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05.07.2016

30 Synergie versus Autonomie:

Der Brexit

 

Was bedeutet der Brexit für die Identität Europas?

Gar nichts! – so die Ausgangsannahme der vorliegenden Zeilen, denn die geografische Aussenseiterposition der Britischen Insel lud von jeher dazu ein, das Geschehen auf dem Kontinent mit Abstand zu betrachten, und so bot es sich an, alle sich ergebenden Gelegenheiten wahrzunehmen, die Dinge eigenständig und anders zu regeln: Kirchenreform, Linksverkehr, nun der Brexit, so die Kurzfassung. Innere Distanz und Skepsis sind allerdings keine speziell britischen Erscheinungsformen.

Blicken wir auf die Schweiz, so ist sie geografisch zwar mittendrin, aber ebenfalls nicht dabei, auch nicht der Vatikanstaat. Wo aber darf Identität eigentlich europäisch genannt werden - in Warschau, Budapest, Brüssel oder Bern? In historischer Betrachtung haben wir eine Liste von Kriegen-, den 100jährigen-, den 30jährigen-, die Napoleonischen Kriege und zudem die Reformation und die Aufklärung als Gossereignisse zu verbuchen. Im letzten Jahrhundert kamen zwei Weltkriege hinzu. Das haben wir Europäer gemeinsam. Nennen wir es einmal, wenn es vor dem genannten Hintergrund auch zynisch klingen mag: Lebenserfahrung.

Hinzu kommt die Vergesslichkeit. Unlängst sprach Papst Franziskus vom spirituellen Alzheimer in der Kurie. Bereits mit den Kreuzzügen hat Europa die abendländische Harmonielehre ignoriert, insbesondere die erforderlichen Eigenschaften jenseits der eigenen Meinung: Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit. Heute wird dieser Gehalt im Musikunterricht nicht einmal tangiert und der christliche Kontext als geradezu inexistent ausgeblendet. Die Musikwissenschaft beruft sich auf die Autonomie der Künste und das Pontificio Consiglio della Cultura weist das eigene Kulturerbe als wissenschaftliche Theorie von sich. Diese Form akademischer Ignoranz verläuft ungeachtet aller Bildungsreformen diametral zum technischen Fortschritt. Wir schreiben das Jahr 2016.

Anstatt dankbar dafür zu sein, in einer vergleichsweise langen Phase des Friedens leben zu dürfen, streben Extremisten verschiedenster Couleur nach Wiedereinführung der Grausamkeit. Andernorts übt sich Europa in der Kunst der Abschottung. Die Berliner Mauer zum Vorbild nehmend, die von östlicher Seite als „Schutzgrenze“ bezeichnet wurde, soll gemäss Victor Orbán kilometerlanger Stacheldraht für den Erhalt christlicher Werte sorgen, während tausende von Flüchtlingen im Mittelmeer den Tod finden. Europa handelt uneins, findet keinen gemeinsamen Nenner und mit diesem Europa ist der Brexit gänzlich kompatibel. Hinzu kommt, dass er im Vereinigten Königreich dieselbe Uneinigkeit dokumentiert – nicht allein in Bezug auf Schottland und Nordirland, sondern auch in Bezug auf die knappe Mehrheit. So gesehen ist alles beim Alten geblieben, nur dass die verschiedenen Standpunkte einmal zu Protokoll gebracht wurden. Daher nennt man sie nun Tatsachen.

Identität ist stets im Begriff, sich zu wandeln – traditionell mit jeder neuen Generation von der jugendlichen Seite her. Im Brexit ist das nicht so. Erkennbar ist die Furcht, Eigenständigkeit zu verlieren und in einer grösseren Struktur unterzugehen. Doch gerade die Jugend sähe in der Zusammenarbeit eher ein Aufblühen, eine Chance, angstfrei einen wichtigen Schritt in Richtung Globalisierung zu gehen. Nicht wenige fühlen sich von den Altvorderen ausgebremst. Das macht sprachlos.

Was geschieht nun mit den behördlichen Instanzen auf dem Kontinent, denen offenbar ein Zacken aus der Krone gefallen ist? Sie verlieren Handlungspotential und die Hoffnung, je ein Ganzes schaffen zu können. Sie erleiden einen Prestigeverlust enormer Grössenordnung. Doch das ist nicht wichtig. Der Brexit zeigt mit Deutlichkeit, dass der Kontakt zu vielen Menschen verloren ging, die ihre Identität woanders sehen. Ginge es so weiter, würde den politischen Gremien schlicht die Befähigung abgesprochen, jene Repräsentanten Europas zu sein, für die sie sich halten, denn aus wahrer Identität ist zur Lebzeiten gar kein Exit möglich. Wer verbinden will, muss lokale Menschennähe suchen und auf Inhalte Bezug nehmen.

Als „Schuss vor den Bug“ verlangt der Brexit einen Moment des Innehaltens: Vor allem in Brüssel ist die Europäische Flagge allgegenwärtig. Doch wer erkennt in ihren 12 Sternen noch die Relikte spätmittelalterlicher Symbolik? Wer brächte sie auf Anhieb mit dem Sternenkranz Mariens in Verbindung, mit den 12 Aposteln, mit dem Zifferblatt der Uhr, den 12 Stunden des Tages und der Nacht oder mit den jeweils 12 Tonarten in Dur und in Moll, die ihrerseits mit den 12 Toren des Himmlischen Jerusalem kongruieren? Der azurblaue Hintergrund repräsentiert den Himmel des Tages, die Sterne den Himmel der Nacht. Ihn überhaupt wahrnehmen zu können, setzt den Blick nach oben voraus. Das war einmal Europäische Identität. Sie hatte einen hohen Preis, weil die Welt auf andere Weise zu betrachten nicht erlaubt war. Heute ist es erlaubt. Es ist erlaubt, in einem Europa des Konsums hinreichend an sich selbst zu denken. So hält der Brexit auch dem Wähler einen Spiegel vor.

Europa wird sich ändern. Doch nur Idealisten vermögen das Anfangsstadium einer Verpuppung zu erkennen, einer grundlegenden Transformation, die auf ein Weltbürgertum hinaus läuft, das weder Nationalstaaten noch Staatenbünde nötig hat, denn zumindest in theoretischer Betrachtung hebt der Begriff Globalisierung alle Gegenseitigkeit auf, lässt strategisches Denken als veraltet erscheinen und fordert den bedingungslosen Ersatz durch synergetisches Handeln. Dafür ist der Brexit nun allerdings nicht das geeignete Beispiel, höchstens dafür, wie schwer es ist, derartigen Anforderungen gerecht zu werden.

Die Arenen in Brüssel und Strassburg bieten durchaus Gelegenheit, globale Erfordernisse im Kleinen zu trainieren und belastbare Strukturen zu schaffen. Dabei darf auch mal etwas schief gehen. Nun wird man jedoch anderweitig unter Beweis zu stellen haben, dass Europäische Identität nicht schon in sich ein Gegensatzpaar bildet.

„So even though we face the difficulties of today and tomorrow, I still have a dream.“, könnte Dr. Martin Luther King als 87jähriger auch heute noch sagen, sofern man ihn am Leben gelassen hätte. Unvergessen ist seine Rede vom 28. August 1963 gegen Intoleranz und Rassismus und für Verständigung unter den Menschen aus der Erkenntnis: „We cannot walk alone.“ Sollte dieser Satz der Wahrheit entsprechen, muss man es nicht trotzdem versuchen. Demokratie ist nicht nur ein nötiger Konsens. Sie ist Europas grösste Errungenschaft, mit der zu identifizieren sich lohnt. Allein deshalb ist sie jedoch nicht unfehlbar.

Dieser Beitrag wurde publiziert im Debattenmagazin The European.