossteil seiner in Vergessenheit geratenen Geschichte zurückzugeben. Allein die Analysen der beiden Instrumente, die in der Studie den Auftakt bilden, führen zu grundlegenden Erkenntnissen im Bereich der Instrumentenkunde. 

Im Anschluss widmet der Verfasser ein eigenes Kapitel der Klaviatur als solcher – er betrachtet sie im Verhältnis zur Entwicklung des abendländischen Tonsystems und findet dort genau dieselbe zahlensymbolische Bezugnahme. Sodann stellt er das Tonsystem seinerseits in den kulturhistorischen Kontext und gelangt unversehens zur Makroperspektive: Tonsystem und Zeitrechnung, die Ordnung des Kosmos in den Tierkreisen, Tages- und Lebenslauf, die Sakramente, die kirchlichen Festtage, die Passionsblume als Symbol für die Schöpfung, die Proportions- und Harmonielehre: all das ist im Abendland auf gleiche Weise in das christliche Weltbild integriert. Es besteht kein Zweifel, dass wir es mit einer «Societas Christiana» zu tun haben., die der Zahlensymbolik in einer Weise aufgeschlossen war, wie wir es heute kaum noch nachvollziehen können. Mit einem Bild grösseren Formates kann es ein Kunsthistoriker nicht zu tun haben. 

Mit der Entwicklung der Wissenschaften kam es in der Folge zu historisch bedeutsamen Veränderungen, in denen die Tastaturen der Schreibmaschine, des Telegrafen und der Rechenmaschine eine grosse Rolle spielten. Die historischen Zeugnisse, wie z.B. das cembalo scrivano, das Piano-Arithmometer oder der Telegraph von George Phelps mit seiner Ebenholz- und Elfenbeinklaviatur, belegen die Verwandtschaft der Tastaturen untereinander, deren Funktionen heute im Keyboard des Computers – all in one – zusammengefasst sind. Der Begriff «Globalisierung» wäre ohne das Potential der Tasten undenkbar, deren Entwicklung, beginnend mit der antiken Wasserorgel, in der vorliegenden Studie erstmals in ganzer Länge aufgezeigt wird. Die zivilisatorische Errungenschaft ist vielleicht einschneidender noch als die Erfindung des Buchdrucks, nur dass sie keinem einzelnen Erfinder zugeordnet werden kann. 

Da es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handelt und nicht um eine theologische, stehen am Ende zwei Weltbilder einander gegenüber – das der Religion und Wissenschaft – und es kommt zu einer interessanten Einigung im Hinblick auf die Wertschätzung des Geistigen, zu einer gemeinsamen Betrachtung der verschiedenen Denkvarianten, seien sie kausal- oder analogiebezogen, d.h. gleichnishaft, und es kommt zu einer Einigung in Bezug auf die notwendige Anerkennung und Wertschätzung des Andersdenkenden. So enthält die vorliegende Studie einiges, was in Lehrbücher gehört. Sie bietet einen Einblick in die europäische Kunst-, Musik- und Technikgeschichte und zugleich eine Grundlage für globales Demokratieverständnis. 

Aus kirchlicher Sicht ist die Tastatur schlicht eines jener Werkzeuge, mit deren Hilfe der Mensch seinen Geist trainieren kann «vehementia assidue exercitationis» (durch unaufhörliches intensives Training), so gelangt er zur Tugend durch göttlichen Einfluss «virtus cujusdam celestis influxus», so formulierte es Johannes Tinctoris (1435-1511) im Prolog seines Liber de arte Contrapuncti." 

Monsignore dott. Vincenzo De Gregorio

Preside

Pontificio istituto di musica sacra