Kirchliches Umfeld

Es war ein naheliegendes Anliegen, das wiederentdeckte Kulturerbe jener Institution zurückzugeben, der es abhandengekommen ist und eine unerwartete Überraschung, wiederholt auf Ablehnung zu stossen.

Dabei liegen die Ursachen auf der Hand. Eine Institution, die für sich in Anspruch nimmt, Wahrheit zu vermitteln, sucht die Nähe zur Wissenschaft, da sie Gleiches beabsichtigt und darüber hinaus auch in der Lage ist, Belege vorzulegen. Sich in der Nähe der Beweiskraft aufzuhalten suggeriert eine Gemeinsamkeit, welche a priori jedoch nicht gegeben ist. 

Dort, wo die kirchliche Wahrheit auf den Prüfstand gestellt wurde, hat die Ablehnung eine lange Tradition – Stichworte: Index und Zensur – waren es doch die Vertreter der Wissenschaft: Galileo Galilei, Johannes Kepler, Charles Darwin, u.v.a. die das katholische Weltbild ins Wanken brachten.    

Nun kommen die Kulturwissenschaft und Philosophie mit ihren polydisziplinären Ansätzen hinzu und begegnen dem katholisch-allumfassenden Weltbild methodisch auf Augenhöhe. Eine Konstruktion, die mit Hilfe schrankenlos vernetzten Denkens errichtet werden konnte, ist nur unter Einbeziehung jener Zusammenhänge analysierbar, und Analytik hat die Eigenschaft, Tatsachen ans Licht zu befördern. Die Kirchenväter sind ihrerseits nicht analytisch- sondern synthetisierend vorgegangen. Seitdem befindet sich die Kirche im Modus des gedanklichen Zirkelschlusses, der als völlig wissenschaftsfern erkannt werden muss. Praktizierter Glaube - anders ausgedrückt: die permanente circumlocutio einer für wahr gehaltenen Hypothese über ein unzugängliches Terrain, wobei nach christlicher Vorstellung mit der Annahme eines Auffassungs- und Verhaltenskodex ein Leben nach dem Tode verdient werden kann,ist das diametrale Gegenstück zu einer ergebnisoffenen-, auf das Diesseits bezogenen Fragestellung, verbunden mit der alleinigen Akzeptanz von Antworten mit kausaler Begründung. Das Wachstum der Wissenschaft vollzieht sich methodisch durch Widerlegung, daher ist sie geradezu definiert durch den inneren Abstand zur vorangegangenen Behauptung. Doch worüber sie nichts in der Hand hat lassen sich keine Aussagen machen. Es wäre lediglich eine Annahme durch die andere zu ersetzen. Nur darum ist es möglich, dass verschiedene Kulturen mit derselben Ernsthaftigkeit nicht minder komplexe-, auch polytheistische Vorstellungen ins Jenseits projizieren. Mit diesseitsbezogenen Wissenschaften haben solche Vorgänge nichts zu tun. Daher lassen sie sich auch nicht für Glaubensfragen in Anspruch nehmen. Methodische Peinlichkeiten ergeben sich dort, wo in der als Schöpfung betrachteten Natur Hinwiese auf den Schöpfer, d.h. Gottesbeweise - resp. Gegenbeweise - gesucht werden. Selbst über 100 Pflanzennamen mit Bibelbezug, wie Passionsblume, Mariendistel, Himmelsschlüssel, Johanniskraut oder Judasohr, vermögen daran nichts zu ändern, wobei man feststellen kann, dass die Volksfrömmigkeit gar nicht erst differenzierend hinterfragt, denn ihr genügt das Gleichnis.         

Gleichnisse sind mit ihren Analogiebezügen in der Lage, etwas zu beschreiben, was anderweitig nicht dingfest gemacht werden kann. Schon deshalb sind Kraft und Bedeutung der Poesie und der Künste nicht zu unterschätzen. Speziell in der Musik ein Einfallstor des Göttlichen zu sehen, bot sich zur Verbreitung des Glaubens ad propaganda fidem an, denn sie kommt immateriell daher und trifft mit ihrer Kraft auf die Gefühlswelt der Menschen. Die immaterielle Konsistenz und seelenwärmende Eigenschaft hat die Tonkunst mit dem Licht gemeinsam, welches in Kathedralen eine vergleichbar grosse Bedeutung erlangt. Umso mehr vor dem Hintergrund des Ausspruches Jesu: "Ich bin das Licht der Welt". (Joh. 8,12) Von daher lag es nahe, die Harmonielehre mit Symbolbezügen derart anzureichern, dass der Sinnspruch MUSICA DONUM DEI als spirituelle Erkenntnis vermittelt werden konnte als folge man dem Grundsatz: "Stark empfunden ist halb geglaubt." Bringt man die menschengemachten Zutaten wieder in Abzug, bleibt das physikalisch beschreibbare Schwingungsverhalten von Saiten und Luftsäulen übrig. Dabei ist die Mutwilligkeit der Beziehungssetzung an der Unlogik abenteuerlicher Behelfskonstruktionen ablesbar. Auch das bringt Analytik an den Tag.

In jüngster Zeit hat Peter Sloterdijk auf den theopoetischen Charakter der Heiligen Schriften aufmerksam gemacht und am Baume der Erkenntnis gerüttelt, bis die dogmatischen Anhängsel wie reife Früchte zu Boden fielen. Reiche Ernte für die Kulturwissenschaft, die wertschätzend alles aufliest, was Rückschlüsse auf die Verlegenheit des Menschen erlaubt, mit seinen Lebenswidrigkeiten - gemeint sind Leid und Tod - zurecht zu kommen. Hierzu gehören sämtliche Symbolbezüge wie auch die lateinischen Intervallbezeichnungen Prim, Sekund und Terz..., welche die immateriellen Stufen der akustischen Jakobsleiter zur Seligkeit symbolisieren. 

Die Wertschätzung gilt jedoch nicht primär den Fundstücken. Sie wird jenen Menschen entgegengebracht, deren Gedanken sie uns überliefern. Sie ermöglichen den Vergleich mit der Gegenwart, die den zivilisatorischen Quantensprung noch vor sich hat, sofern sie nicht auf derselben Erdkugel an derselben Aufgabenstellung scheitert, welche lautet, die Kriege abzuschaffen. Sich nicht dafür zu interessieren, was die Geschichte lehrt, hindert sie daran, sich selbst zu verstehen und an ihr zu wachsen. Das ist definitiv contra-evolutionär.    

Die Zurückweisung der christlichen Symbolik des abendländischen Tonsystems und des ethischen Gehalts der Harmonielehre, welcher bedeutend älter ist als das Christentum, führt zu einer Stagnation der kulturellen- und zivilisatorischen Weiterbildung.

Die Harmonielehre liefert nichts anderes als ein Beispiel für den gewaltfreien Umgang von Konsonanz und Dissonanz mit dem Ergebnis: Musik. Der Brautwagen von Kadmos und Harmonia soll von einem Löwen und einem Eber gezogen worden sein. Dies ist nur ein anderes Bild für das synergetische Zusammenwirken unverträglicher Naturen, die in der Lage wären, gemeinsam etwas grösseres zu bewirken als sie im Alleingang je zustande brächten. Das auf den Menschen übertragene übergeordenete Ziel der Harmonielehre ist Weltfrieden, der nur dadurch zustande kommen kann, dass der Mensch es lernt, Verschiedenheiten innerhalb der eigenen Art wertschätzend anzuerkennen und Konflikte auf diplomatischem Wege zu lösen. 

Kultur mag in manchen Bereichen unpolitisch sein - die Harmonielehre ist es nicht!

© Aurelius Belz 2021