Politisches Umfeld

Zum Forschungshintergrund
Für sich genommen macht kulturgeschichtliche Forschung einen unproblematischen Eindruck. Wenn das akademische Bearbeitungswerkzeug vorhanden ist, fällt die Entscheidung hinsichtlich des Bearbeitungegenstandes und nach Lektüre der bereits vorhandenen Literatur geben Quellenlage und Befund die Richtung vor.

Hinsichtlich des Tonsystems kommt die Tatsache zur Hilfe, dass sich an der Physik der Saitenschwingung über die Jahrhunderte nichts ändert und lediglich die Bezeichnungen variieren. Eine Durchnummerierung ist als solche klar erkennbar, ebenso eine Gliederung nach Alphabet. Vor diesem Hintergrund springen Abweichungen besonders ins Auge, z.B.:

  • C-Dur als Ausgangstonart ohne Vorzeichen
  • von C - nicht von A! - geht es im Bassschlüssel "abwärts", im Violinschlüssel "aufwärts"  

Schaum Tastenfinder (Detail)
 

  • der Name Oktav für ein Intervall, welches aus 5 Ganzton- und zwei Halbtonschritten besteht - in anderer Lesart aus 12 Halbtonschritten. Mathematisch käme man in beiden Varianten auf 6! Siehe auch Video VII: "Wie die Oktav zu ihrem Namen kam" .
  • die Bezeichnung Prim mit dem Wert Null

Für derartige Abweichungen muss es Gründe geben.

Kirchlicher Einfluss
Gleiches gilt für Analogien, welche auf einen anderen Kontext weisen, z.B. die Vorstellung von hohen und tiefen Tönen - die es realiter gar nicht gibt - sowie die Bezeichnung Tonleiter. Aus dem kulturhistorischen Zusammenhang wird deutlich, dass wir es mit einer Analogie zur Jakobsleiter zu tun haben. Die Befunde werden durch Schriftquellen gestützt, auch durch solche der Aufklärer, welche sich gegen jedweden Einfluss der Kirche zur Wehr setzten. Musikalische Erfordernisse und theologische Interpretation werden so unterscheidbar - auch Glaubensbekenntnis (z.B. J.S. Bach, s. Blog 45) und Indoktrination. Die Blog-Beiträge und Video-Präsentationen dieser Page widmen sich mehrheitlich den unterschiedlichen Facetten sowie der Kontextualisierung dieser Phänomene.  

Nun liegen die Ergebnisse vor und gelangen an politische Entscheidungsträger. Darüber - und über die Debatte bezüglich der Akzeptanz religiöser Symbole in Klassenzimmern - berichten die Beiträge 37 und 38 sowie die Buttons: Zielsetzungen und News. Mit der Anerkennung der Resultate wird es demnach problematisch, insbesondere in juristischem Sinne, sind es doch allein die überlieferten Zeugnisse, die ein Kulturerbe ausmachen.

  • Wem steht es zu, zensierend über historische Tatsachen zu befinden und damit zugleich über die Verständnisgrundlage eines Schulfachs - bei gleichzeitiger Notenvergabe?
  • Wie verhält es sich mit den Lehrplänen? Darf eine Generation der anderen Wissen vorenthalten?
  • Welchen Konflikten werden Migrantenkinder ausgesetzt, deren Eltern und Lehrer? 

Die kirchlichen Traditionen der Schweiz
Die historisch christliche Verankerung der Schweiz ist an zwei Punkten besonders augenfällig: an der zum Schutz des Papstes seit 1506 abgestellten Leibgarde - jeder Gardist leistet einen Schwur, nötigenfalls mit dem Einsatz seines Lebens für dessen Sicherheit einzustehen, 

Vereidigung der Päpstlichen Schweizergarde

zudem an der Architektur des Parlamentsgebäudes mit dem an Sakralbauten orientierten kreuzförmigen Grundriss der Kuppelhalle und dem vergoldeten Kreuz auf der Dachlaterne. 

Dachlaterne des Parlamentsgebäudes in Bern

Die Schweiz heute
Zum Selbstverständnis der Schweiz gehören ihre Neutralität sowie ihr Engagement hinsichtlich politischer Konfliktlösungen und nachdem religiöse Bekenntnisse als Provokation aufgefasst werden können, schien es offenbar angebracht, die historisch vorhandenen Symbole neu zu interpretieren.

Die nachfolgenden Piktogramme machen in ihrer Erläuterung aus dem christlichen Kreuz ein "Plus" - d.h. man ist um eine positive Konnotation des Leidenswerkzeugs bemüht - und ersetzen die Taube des Hl. Geistes durch die Friedenstaube.

Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegeheiten EDA
 

Pablo Picasso, Friedenstaube 1961 

 

Lorenzo Bernini, Taube des Hl. Geistes, Petersdom, Rom

Als 7 Gaben des Hl. Geistes gelten bei Aurelius Augustinus: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit. Eine Taube mit Olivenzweig begegnet uns als Verkünderin einer positiven Botschaft - nämlich über den Rückgang der Flut - in der Geschichte Noahs (1 Mos 8,11). In der Antike war die Taube der Liebesgöttin Aphrodite geweiht. Sie ist demnach keine Schöpfung jüngeren Datums und die ethischen Ansprüche liegen heute nicht höher. An weiteren Beispielen und Varianten herrscht kein Mangel.

Deckenmosaik im Baptisterium von Albenga, Ligurien, 5. Jhdt.
Dreifaches Christusmonogramm ☧ Chi Rho in 3 konzentrischen Kreisen mit dreimaligem Alpha und Omega, die Trinität  darstellend, umgeben von 12 Tauben. 

Eine Chance für den Frieden
Die Harmonielehre - deren ethischer Gehalt nun wieder vorliegt - verlangt keineswegs das Verbergen des eigenen kulturellen Hintergrundes aus Rücksichtnahme. Welchen Sinn hätte dann Forschung in diesem Bereich? Vielmehr erzieht sie dazu, die Andersartigkeit einer fremden Identität gegenüber der eigenen als gleichwertig anzuerkennen und daher auch das mittelalterliche Weltbild in unserem Tonsystem zu akzeptieren. Schülerinnen und Schüler - mit welchem kulturellen Hintergrund auch immer - können daran lernen, wie Indoktrination funktioniert, sichtbar am manipulativen Eingriff in einen Sachverhalt, der sich mathematisch und physikalisch anders darstellt. Nachdem die Musik der Gefühlswelt nahe steht sind solche Eingriffe besonders wirkungsmächtig, noch dazu in den früheren-, ausgeprägt hierarchischen Strukturen (vgl. Blog 37, 40). Dies einmal nachzuvollziehen ermöglicht den Zugang zur Gedankenwelt und zum Bildungsumfeld unserer Vorfahren.

Zeitgleich lernen sie den religionsneutralen Standpunkt der Wissenschaft kennen, der Sachliches stets vom Persönlichen trennt und daher für den interkulturellen Dialog besonders förderlich ist. So wird es möglich, kritisch und mit gegebenem Abstand in den Spuren der Geschichte zu lesen, die eine Menschheitsgeschichte ist. Um dies gewährleisten zu können, bleibt die Wissenschaft im Modus der Beschreibung und gestattet in den eigenen Reihen keine Eingriffe in Kulturgüter, die eine Neuinterpretation im Sinne einer Verfälschung der ursprünglichen Intention zum Ziel haben. Das wäre in ihren Augen gleichbedeutend mit Dokumenten- oder Urkundenfälschung. Das wiederum bedeutet nicht, dass den Menschen das Recht auf kulturellen Wandel abgesprochen würde, doch wer sich der Dokumentation verschrieben hat, darf sich die Dinge nicht eigenmächtig zurechtlegen.   

Die oben vorgestellte Interpretation des Kreuzes als "Plus" kann als Beleg dafür dienen, dass politische Umfelder Anpassungen an eigene Zielsetzungen vornehmen. Der Beweggrund im vorliegenden Fall war die Kandidatur der Schweiz für den UNO-Sicherheitsrat. Andere Regierungsformen würden auf andere Weise mit dem vorhandenen Denkmalbestand umgehen. Daher muss ein beträchtlicher Teil der kulturhistorischen Arbeit in die Sicherung des Forschungsgegenstandes gegenüber dem jeweiligen Zeitgeist investiert werden, dessen Interessen woanders liegen. Doch irgendwann ist die Zeit dafür reif, dass sich die Gesellschaft den Dingen mit wiedererlangter Sachlichkeit zuwenden kann.

Wider den Zeitgeist zu arbeiten und Kulturgüter vor der Missachtung und damit auch vor der Zerstörung zu schützen ist ein wesentlicher Zusatzaufwand in Zusammenhang mit kulturwissenschaftlicher Forschung, denn Begehrlichkeiten, Althergebrachtes zu verwerfen, existieren immer. Insofern ist mit der Aufnahme dieser Page in das Web-Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek - welche aufgrund des besonderen Bezuges zur Schweiz erfolgte -  ein erster wichtiger Schritt getan (vgl. Blog 53).  

Speziell das strategische Denken trachtet danach, die Harmonieliebe, da sie als ausgesprochene Schwäche betrachtet wird, frühzeitig beiseitezuschieben, liegt doch der Fokus auf der zielorientierten Durchsetzung eigener Interessen. Daher sind es regelmässig die leidvollen Erfahrungen der Kriege - wie derzeit in der Ukraine - welche der Harmonielehre ihre Bedeutung zurückgeben. 

Neutralität im politischen Kontext - so sah man es in der Schweiz bisher - bietet die bestmögliche Voraussetzung, um mit der nötigen Beharrlichkeit darauf hinzuarbeiten, im Vorfeld bewaffneter Auseinandersetzungen einen Konsens zu finden. Diese Tätigkeit ist dem Stimmen eines Instruments nicht unähnlich, denn jener Punkt, an dem Konsonanzen und Dissonanzen aus unparteiischer Position zu synergetischem Zusammenwirken gebracht werden, markiert einen staunenswerten Sonderfall im akustischen Chaos. Nicht umsonst beschrieb der Konzertstimmer Emil Olbrich (s. Blog 49) seine Tätigkeit wiederholt als "Lösung des Gordischen Knotens mit friedlichen Mitteln". Konzertbesuchern, welche ein geordnetes Tonsystem für den selbstverständlichen Normalfall halten, ist in der Regel nicht bewusst, dass es genau das nicht ist, sondern eine mit Mühe und grossem Sachverstand vermiedene akustische Katastrophe - und ebenso zerbrechlich wie der Frieden. Ihn zu erreichen erfordert Präzision und Differenzierung.

Ein lehrreiches Gleichnis
Die Architektur einer perfekten Stimmung ist ein überaus fragiles Gebilde, welches suggeriert, als wüssten die Klänge voneinander und nähmen aufeinander Rücksicht. Reine Intervalle verschmelzen im Spektrum der Teiltöne und schaffen Verbindung auch über grosse Distanzen. Schwebungen reihen sich wohlgeordnet aneinander und vereinen, wo vorher Differenzen waren. Ihr Pulsieren hat an der emotiven Wirkung grössten Anteil und verleiht dem Vortrag Kraft und Wucht. Es entstehen Vibrationskaskaden, Symmetrien in spannungsreichen und spannungsärmeren Arealen, gefolgt von Überraschungsmomenten vollendeter Klarheit. Mit diesem Tonmaterial sind Trauer, Schrecken, Freude und Glück evozierbar. Die Vielzahl der Kompositionen deckt einen Variantenreichtum auf, der noch jenen des Schachspiels bei weitem übertrifft. Zudem interagieren differenziert abgestufte Instrumentencharaktere in ebenso differenzierter Lautstärke miteinander. Ein Beispiel findet sich im nachfolgenden Menu: Kulturelles Umfeld

Dieses Spiegelbild des menschlichen Schicksals berührt die Seelen, doch sind derartige Schönheit-, wie auch das Leben selbst, nur von begrenzter Dauer. Aus dem Bewusstsein des eigenen Ausgeliefertseins und speziell aus der Entbehrung heraus wird Musik übersteigert wahrgenommen und evoziert Sehnsucht - und weil sie in gleicher Weise überirdisch erscheinen, wurden Liebe, Harmonie und Frieden mit dem Göttlichen in Verbindung gebracht: MUSICA DONUM DEI. 

Daher leitet sich die Bezeichnung Harmonie von Ἁρμονία ab, der griechischen Göttin der Eintracht. Als Tochter des Ares (Gott des Krieges) und der Aphrodite (Göttin der Liebe) verkörpert sie in personam die Vereinbarkeit des Unterschiedlichen. Deshalb lag es aus den oben genannten Gründen nahe, diese Befähigung auf die Musik zu übertragen. Ihre eigentliche Kernkompetenz ist jedoch als zwischenmenschlich-diplomatisch zu bezeichnen. In der römischen Mythologie hat sie eine Entsprechung in der Göttin Concordia. 

Aufgrund der Tatsache, dass wir es mit einem Weltethos zu tun haben erweist es sich als höchst überfällig, die über 2500jährige abendländische Harmonielehre in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO aufzunehmen, denn zivilisatorischer Fortschritt ist ohne Synergie undenkbar.

Warum blicken wir in die Vergangenheit?
Weil dort die Antworten für die Zukunft liegen

Gegenwartsbezug: Der Angriff auf die Ukraine
Sowohl in Bezug auf das Erstreben politischer Vormachtstellung als auch in Bezug auf den Umgang mit der Natur ringt das strategische Vorgehen in diesen Tagen um seinen Status als Erfolgsmodell - und wird ihn in beiden Fällen auf beschämende Weise verlieren. Wir sind bereits Zeugen eines humanitären, wirtschaftlichen und ökologischen Desasters. Zu seinen Begleiterscheinungen gehören: Geschichtsklitterung, FakeNews und Repression. Bereits die pauschalisierende Behauptung, dass Friedensliebe den schwachen Menschen charakterisiere, erweist sich als blanke Polemik, denn Zivilcourage verlangt den mutigen Alleingang angesichts einer Bedrohungslage mit unabsehbaren Folgen. Die Aktion von Marina Owsjannikowa im russischen Staatsfernsehen am 14.03.2022 mag auch deshalb als Beispiel dienen, da sie - mit einem ukrainischen Vater und einer russischen Mutter - wie Ἁρμονία - ein verbindendes Element in personam darstellt und von daher über eine besondere völkerverbindende Qualifikation verfügt.     

Die Aktion von Marina Owsjannikowa im russischen Staatsfernsehen. Ihr Plakat, welches die Flaggen der Ukraine und Russlands zeigt, ist beschriftet mit den Worten: "Kein Krieg Stoppt diesen Krieg Glaubt der Propaganda nicht Hier werdet Ihr belogen Russen gegen Krieg"

Die viel gehörte pauschale Kritik an der Menschheit als Ganzer - hier geäussert vom Schweizer Botschafter Claude Wild nach seiner Ausreise aus der Ukraine - trifft den Kern der Sache nicht, da in allen Kulturen Menschen mit grosser Affinität zu interkulturellem und synergetischen Handeln leben, darunter ausgesprochene Brückenbauer. Dieser zivile Personenkreis - zu dem auch die Mehrzahl der Geflüchteten-, die Helfer, Spender und Friedensdemonstranten zählen - hat keine ausgeprägten Machtinteressen. Von daher kommt es auf die Kontrolle der Macht entscheidend an, was eine direkte Demokratie in idealer Weise ermöglicht. 

Der besondere Bezug der Schweiz zur abendländischen Harmonielehre ist vor allem durch die politische Umsetzung der zugrunde liegenden Einsichten gegeben. In keinem anderen Land der Welt liegt die Macht auch für Einzelentscheidungen so eindeutig beim Volk. Hier dürfen die Menschen ihre Lebensumstände selbst in die Hand nehmen. An und für sich ein täglicher Grund zum Feiern, sofern an eine Globalisierung des Prinzips auch nur annähernd zu denken wäre. 

Es versteht sich, dass selbsternannte Machthaber der Demokratie feindselig gegenüber stehen. Im Umkehrschluss ist mit der Ablehnung deren Selbstbedienungsmentalität gegenüber der eigenen Bevölkerung bereits eingestanden und wird durch die Beeinflussung von Bildung und Meinungsbildung bestätigt. Daher bleibt der Dissens in globaler Betrachtung bestehen und durch das atomare Kräfteverhältnis unantastbar, sofern nicht ein Wandel innerhalb des eigenen Landes erfolgt. 

Als fester Bestandteil der Allgemeinbildung hätte der bürgerliche Export des Kulturgutes Harmonielehre den Sinn, ungeachtet aller Verschiedenheiten für synergetisches Handeln zu werben. Damit lässt sich auf Inhalte gleicher Bedeutung in anderen Kulturen aufmerksam machen. Der Fokus liegt somit nicht auf der Beseitigung-, sondern, wie auch innerhalb der Demokratie, auf der Akzeptanz des Unterschiedlichen, auch wenn Diktaturen die Freiheits- und Friedensliebe vor allem mit Gefolgschaftsverweigerung in Verbindung bringen.  

Was manchem noch immer erscheinen mag wie eine schöngeistige Idealisierung ist längst zu einem systemrelevanten- und für die gesamte Menschheit überlebenswichtigen Erfordernis geworden, dessen tägliche Missachtung einen hohen Preis kostet. Zwar muss die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben werden, dass dem technischen Fortschritt auf lange Sicht noch ein zivilisatorischer Fortschritt folgen kann. António Guterres fand allerdings sowohl in Bezug auf kriegerische Auseinandersetzungen als auch in Bezug auf den Umgang mit der Natur deutliche Worte und schloss damit, dass nun alles gesagt sei und jetzt allein die Handlungen zählten. Die Menschheit wird an jenem Punkt herausgefordert, an dem sie sich bislang am wenigsten bewährt hat: 

Synergie:
Der einzige Weg zum Frieden
und zum Erhalt unseres Lebensraumes

Die verschiedenen Gesichter der Neutralität
Da Neutralität stets in Relation zu etwas anderem-, genauer: zwischen etwas anderem steht, ist ihre Bedeutung von den Rahmenbedingungen abhängig.

  • In der Regel ist mit politischer Neutralität gemeint, von einer Parteinahme abzusehen, um am Verhandlungstisch eine Mediatorrolle einnehmen zu können. Der Standort dieser Form der Neutralität befindet sich - wie aus der Bezeichnung Mediator (Mittler) hervorgeht - bildlich gesprochen in der Mitte.
  • Dies setzt jedoch voraus, nicht selbst angegriffen zu sein, denn dann wäre der Verzicht auf Parteinahme für sich selbst vom Ergebnis her mit Selbstmord gleichzusetzen, wenn es auch der Angreifer ist, der den Vorgang ausführt. Vor Übergriffen schützt am Ende nur Bewaffnung.
  • Wird eine Regierungsform, der man sich selbst verpflichtet fühlt, in einem anderen Staat angegriffen, ist das Beharren auf Neutralität mit unterlassener Hilfeleistung gleichzusetzen und bedeutet das Billigen der Zertrümmerung eigener Werte.    
  • Konfrontiert mit der Ungerechtigkeit gegenüber einem Schwachen wird der Verzicht auf Parteinahme zur Gleichgültigkeit. Desmond Tutu ging noch weiter, indem er formulierte: "Wenn du in Situationen der Ungerechtigkeit neutral bist, hast du die Seite des Unterdrückers gewählt."
  • Die im Zusammenhang mit EU-Sanktionen erfolgte Mahnung an die Schweiz, sich auf ihre Neutralität zu besinnen - womit gemeint war, sich herauszuhalten - zeigt einen Zielkonflikt auf, der in der Struktur der Sache begründet liegt, denn für den Frieden ist Partei zu ergreifen.
  • Neutralität beinhaltet auch, aus Konflikten nachweisbar keinen Nutzen zu ziehen. Diesbezüglich ist die Schweiz mehr als einmal in Kritik geraten.  
  • Jene Distanz, welche die Wissenschaft in strikter Trennung von Persönlichem und Sachlichem zu wahren bestrebt ist, ist auf politischem Sektor nicht zu erreichen, da es "der Sache nach" um persönlich-menschliche Interessenlagen und Befindlichkeiten geht.
  • Neutralität gegenüber dem Menschsein ist für jeden, der selbst Mensch ist, nur eine abstrakte Grösse. Mit Neutralisierung eines Menschen ist seine Eliminierung gemeint, weil er dann definitiv ausserstande ist, sich einzusetzen.
  • Neutralität (lat. ne-utrum "keines von beiden") ist kein Ziel, zumal die Rahmenbedingungen vorab nicht festlegbar sind, und die Absicht, sich aus allem herauszuhalten, lediglich passiv. Synergieorientierung hingegen ist demokratieverträglich und strebt nach innen und außen trotz bestehender Meinungsverschiedenheiten eine friedliche Zusammenarbeit an. Friedensarbeit erfordert Aktivität. Wo sie stattfindet - wiederum in Analogie zur musikalischen Stimmung - ist der Begriff Neutralität unangebracht, denn von alleine geschieht gar nichts. 

    

Konfliktprävention, zuvorige Übereinstimmung oder Neutralität?
No-Mobbing Vertrag der Schulklasse 5b der Primarschule Niederrohrdorf. Zur Vergrösserung bitte anklicken.

  • Nachdem die Evolution die beständige Anpassung jeder Spezies an die aktuellen Bedingungen verlangt, kann es auch ihr gegenüber keine Neutralität geben. Der Begriff "Klimaneutral" lässt aussen vor, dass der Mensch ein aktiver Teil innerhalb eines Systems ist, das er mitverändert.  
  • Der von Bundespräsident Ignazio Cassis 2022 in Davos vorgestellte Begriff der "kooperativen Neutralität" führt zu weiterer Verkomplizierung, erhöht den in Demokratien ohnehin erforderlichen Diskussionsbedarf unnötig und führt von der eigentlichen Aufgabe weg. Im Kern der Sache geht es um fairness im global play. Wer mitspielt, kann - in Analogie zum Fussball - nicht zugleich der Unparteiische sein. Diese Aufgabe obliegt der UNO, in der sich 193 Staaten zur Sicherung des Weltfriedens zusammengeschlossen haben. Die Partikularinteressen heben sich dort gegeneinander auf, wodurch zumindest eine Annäherung an Unparteilichkeit gewähleistet wird. Jeder Staat kann Support leisten, indem er sich zum humanistischen Ideal der Harmonielehre bekennt, denn wer das Ganze im Blick hat und sich für die Leiden des Gegenübers interessiert, kann in strategischen Alleingängen keinen Nutzen erkennen.
  • Für einen Staat mit Weltruf für Präzisionsinstrumente wie die Schweiz wäre es an der Zeit, in einer derart wichtigen Angelegenheit einen präzisen Begriff zu wählen, welcher zum inneren Gefüge einer direkten Demokratie passt. Der Begriff Neutralität, der inzwischen bereits zu einer Art Markenzeichen für die Schweiz geworden ist, bedeutet für sich genommen gar nichts, Synergieorientierung hingegen tatsächlich ein Plus für den Frieden.  
  • Der zivilisatorische Quantensprung könnte nur von einer direkten Demokratie-, nicht jedoch von einer Diktatur aus erfolgen. Es handelt sich um einen Vorgang kollektiver ethischer Einsicht, nicht primär der Bewaffnung - wenn diese auch vorderhand nicht fehlen darf.

Vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen scheint der Vorschlag angebracht, anstelle von Neutralität, von Synergie-, Harmonie- oder Friedensorientierung zu sprechen.   

Realistisch oder unrealistisch:
Die Schweiz - eine Friedensaktivistin?
Die Vorstellung einer bewaffneten Friedensbringerin und Beschützerin der Künste wäre jedenfalls nicht neu. Zur Vergrösserung bitte auf die Abbildungen klicken.

Minerva als Friedensbringerin mit der Eule der Weisheit. 1615/1620, Peter Candid (Werkstatt), Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek München. 

Minerva verteidigt die 7 Freien Künste gegen den Kriegsgott Mars. Im Hintergrund eine brennende Stadt. Aus den Wolken nähert sich der Götterbote Merkur, um Minerva den Siegeslorbeer und den Palmzweig des Friedens zu überbringen. Cembalobemalung von Hieronymus Franken III (*1611-†nach 1661), Düsseldorf, Privatbesitz. Der Sinn dieser Instrumentenbemalung wird nur vor dem Hintergrund des wiederentdeckten ethischen Gehalts der abendländischen Harmonielehre verständlich, die sich gegen jedwede Form des strategischen Denkens richtet. Hier bleibt Minerva nicht neutral, sondern greift zu den Waffen. 

Die zweifellos Minerva-inspirierte Helvetia mit Schild und Speer. Münzbild auf dem Zweifrankenstück nach einem Entwurf von Albert Walch (1816-1882). Die Sterne symbolisierten die damalige Zahl der Kantone.

Helvetia mit Panzerfaust sowie Schild mit Medusenhaupt, Detail aus obiger Darstellung der Minerva

Wie weit darf eine bewaffnete Verteidigung des Friedens gehen? Es bedarf der Freiheit, eine der Situation angepasste Entscheidung zu fällen. Die Bewaffnung unterscheidet sowohl Minerva als auch Helvetia von einer hilflosen Pazifistin. Die beim Angreifer entstehende Unsicherheit bezüglich der zu erwartenden Gegenwehr erhöht die abschreckende Wirkung. Allein ein Medusenhaupt auf dem Schild genügt hierfür nicht mehr. 

Die Situation heute

Bundesrätin Viola Amherd, Chefin des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport

Kampfflugzeug Lockheed Martin F 35

 

© Aurelius Belz 2021/22