Wissenschafts-Blog

10.03.2023

C9 Eindrücke der Jahrestagung der Schweizerischen Clavichordgesellschaft im Haus der Instrumente, Luzern, 05. Oktober 2024

Es gibt musikalische Events, welche Stadien füllen, und dieses, am anderen Ende des Spektrums. Das Clavichord zieht ein ausgesprochen gebildetes Publikum an, darunter Musikpädagogen, Musiktherapeuten, Organisten, Theologen, Musikwissenschaftler und Instrumentenmacher – Menschen des Geistes, die sich mit unserem musikalischen Kulturerbe aktiv auseinandersetzen und eine lebensbereichernde Freude daran haben. Dabei schätzen sie die intellektuelle Auseinandersetzung ebenso wie das zu Herzen gehende, und dort, wo das Instrument zart daherkommt, hat es Zugang zur Seele. Dem Verklingen nachzulauschen evoziert eine Bewusstheit des eigenen Endes. Empathie macht es möglich. Seit Jahrhunderten mischen sich spirituelle und religiöse Vorstellungen in die Wahrnehmung, nicht nur des Clavichords, doch ist das zu hauchzartem Ausdruck fähige Instrument sehr geeignet hierfür. Es erzieht zu einem behutsamen Umgang, macht nachdenklich und entzündet ein Licht im Innern. Dabei werden die Glücksmomente – sehr im Unterschied zu den erwähnten Stadien – nicht nach aussen getragen, doch in den leuchtenden Augen sind sie sichtbar.

Dies als Zaungast mitzubekommen ist ausgesprochen bereichernd. Als Ambrosius Pfaff auf den Artikel Minima Harmonia des Autors aufmerksam wurde, der an sich für eine europäische Kulturzeitschrift gedacht war – er erschien in Lettre International 146, 92 – zögerte er nicht, ihn im Verbandsbulletin Tangente abzudrucken und bewies damit die Bereitschaft, über den durch fachliche Disziplinen vorgegebenen Tellerrand hinauszublicken.

Aus Sicht des Autors ist das Clavichord eine Art Kristallisationspunkt, eine Keimzelle, von der sehr viel weiteres ausgeht. Das war besonders zu erleben durch den gemeinsam vorgebrachten Wunsch, die Instrumente ihrer klanglichen Stärke nach vorzustellen. Ein sukzessives Entfalten, gar Aufblühen, wollte nacherlebt werden – und allein wie viel Clavichorderlebnis steckt noch im Tangenten- und Hammerflügel! Musik ist geistigen Ursprungs, fängt also in der Lautlosigkeit an. Mit dem Anrühren der Saite kommt das Gedachte und Gefühlte zum Vorschein und wird zur Schöpfung. Nicht weniges davon wurde später zum klangstärksten aller Instrumente, zur Orgel getragen.

Doch auch das Diminuendo verdient Beachtung. Der verklingende Ton wird in die Stille begleitet. Wie beim Abschiednehmen von einem geliebten Menschen, wo am Bahnsteig noch gewartet wird, bis der Zug ganz ausser Sichtweite ist, weil selbst die allergeringste Empfindung von Nähe noch gut tut. Und diese Empfindung hält noch eine Weile an. So ist das mit Herz- & Seelenangelegenheiten.[i]

Nach der Präsentation der eigens angelieferten Instrumente führte Adrian Steger durch die Sammlung des Hauses. Das war Fachkunde vom Feinsten. So sehr daran gelegen ist, Kulturerbe im Originalzustand zu erhalten, denn allzu viel ist schon durch wohlgemeinte Restaurierungen zugrunde gegangen – zahlreiche Publikationen widmen sich diesem Thema – bedarf es doch der persönlichen Kontaktnahme, um das Publikum an die Materie heranzuführen. Eine Werkstatt mit der Möglichkeit, eigene Rekonstruktionen anzufertigen ist hierfür die ideale Lösung.

Ein Einblick in die Geschichte der Sammlung verdeutlichte den schweren Stand in unserer Gesellschaft. Wie so oft waren es private Sammler, die den Grundstock lieferten und eine Förderung erfolgte nur, wenn das Ganze in ein politisches Marketing- und Nutzungskonzept integrierbar war. Dabei sind die Entscheidungsträger in der Regel nicht vom Fach – was durchaus hinterfragt werden darf. Besucher, die den Wert solcher Sammlungen erkennen, verlassen den Ort stets mit der Sorge, wie es weitergehen soll und was wir künftigen Generationen überhaupt noch hinterlassen. Mit Blick auf unseren Planeten ist das nicht anders. Was ist der Unterschied zwischen einer Wertschätzung der Artendiversität und einer Wertschätzung der kulturellen Freiheit und Vielfalt? Auch unsere Art ist divers und die damit verbundenen Herausforderungen sind gewaltig. Die Bedrückungen des Weltgeschehens begleiten uns überallhin und der Kontrast könnte nicht grösser sein. Harmonisches Miteinander versus Gewalt und Zerstörung. Was gibt es davon noch in welcher Zukunft? Allein Harmonie- bzw. Synergiefähigkeit brächte zivilisatorischen Fortschritt und eine Befriedung der Welt.

Nun bedurfte es einer Pause und der Stärkung, die nicht allein kulinarisch-, sondern auch im Gedankenaustausch gegeben war. Das ist wie mit dem Öffnen der Fenster und der Zufuhr geistiger Frischluft. Auf den Verfasser wirkten Gespräche mit Paul Simmonds oder Ulrich Wilhelm wie Schnellladestationen – Powerbanks für den inneren Akku. Auch das abschliessende Konzert ist noch dem Thema der Regeneration zuzuordnen, führte es doch zum Kern des gemeinsamen Anliegens zurück. Es ist der organisatorischen Weitsicht zu verdanken, die Generalversammlung vorgezogen zu haben, um einen positiven Ausklang zu ermöglichen – doch was war das Belastende an ihr?

Nicht nur, dass man sich von Weggefährten wie Bernhard Edskes und Lothar Bemmann auf immer zu verabschieden hatte. Die Rede war auch vom traurigen Aussterben vergleichbarer Institutionen in Europa. Das kongruiert mit dem nebenstehenden Beitrag Minima Harmonia und ist im Rahmen eines gesellschaftlichen Ganzen zu sehen.

Die Aufgabe ist eine doppelte. Wie der zweigesichtige Gott Janus gerne an Portalen nach innen und nach aussen blickend dargestellt wird, geht es im Innern um den Erhalt und die Forschungsbemühungen, im Äusseren um einen Kulturkampf, der sich mit politischen Begehrlichkeiten auseinanderzusetzen hat – sehr im Gegensatz zur Harmonielehre haben wir es dort mit strategischem Denken zu tun. Wem das zu viel ist, mag sich ins Innere zurückziehen und trifft im Clavichord auf einen Seelenverwandten. Wer die Kraft zum Aufbegehren verspürt, dem wird der Vergleich David gegen Goliath nicht wirklich Mut machen, ist doch die Harmonielehre in der Hand alles andere als eine Waffe. Diese Gedanken lassen sich mit jenen von Ernst Bloch leicht weiterführen:

»Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. Hoffen, über dem Fürchten gelegen, ist weder passiv wie dieses, noch gar in ein Nichts gesperrt. Der Affekt des Hoffens geht aus sich heraus, macht die Menschen weit, statt sie zu verengen, kann gar nicht genug von dem wissen, was sie inwendig gezielt macht, was ihnen auswendig verbündet sein mag. Die Arbeit dieses Affekts verlangt Menschen, die sich ins Werdende tätig hineinwerfen, zu dem sie selber gehören.»[ii] 

Man darf davon ausgehen, dass alle Teilnehmer eine derartige Motivation in sich trugen. Jedenfalls wandten sie sich mit besonderer Wertschätzung – oder war es bereits Ehrerbietung? – im Anschluss einem Tangentenflügel von Friedrich Schmahl aus dem Jahr 1797 zu. Oder verhielt es sich so, dass sich das Instrument den Hörern zuwandte? Ohne ins Animistische abgleiten zu wollen ist feststellbar, dass Jermaine Sprosse mit Hilfe des historischen Flügels Vergangenes ins Leben zurückrief – sowohl in sein Leben als auch in das Leben der Hörer. Und was da hinüberwehte aus vergangenen Tagen, waren Freude, Witz und Sorge, Albernheit, Verspieltheit, Kindliches und Ernstes – und auch Poetisches, wie die musikalische Bezugnahme auf ein Gedicht von Petrarca: vorgelebte Freude an einer blühenden diversity of arts!

Es liegt nahe, dass ein reiferes Publikum zu diesen Dingen anderen Zugang hat, weil sich Jugend in der Erinnerung anders darstellt als in ihr. Ein Blick auf das ganze Leben war von dort ja noch nicht zu ergattern. Eine einzige Geste zeigte all dies in kompakter Verdichtung: das zärtliche Streicheln des Flügels durch den Spieler nach dem Vortrag. Darin steckte eine ordentliche Portion Dankbarkeit, die Jermaine Sprosse von der Hörerschaft geradewegs zurückerhielt.

Wie wir wissen, suchte Johann Sebastian Bach durch seine Mitgliedschaft in der Correspondierenden Societät der musikalischen Wissenschaften die Majestät der alten Musik gegenüber dem Zeitgeist der Aufklärung zu verteidigen. Das Clavichord war eines seiner bevorzugten Instrumente. In seinem Werk fand sich wiederholt der verschlüsselte Hinweis auf die Zahlen 118 und 22 und somit auf den 118. Psalm, Vers 22: «Dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.»[iii]

Und der Stein wurde verworfen! Rückblickend war es genau jene Aufklärung, welche uns den Zugang zum theologischen Gehalt der abendländischen Harmonielehre bewusst versperrte, und über einen Zeitraum von 200 Jahren war es gelungen, die Inhalte aus dem Unterricht zu verbannen. Der harmonikale Ansatz wäre, die unterschiedlichen Sichtweisen gelten zu lassen und in ein übergeordnetes Erkenntnisinteresse einzubetten - wie in der gleichschwebend temperierten Stimmung unterschiedliche Ordnungsgefüge nebeneinander stehen dürfen.[iv] Es ist zudem ein entscheidender Unterschied, ob die Sachverhalte als Glaubensinhalte machtvoll durchgesetzt werden – erinnert sei an das Inquisitionsverfahren gegen Galileo Galilei – oder als Kulturerbe vermittelt werden als Teil jenes Weltbildes, welches bereits durch Nikolaus Kopernikus ins Wanken geraten war. Für eine redliche Auseinandersetzung mit Geschichte ist es erforderlich, die damalige Bildungsperspektive zu berücksichtigen und gleichzeitig zu hinterfragen, welche Faktoren auf unser eigenes Geschichtsbild prägenden Einfluss haben.[v]

Heute stehen die staatlichen Institutionen nicht mehr vor derselben Situation wie damals. Im Gegenzug hätte die Gesellschaft wieder Zugang zu einem ethischen Nutzwert erster Ordnung, denn was hätte auf unserem Globus höhere Systemrelevanz als Synergiekompetenz?

Sowohl auf die Schweizerische Clavichordgesellschaft als auch auf die Deutsche Clavichord Societät warten viele spannende Aufgaben.

 

© Aurelius Belz 2024

 


[i] Besonders erfahrbar sind diese Eigenschaften an Orten der Erinnerung wie Denkmälern und Friedhöfen, verbunden mit Riten wie Grabpflege, Kranzniederlegungen und Gedenktagen.

[ii] Bloch Ernst, Das Prinzip Hoffnung, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 12. Auflage 2022, 1

[iii] Auf diesen Zusammenhang wurde der Verfasser durch Christoph Bossert aufmerksam, Internationale Bach-Societät, HfM Würzburg.

[iv] Ordnungsgefüge der Naturtonschritte: ganzzahlige Vielfache der Grundfrequenz + Ordnungsgefüge der chromatischen Halbtonschritte: Faktor 12√2, Resultat: Ordnung in den Schwebungen. Es sei betont, dass es sich nicht um             eine nachgiebige Kompromisssuche handelt, bei der jeder Partei Zugeständnisse abverlangt werden, sondern um eine klare Abgrenzung und Gegenüberstellung des Wesensfremden – sehr der Harmoniedefinition entsprechend!             Weil das Interesse des Stimmers, resp. der Stimmerin, der Differenz gilt – hörbar als Interferenz - vermag es keines dieser Systeme, Dominanz über das andere zu erlangen. Die Wirkung ist eine synergetische: Eine T                         Tonartencharakteristik gibt es nicht mehr. Das wohltemperirte Clavier tritt den Beweis dafür an. Auch im Bereich der Stimmungen ist Offenheit für Diversität nichts anderes als eine Bereicherung.

[v]Die christliche Symbolik der abendländischen Harmonielehre liefert ein anschauliches Beispiel dafür, was geschieht, wenn eine Erscheinungsform - hier: das Tonsystem der Griechen - mutwillig und manipulativ in ein bestehendes         Weltbild integriert- und als theologische Wahrheitserkenntnis vermittelt wird. So erst wird deutlich, wovon man sich mit der Trennung von Kirche und Staat zu befreien gedachte.