C21 Harmonie - umgangssprachliche Verwerfungen und politische Folgen
Der Volksmund folgt eigenem Verständnis und kommt ohne Wissenschaft zurecht. Was alle sagen, kann nicht falsch sein. Es entstehen Trampelpfade des Denkens. Wo das Hinterfragen unterbleibt, gelingt sogar die Aufnahme in Nachschlagewerke. So finden wir z.B. im etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache:
«Harmonie ‘Wohlklang, Übereinstimmung, innere Geschlossenheit, Ebenmaß’. Lat. harmonia, aus griech. Harmonía (ἁρμονία) ‘Verbindung, Bund, passendes Verhältnis, Übereinstimmung, Einklang, Melodie’, wird im 16. Jh. ins Dt. entlehnt, nachdem vereinzelt bereits mhd. Armonīe (nach mlat. armonia) belegt ist. Der zunächst musikalische Terminus wird auf Arrangements und Konstellationen übertragen, die auch in anderen Wahrnehmungsbereichen als wohltuend und angenehm empfunden werden, so daß er im 18. Jh. eine große Verwendungsbreite in Kunst, Naturwissenschaft, Psychologie erreicht.»
Man hat demnach den Eindruck, bei Harmonie handele es sich um eine konfliktfreie Zone als gegebene Tatsache. Das trifft nur zu, solange man vom Ergebnis ausgeht und sich für das Zustandekommen nicht interessiert.
Wenn wir jedoch erfahren, dass der Brautwagen der griechischen Göttin Harmonia von einem Löwen und einem Eber gezogen worden sein soll, haben wir es mit einem gänzlich anderen Sachverhalt zu tun. Die Tätigkeit der Wagenlenkerin ist keine Aufgabe, die man bereitwillig übernehmen möchte.
Auch wenn wir einem Orchester beim Stimmen der Instrumente zuhören, bemerken wir, dass etwas vom Chaos zur Ordnung gebracht wird. Wer nur das fertige Musikstück konsumiert, blendet das jahrelange Üben der Musiker aus – damit sich kein einziger Ton ungebeten Gehör verschafft – und unterschlägt die Arbeit des Komponisten, der den Zusammenklang mehrfach kontrollierte und die Spannungsverhältnisse in absichtsvolle Beziehung zueinander setzte. Ebenso missversteht er die koordinierende Aufgabe des Dirigenten. Dazu kommt die Feststellung, dass es sich im Ergebnis um etwas sehr Kurzlebiges handelt, um etwas, das volle Aufmerksamkeit erfordert. Mit dem Frieden ist das nicht anders.
Zur Beschreibung der Harmonie gehört der Vorgang des Lenkens höchst unterschiedlicher Naturen auf ein gemeinsames Ziel. Die Naturen bleiben wesensfremd, wie sie sind, und definitiv unangetastet in ihrer Identität. Wie in der Demokratie muss die Spannung zwischen ihnen ausgehalten werden. Von «Ebenmass» kann keine Rede sein. Das würde nur auf Monotonie hinauslaufen.
In der kosmischen Harmonie besteht Ausgeglichenheit nur hinsichtlich der Kräfteverhältnisse, und auch das ist keine Selbstverständlichkeit, wie es die zahlreichen Einschlagkrater auf dem Mond dokumentieren. Die Divergenzen sind und bleiben gewaltig.
Aufgrund der versüsslichten Zusammenfassung – als ob man es mit spielenden Katzenkindern zu tun hätte – kommen die Worte Selbstbeherrschung und Disziplin in der obigen Beschreibung gar nicht vor.
Wer sich je mit Zivilcourage zwischen Prügelnde begeben hat und von beiden Seiten einsteckte, käme nicht auf die Idee, den Begriff «wohltuend» als geeignete Beschreibung zu verwenden. Harmonie zu erzeugen ist eine der schwierigsten Aufgaben, an der die Menschheit regelmässig scheitert. Am Grad ihres Gelingens ist der zivilisatorische Fortschritt messbar. Wie es damit steht, erfahren wir aus den täglichen Nachrichten.
Das Ganze hat etwas von einem Tanz auf dem Vulkan oder vom Vorabend einer Revolution. Zum Sternstundencharakter der Harmonie gehört der nahe sichtbare Abgrund, der dem Phänomen seine Besonderheit verleiht - das Bewusstsein seiner Zerbrechlichkeit. Nicht wenige – vor allem jene, die den Krieg erlebt haben, kann das zu Tränen rühren. Von alldem weiss die AI nichts, weil sie nicht die Spur einer Ahnung vom Leben hat.
Die eindimensionale Betrachtungsweise hat weitreichende Folgen. So gilt der Harmoniebefürworter gegenüber dem Strategen als schwach, bequem, geistig minderbemittelt, idealistisch, gefühlsbetont, verträumt, verweichlicht und realitätsfern - Eigenschaften, die nicht selten dem weiblichen Geschlecht zugeschoben werden. Harmonie hat einen schlechten Ruf in der Gesellschaft, mehr noch die Harmonielehre, deren theologischer Gehalt komplett in Vergessenheit geriet, weil es auf das genaue Hinsehen nicht so ankam. Wie erwähnt war Harmonia eine griechische Göttin, was vom Christentum nicht kommentarlos übernommen werden konnte. Die Kirche hatte das Bildungsmonopol inne und die musikalische Ausbildung fand über Jahrhunderte in Klöstern statt. Was nach der Französischen Revolution vom grossartigen Entwurf des spirituellen Weltethos und all den symbolischen Bezügen noch übrig blieb, ist schwer begreifbarer Stoff, zugänglich nur für Intellektuelle in Elfenbeintürmen. Für den rechtschaffenen Bürger scheint es besser, mit alldem nichts zu tun zu haben, um sich in diesem Dickicht nicht zu verlaufen. (Stichworte: kleine Sekund, übermässige Quart - kleine Zwei, übermässige Vier - oder im Englischen: B-flat, mit dem Analogon des flat tyre, des platten Reifens - hinzu kommt, dass die Oktav aus 5 Ganzton- und 2 Halbtonschritten besteht und 5 Ganze und zwei Halbe 6 ergeben und nicht 8 - für Mathematiker schlicht haarsträubend). So weiss die Politik immerhin, wo die Sparmassnahmen im Bildungswesen ansetzen können, um das Feld für Strategen, für Kriegstüchtige und richtige Kerle freizumachen.
Genau umgekehrt müsste es sich mit der Wertschätzung jedoch verhalten. Auch wenn die Harmonie unbewaffnet daherkommt, sollte sie ihr Ansehen wiedererlangen, nicht nur weil sie über Jahrtausende mit dem Göttlichen in Verbindung gebracht wurde, sondern weil sie die Weisheit auf ihrer Seite hat. Etwas Schlimmeres kann ihren Anhängern ohnehin nicht zustossen als jenen, welche auf dem Schlachtfeld ihr Leben verlieren. Nur weil sie diesen Ort nicht betreten, sind sie nicht feige. Ernest Hemingway entlarvte den patriotischen und kriegsverherrlichenden Mythos ohnehin als hohle Phrase, und AI kommt zu dem ernüchternden Schluss: “Wo der Volksmund spricht, schweigt oft die Wahrheit”. Sie warnt vor der Verbreitung von Mythen, vor sozialen Vorurteilen, vor Fehlentscheidungen im Alltag sowie vor Skepsis gegenüber Fakten - alles Dinge, welche in voller Breite auf Social-Media-Kanälen beobachtet werden können und die Wahlergebnisse signifikant beeinflussen.
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