Politisches Umfeld 

Für sich genommen macht kulturgeschichtliche Forschung einen unproblematischen Eindruck. Wenn das akademische Bearbeitungswerkzeug vorhanden ist, fällt die Entscheidung hinsichtlich des Bearbeitungegenstandes und nach Lektüre der vorhandenen Literatur geben Quellenlage und Forschungsgegenstand die Richtung vor.

Hinsichtlich des Tonsystems kommt die Tatsache zur Hilfe, dass sich an der Physik der Saitenschwingung über die Jahrhunderte nichts ändert und lediglich die Bezeichnungen variieren. Eine Durchnummerierung ist als solche klar erkennbar, ebenso eine Gliederung nach Alphabet. Vor diesem Hintergrund springen Abweichungen besonders ins Auge, z.B.:

  • C-Dur als Ausgangstonart ohne Vorzeichen
  • von C - nicht von A! - geht es im Bassschlüssel "abwärts", im Violinschlüssel "aufwärts"  

Schaum Tastenfinder (Detail)
 

  • der Name Oktav für ein Intervall, welches aus 5 Ganzton- und zwei Halbtonschritten besteht - in anderer Lesart aus 12 Halbtonschritten. Mathematisch käme man in beiden Varianten auf 6!
  • die Bezeichnung Prim mit dem Wert Null

Für derartige Abweichungen muss es Gründe geben.

Gleiches gilt für Analogien, welche auf einen anderen Kontext weisen, z.B. die Vorstellung von hohen und tiefen Tönen - die es realiter gar nicht gibt - sowie die Bezeichnung Tonleiter. Aus dem kulturhistorischen Zusammenhang wird deutlich, dass wir es mit einer Analogie zur Jakobsleiter zu tun haben. Die Befunde werden durch Schriftquellen gestützt, auch durch solche der Aufklärer, welche sich gegen jedweden Einfluss der Kirche zur Wehr setzten. Musikalische Erfordernisse und theologische Interpretation werden so unterscheidbar - auch Glaubensbekenntnis (z.B. J.S. Bach, s. Blog 45) und Indoktrination. Die Blog-Beiträge und Video-Präsentationen dieser Page widmen sich mehrheitlich den unterschiedlichen Facetten sowie der Kontextualisierung dieser Phänomene.  

Nun liegen die Ergebnisse vor und gelangen an politische Entscheidungsträger. Darüber - und über die Debatte bezüglich der Akzeptanz religiöser Symbole in Klassenzimmern - berichten die Beiträge 37 und 38 sowie die Buttons: Zielsetzungen und News. Mit der Anerkennung der Resultate wird es demnach problematisch - insbesondere in juristischem Sinne.

  • Wem steht es zu, über historische Tatsachen zu befinden und damit zugleich über die Verständnisgrundlage eines Schulfachs - bei gleichzeitiger Notenvergabe?
  • Wie verhält es sich mit den Lehrplänen? Darf eine Generation der anderen Wissen vorenthalten?
  • Welchen Konflikten werden Migrantenkinder ausgesetzt, deren Eltern und Lehrer? 

Zum Selbstverständnis der Schweiz gehören ihre Neutralität sowie ihr Engagement hinsichtlich politischer Konfliktlösungen und nachdem religiöse Bekenntnisse als Provokation aufgefasst werden können, schien es offenbar angebracht, die historisch vorhandenen Symbole neu zu interpretieren.

Die nachfolgenden Piktogramme machen in ihrer Erläuterung aus dem christlichen Kreuz ein "Plus" - d.h. man ist um eine positive Konnotation des Leidenswerkzeugs bemüht - und ersetzen die Taube des Hl. Geistes durch die Friedenstaube.  

Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegeheiten EDA
 

Pablo Picasso, Friedenstaube 1961 

 

Lorenzo Bernini, Taube des Hl. Geistes, Petersdom, Rom

Als 7 Gaben des Hl. Geistes gelten bei Aurelius Augustinus: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit. Die Friedenstaube ist also keine Schöpfung jüngeren Datums und die ethischen Ansprüche liegen heute nicht höher. Bei Bernini fehlt lediglich das ©. An weiteren Beispielen und Varianten herrscht kein Mangel.

Deckenmosaik im Baptisterium von Albenga, Ligurien, 5. Jhdt.
Dreifaches Christusmonogramm ☧ Chi Rho in 3 konzentrischen Kreisen mit dreimaligem Alpha und Omega, die Trinität  darstellend, umgeben von 12 Tauben. 

Die Harmonielehre verlangt keineswegs das Verbergen des eigenen kulturellen Hintergrundes aus Rücksichtnahme. Welchen Sinn hätte dann Forschung in diesem Bereich? Vielmehr erzieht sie dazu, die Andersartigkeit einer fremden Identität gegenüber der eigenen als gleichwertig anzuerkennen und daher auch das mittelalterliche Weltbild in unserem Tonsystem zu akzeptieren. Schülerinnen und Schüler - mit welchem kulturellen Hintergrund auch immer - können daran lernen, wie Indoktrination* funktioniert, sichtbar am manipulativen Eingriff in einen Sachverhalt, der sich mathematisch und physikalisch anders darstellt. Nachdem die Musik der Gefühlswelt nahe steht sind solche Eingriffe besonders wirkungsmächtig, noch dazu in den früheren-, ausgeprägt hierarchischen Strukturen (vgl. Blog 37, 40). Dies einmal nachzuvollziehen ermöglicht den Zugang zur Gedankenwelt und zum Bildungsumfeld unserer Vorfahren.

Zeitgleich lernen sie den religionsneutralen Standpunkt der Wissenschaft kennen, der Sachliches stets vom Persönlichen trennt und daher für den interkulturellen Dialog besonders förderlich ist. So wird es möglich, kritisch und mit gegebenem Abstand in den Spuren der Geschichte zu lesen, die eine Menschheitsgeschichte ist. Um dies gewährleisten zu können, bleibt die Wissenschaft im Modus der Beschreibung und gestattet in den eigenen Reihen keine Eingriffe in Kulturgüter, die eine Neuinterpretation im Sinne einer Verfälschung der ursprünglichen Intention zum Ziel haben. Das wäre in ihren Augen gleichbedeutend mit Dokumenten- oder Urkundenfälschung. Das wiederum bedeutet nicht, dass den Menschen das Recht auf kulturellen Wandel abgesprochen würde, doch wer sich der Dokumentation verschrieben hat, darf sich die Dinge nicht eigenmächtig zurechtlegen.   

Die oben vorgestellte Interpretation des Kreuzes als "Plus" kann als Beleg dafür dienen, dass politische Umfelder Anpassungen an eigene Zielsetzungen vornehmen. Der Beweggrund im vorliegenden Fall war die Kandidatur der Schweiz für den UNO-Sicherheitsrat. 

Andere Regierungsformen würden auf andere Weise mit dem vorhandenen Denkmalbestand umgehen. Daher muss ein beträchtlicher Teil der kulturhistorischen Arbeit in die Sicherung des Forschungsgegenstanes gegenüber dem jeweiligen Zeitgeist investiert werden, dessen Interessen woanders liegen. Doch irgendwann ist die Zeit dafür reif, dass sich die Gesellschaft den Dingen mit wiedererlangter Sachlichkeit zuwenden kann.

Wider den Zeitgeist zu arbeiten und Kulturgüter vor der Missachtung und damit auch vor der Zerstörung zu schützen ist ein wesentlicher Zusatzaufwand in Zusammenhang mit kulturwissenschaftlicher Forschung, denn Begehrlichkeiten, sich von Althergebrachtem zu lösen, existieren immer. Allein mit sachlich korrekter Arbeit ist die Gesellschaft nicht zu erreichen. Es bedarf der zusammenfassenden Darstellungen und der didaktischen Aufbereitung - einer Art Wissenschafts-Infotainment. Aufgrund des Fehlens einleuchtender Erklärungen zählt die Harmonielehre zum trockendsten Stoff der Schulzeit, der nur gelernt- aber nicht verstanden werden kann. Durch den Verzicht auf Symbolik wird der Zugang unmöglich gemacht. Allerdings ist das Verständnis ohne signifikanten Mehraufwand sofort da, wenn aus den einzelnen historischen Mosaiksteinen ein Bild zusammengesetzt werden kann.  

Aufgrund der Tatsache, dass wir es mit einem Weltethos zu tun haben, entstanden in der polytheistischen Vorstellungswelt der Griechen - der Name leitet sich her von Ἁρμονία, der Göttin der Eintracht - erweist es sich als höchst überfällig, die abendländische Harmonielehre in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO aufzunehmen zu lassen. In einer Zeit, die von strategischem Denken geprägt ist, wäre dies ein wichtiger ausgleichender Faktor.   

Aurelius Belz 2021

 

* "Indoktrination (lateinisch doctrina, 'Belehrung') ist eine besonders vehemente, keinen Widerspruch und keine Diskussion zulassende Belehrung. Dies geschieht durch gezielte Manipulation von Menschen durch gesteuerte Auswahl von Informationen, um ideologische Absichten durchzusetzen oder Kritik auszuschalten." (Wikipedia)