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27.05.2018

37 Wird Musik denn nun verboten?

Ein Beitrag zur Diskussion über die Akzeptanz religiöser Symbole in Klassenzimmern

 

Die Diskussion über religiöse Symbole in Klassenzimmern geht gewiss in eine neue Runde, nachdem der Verfasser dieser Zeilen darauf aufmerksam machte, dass das abendländische Tonsystem nicht griechisch- sondern römisch-katholisch genannt werden muss und dass es auf zahlreiche Bibelstellen Bezug nimmt.

Aus diesem Grunde befinden sich Musiklehrer fortan in einem Dilemma: Einerseits haben sie die Trennung von Kirche und Staat zu respektieren, andererseits Kulturgut zu vermitteln. Solange unser Tonsystem als griechisch galt, wähnte man sich in einem autonomen Bereich, in dem es genügte, alle Aufmerksamkeit der Tonkunst zu widmen, doch sollten die Lehrkräfte künftig dabei bleiben und die neuen Forschungsresultate ausser Acht lassen, entziehen sie ihren Schülern Information.

Worum geht es?

In der christlichen Harmonielehre steht die 1 für die Prim und die 8 für die Oktav aufgrund der acht Seligkeiten der Bergpredigt. Als Inbegriffe der Konsonanz wurden sie gleichgesetzt mit dem A und dem Ω. Bevor dies geschehen konnte, unterzogen die Frühchristen das Tonsystem der Griechen und Römer, deren Vielgötterei sie verabscheuten, einer gründlichen Reinigung. Dabei besannen sie sich auf das Alte Testament, in dem von der Heiligung des Tempels am 1. und 8. Tage die Rede ist. So kam es anlässlich der Übersetzung der griechischen Fachausdrücke in die lateinische Sprache – das war vor etwa 1800 Jahren – zur Einführung neuer Intervallbezeichnungen, nachdem sich die vorchristlichen Römer über Jahrhunderte problemlos mit den griechischen Fachausdrücken zufrieden gegeben hatten.

Nun wurde die Diatonik als siebenstufige Leiter aufgefasst – daher überhaupt der Begriff „Tonleiter“ – den sieben Gaben des Hl. Geistes entsprechend, denn das Ziel der Gläubigen war stets Gottesnähe, repräsentiert durch die acht Seligkeiten. Die Zahl der 8 Kirchentöne – in Stein gemeisselt in den Kapitellen der Abtei Cluny – spricht für sich. Aus diesem Grunde haben Baptisterien und Taufbecken meist achteckige Form, weil nur durch die Taufe die Möglichkeit besteht, Seligkeit zu erlangen. Daher ist die Reichskrone achteckig, weil die Herrscher von Gottes Gnaden der Seligkeit näher standen, und achteckige Kanzeln verweisen auf die Gottesnähe des Wortes, da es doch heisst: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott“. An dieser Stelle liessen sich zahlreiche weitere Beispiele anführen. Bei den Tonsilben: Ut, Re, Mi, Fa, So, La und Si handelt es sich nicht zufällig um die Anfangssilben des Johannes-Hymnus, weil Johannes der Täufer auf das Kommen Christi hingewiesen hatte.

Plötzlich wird klar, wie es zur haarsträubenden Unlogik innerhalb unseres Tonsystems kam, denn noch heute wird den Schülern vermittelt, dass 5 Ganztonschritte und zwei Halbtonschritte zur Oktav führen, wohingegen die Mathematik uns lehrt, dass fünf Ganze und zwei Halbe 6 ergeben. Schon Euklid hatte erkannt, dass 6 Ganztonschritte ein klein wenig grösser sind als das, was wir heute als Oktav bezeichnen. 6 sind jedoch nicht grösser als 8! Nur so sind die grotesken Intervallbezeichnungen wie „kleine Sekund“ und „grosse Terz“ (wörtl.: „eine kleine Zwei“ und „eine grosse Drei“) zu erklären, weil die Zählweise bis zur Oktav unter allen Umständen beibehalten werden musste.

Klaviaturen und Keyboards sind demzufolge symbolisch „kontaminiert“. Die 13 Tasten bei nur 12 Tonbezeichnungen sollen an die 13 Teilnehmer beim letzten Abendmahl minus Judas erinnern, die 5 schwarzen Tasten an die fünf Wunden und den Opfertod und die 8 weissen Tasten an die Seligkeit. Die 13-1, die 5 und die 8 stehen für Verrat, Tod und Erlösung, die symbolische Kurzfassung des Evangeliums, und nicht von ungefähr steht das C wie Christus im Zenit des Quintenzirkels gemäss den Worten des Messias: „Ich bin der Anfang und das Ende“. Die Musiker des Abendlandes arbeiten in einem akustischen Sakralraum.

Wie soll man vor diesem Hintergrund – an der Symbolik vorbei – noch als treuer Staatsdiener Musik vermitteln? Dabei haben wir über den ethischen Gehalt der abendländischen Harmonielehre noch gar nicht gesprochen. Da ginge es dann um die abendländisch-christlichen Werte.

Die Sorge dürfte berechtigt sein, dass sich Sponsoren zurückziehen, sobald weltanschauliche Interpretationen ins Spiel kommen. Mancherorts dürfte abendländische Musik sogar als Provokation aufgefasst werden.