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01.10.2020

55 Die grossen symbolischen Zusammenhänge

Kosmos - Musik - Theologie: Was Einzeldisziplinen verborgen bleibt

 

Symbole können nicht richtig oder falsch sein. Es gibt keine Fakes, denn Symbole sind nichts anderes als Träger bewusst festgelegter Bedeutungsinhalte. So können die 1 und die 8 für das Alpha und das Omega stehen (Altar von Besançon aus dem Jahr 1050), aber ebenso für Adolf Hitler aufgrund der Zuordnung zum ersten und achten Buchstaben des Alphabets. Ein Richtig oder Falsch in kausalem Sinne gibt es nicht. Das legt allein die jeweilige Weltanschauung fest. Letztlich kann alles zum Symbol oder Zeichen für irgendetwas erklärt werden. 

Besonders komplex ist die christliche Symbolik, für deren Verständnis es erforderlich ist, die Welt einmal aus der Bildungs- und Glaubensperspektive der Frühchristen zu betrachten. Dafür stehen uns sowohl Schriftquellen als auch Kunstwerke in grösserer Menge zur Verfügung.

Wenn alles, was wir um uns herum sehen, Gottes Schöpfung ist, dann sollte, so der Gedanke, alles auch einen Hinweis auf ihn enthalten, eine Corporate Identity des Weltherstellers gewissermassen - ein nützlicher Kunstgriff als Argumentationshilfe gegenüber dem Polytheismus der Griechen und Römer. Ab dem 3. Jahrhundert wurden Entscheidungen darüber getroffen, welche Texte zum Buch der Bücher gehören und auch die symbolischen Zusammenhänge nahmen langsam Konturen an.

Der Blick in den Himmel lies 7 Wandelsterne erkennen (Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn), über denen ein fixes Sternenmeer erschien. Das kannten bereits die Ägypter und Griechen. Der Himmel beeindruckte am allermeisten, daher wurde der Wohnsitz Gottes, der Tradition älterer Kulturen folgend, dort verortet, wo man Ewigkeit annahm: im unveränderbaren Sternenmeer, dass sich mit wiedererkennbaren Sternbildern geistig kartographieren liess. Darunter wurden, den Wandelsternen entsprechend, 7 Sphären vermutet. Die Erde als Scheibe und darüber der beeindruckende Himmel, das alles schien auf ewig gesetzt und musste daher die Ausgangslage für symbolische Überlegungen bilden – eben weil daran nicht zu rütteln war.

Nicolas von Oresme (*1330 - †1382), die acht himmlischen Sphären, Bibliothèque nationale de France

Hätte man die Bibel als Ausgangspunkt genommen, hätte durchaus anderes Zahlenmaterial zur Verfügung gestanden, das aber nicht zu den Himmelsbeobachtungen passte. Die Zusammenhänge sollten jedoch katholisch, vom Griechischen καθολικός (katholikós) „das Ganze betreffend", d.h. allumfassend sein. Daher einigte man sich auf 8 von 12 Seligkeiten und erhöhte die Zahl der Gaben des Hl. Geistes von 6 auf 7. Auch der Festlegung auf nur 5 Wunden muss ein Entscheid zugrunde gelegen haben, denn entweder lässt man die Dornenkrone ausser Acht oder zählt die Wunden an den Füssen wegen des einen durchgeschlagenen Nagels als eine. Auf einen kausal nachvollziehbaren Ursprung kann sich kaum etwas berufen, was in späteren Jahrhunderten einen so eindrucksvollen Niederschlag in den Künsten finden sollte. Auch bei der Trinität haben wir es mit einer Festlegung zu tun, die keinen biblischen Ursprung hat. Vgl. Video Präsentation VIII "Einführung in die christliche Zahlensymbolik als Grundlage kunst- und musikwissenschaftlicher Forschung."

Nicht anders in der Musik, die nunmehr - aufgrund der auf dieser Page vorgelegten Forschungsergebnisse - zur Rekonstruktion des Weltbildes erstmals mit einbezogen werden kann. Die erst von den Frühchristen vorgenommene lateinische Durchnummerierung von der Prim zur Oktav umfasst sowohl Ganzton- als auch Halbtonschritte. Das mag mathematisch haarsträubend sein, doch ergibt sich aus der Bezugnahme zur Konsonanz ein Hinweis auf das Alpha und Omega sowie zu den biblischen Wochentagen, deren Zählung mit dem dies Dominicus begann. Auf die Analogie zu den Sphären des Himmels wurde bereits verwiesen. Der Schweizer Musikgelehrte Glareanus (*1488 - †1563), dessen Werke auf dem Index standen, berichtet, dass von den 14 Tonarten (7 im Modus authenticus und 7 im Modus plagalis) nur 8 – oder selten 13 – anerkannt wurden, was wiederum der Zahl der Seligkeiten entspricht sowie der Zahl der Teilnehmer beim letzten Abendmahl. Die heutige Klaviatur weist pro Oktav 13 Tasten auf – bei nur 12 Tonbezeichnungen, da der erste und letzte gleichnamig sind. Dadurch ergibt sich ein zahlensymbolischer Hinweis auf den Verrat (13-1), den Tod (5) und die Auferstehung, die am achten Tage stattfand – alles in allem eine Kurzfassung des Evangeliums, vgl. Video-Präsentation XII "Zur Entwicklung der Klaviatur".

Intervallbezeichnungen wie „kleine Sekund“ (kleine Zwei) und „grosse Terz“ (grosse Drei) - spätere Erfordernisse, um die Zählweise bis hin zur Acht aufrecht erhalten zu können -  liefern eine nachvollziehbare Erklärung dafür, warum man in späteren Jahrhunderten vom „finsteren Mittelalter“ sprechen sollte und dem gegenüber von der Aufklärung als enlightenment, denn symbolische Bezüge sind aufgrund ihrer freien Wählbarkeit und der Möglichkeit von Doppelinterpretationen regelmässig mit einer Preisgabe der Logik verbunden. Andernfalls wären sie unabhängig auch andernorts rekonstruierbar. Symbole haben etwas Dogmatisches an sich: das Geglaubte und Beschlossene, die unhinterfragbare Meinung. Kritiker sehen vor allem im Umgang mit den Zahlen ein hilfloses Hantieren, nur um etwas in Händen halten zu können, das irgendwie nach mathematischer Gesetzmässigkeit aussieht. Kardinal Nikolaus von Kues (*1401-1464) lieferte die Begründung hierfür, indem er schrieb. "Können wir uns dem Göttlichen auf keinem anderen Weg als durch Symbole nähern, so werden wir uns am passendsten der mathematischen Symbole bedienen, denn diese besitzen unzerstörbare Gewissheit." Die Verwendung von Zahlen allein garantiert noch nicht die Richtigkeit einer Rechnung, und Symbole und Postulate führen per se zu keiner Erkenntnis - sie stagnieren nur auf Höhe der eigenen Meinung. Hinter den mathematischen Zahlen und den christlichen Symbolen stehen ungeachtet des gleichen Erscheinungsbildes gänzlich andere Regelwerke. In der Mathematik ist der jeweilige Zahlenwert definiert nebst den zulässigen Rechenoperationen, in der Theologie die Bedeutung. Dies zu übersehen wäre ein grober Fehler. Durch experimentelles Überkreuzen tritt er klar zu Tage: beispielsweise durch das Ziehen der Quadratwurzel aus den sieben Gaben des Hl. Geistes. 

Nachdem wir nicht davon ausgehen können, dass es dem gelehrten Kardinal an rationaler Trennschärfe mangelte, offenbart sich in seiner Formulierung missionarisches Kalkül in Ausnutzung der suggestiven Wirkung von Zahlen - de facto eine bewusste Vorspiegelung falscher Tatsachen. Eine zutreffende Aussage wäre dem gegenüber gewesen: "Wie gerne würden wir die Existenz Gottes beweisen, doch vermögen wir es nicht." So beobachten wir an vielen Orten: die christliche Symbolik nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, denn ihre Zielsetzung ist tendenziös. Gerade anhand der pseudomathematischen musikalischen Intervallbezeichnungen, denen ihrerseits physikalische Frequenzverhältnisse anderer Art zugrunde liegen, lässt sich das klar aufzeigen. Zur Oktav hat man sich hingemogelt - auch unter Berücksichtigung der damaligen Inklusivzählung, vgl. Video VII: "Wie die Oktav zu ihrem Namen kam". Ein suchendes kritisches Hinterfragen um der Erkenntnis willen ist in der Symbolik nicht zu entdecken - eben genau deshalb, weil sie in umgekehrter Richtung von einer Prämisse ausgeht, der sich alles andere unterzuordnen hat.   

Damals war man der Auffassung, dass Musik unmittelbar von Gott käme und er umgekehrt jene Musik hört, die zu seinem Lob erklingt. Das Verklingen der Töne wurde daher nicht als solches wahrgenommen sondern wie ein sukzessives Entfernen betrachtet, wie ein Diffundieren ins Jenseits gewissermassen, so dass wie im Gebet eine Kommunikation mit dem Allerhöchsten zustande kommen konnte. Der Sinnspruch MUSICA DONUM DEI ist auf vielen Orgel zu lesen und ebenso: MUSICA PRAELUDIUM VITAM AETERNAM. Die immaterielle Beschaffenheit der Töne war für die spirituelle Praxis inkl. Glückserlebnis ebenso geeignet wie die immaterielle Beschaffenheit des Lichts, solange die instrumentale- und architektonische Selbstinszenierung dabei ausser Acht blieb. Vor allem die gotischen Kathedralen verdanken ihr Erscheinungsbild dem Wunsch nach grösstmöglichen Fensterflächen. 

Kausalität, physikalisch präzise Beschreibungen, und mutwillige Festlegungen aufgrund von Glaubensinhalten stehen sich seit Jahrhunderten unversöhnlich gegenüber und weder Galileo Galilei noch Charles Darwin haben es vermocht - und es auch nicht angestrebt - das Festhalten an der Symbolik zu beenden. Die Sprache der Symbole und Analogien spricht andere Hirnregionen an - Andachtskerzen haben eine andere Funktion als Lichtschalter - bewirkt eine emotive Verankerung von Inhalten und wirkt auf die Psyche je nach Dosierung und Eindringtiefe bis hin zu dem, was man als Gehirnwäsche bezeichnen kann - oder sollte man besser "emotionale Überzeugungsarbeit" dazu sagen? Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzungen der Kirchen mit Sekten – insbesondere die Ausführungen darüber, was als richtig, falsch oder gar schädlich angesehen werden muss, was als Glaube gelten darf oder als Aberglaube zu verwerfen ist – d.h. die Wirkungsmechanismen und deren Gefahren sind den Seelsorgern durchaus bekannt. Dabei spricht jeweils für sich, mit welchen Mitteln die festgelegten Lehrmeinungen durchgesetzt wurden und welche finanziellen Interessen dahinterstehen. 

Je gewaltiger das symbolische Gebäude ist, desto eher ist Gottesnähe bis hin zur persönlichen Stellvertretung proklamierbar und daher enden Spendenaufrufe, die nicht selten konkrete Aufforderungen zu testamentarischen Verfügungen enthalten, regelmässig mit dem tröstenden Versprechen, dass im Jenseits jede gute Tat vergolten würde. Wer solches sagt muss sich dort bestens auskennen und kalkuliert mit der Besorgtheit des Gegenübers um sein Seelenheil. Das Gedankengebäude ist in sich zirkelschlüssig.

Die Umgangsvarianten mit Symbolik können hier nicht eigens vorgestellt werden, sie unterscheiden sich stark im Laufe der Geschichte und noch einmal sehr in den verschiedenen Konfessionen. Hier genügt die Feststellung, dass das Spektrum von der seelsorgerischen Tätigkeit (Trost, Hoffnung) bis hin zur gänzlichen Unterwerfung-, gar zur Verbrennung von Menschen reicht, weil man keine andere Auffassung zu akzeptieren bereit war. So wurde Juden nicht selten die Schändung konsekrierter Hostien unterstellt, um sie anschliessend enteignen- und aus Städten oder ganzen Landstrichen verbannen zu können. Symbolik ist ein nur scheinbar unbedenklicher Stoff. (vgl. Blog 37: Symbole - Spiegel des Menschen). In umgekehrter Blickrichtung sind die Symbole völlig harmlos, bedenklich ist allein das Verhalten des "homo sapiens".

Im liturgischen Bereich tritt Symbolik in besonderer Verdichtung auf und auch hier gilt es, zu differenzieren, denn die Beschäftigung mit ihr lässt die Glaubensinhalte als solche völlig unangetastet. Symbolik ist Ausdruck des Glaubens, nicht selbst Glaubensgegenstand, und kann aufgrund ihrer beliebigen Wählbarkeit nicht als kausale Grundlage für den Wahrheitsgehalt eines Weltbildes herangezogen werden. Einen Sonderfall stellt die Hostie dar, die nach erfolgter Transsubstantiation in wörtlicher Auslegung der Überlieferung "Nehmt, dies ist mein Leib" Mk 14,22 als der reale Leib Christi angesehen wird, in dem Christus wahrhaft und dauerhaft gegenwärtig sei. Der als Wandlung bezeichnete Vorgang macht die Gläubigen zu Zeugen eines imaginären Wunders. Hier handelt es sich um eine reine-, wenn auch nicht unumstrittene Glaubensangelegenheit, da sie rational nicht nachvollzogen werden kann. Gemäss biblischer Überlieferung hat Jesus nicht seinen eigenen Körper zerteilt, sondern das Brot gebrochen mit der Aufforderung "Dies tut zu meinem Gedächtnis" Luk. 22,19-20. Der Stellenwert der konsekrierten Hostien kommt durch den Begriff Allerheiligstes zum Ausdruck. Eine höhere Wertschätzung kann einem Symbol nicht widerfahren. 

In der praktischen Kulthandlung ist die Hostie Teil eines zusammengehörigen Programms, mit dem alle Sinne angesprochen werden: Geruch (Weihrauch), Gehör (Musik), Gesichtssinn (Licht, Bilder, Architektur, Skulpturen), Geschmack (Hostie, Wein) und Tastsinn (Weihwasser). Besondere Relevanz hat hier das durch Spüren Teilhaftigwerden, nicht das rationale Hinterfragen, denn Symbolik ist Träger einer Bedeutung und meint stets etwas hinter den Dingen liegendes anderes.   

Weinreben an der Kathedrale von Talin, Armenien mit Bezug auf Joh. 15,4 "Ich bin der Weinstock und Ihr seid die Reben."

Die beeindruckende Schönheit der Künste zieht nach wie vor viele Millionen Menschen an, und es sind Analogien, die sie schön machen, darunter auch Analogien zum Bauplan des Menschen, wie z.B. Symmetrie. Das macht Identifikation und Zuneigung möglich und Architektur und Musik vermögen es, tief zu bewegen. Der theologische Aspekt wurde mit hineingewoben und durchdringt die abendländische Kultur. Dabei handelt es sich um eine bewusste Instrumentalisierung der Künste - daher die gewaltigen Investitionen dafür. Jenseits des Bosporus sind andere Regelwerke gültig und die in der Architektur schon von weitem sichtbaren- und in der Musik hörbaren Symbolbezüge fehlen plötzlich: Anstelle des Glockengeläuts ertönen die Rufe des Muezzins.

Rückblickend erhält man eine Vorstellung davon, was die Zeitgenossen empfunden haben mussten, als mit der Kopernikanischen Wende das auf Symbolik gebaute Weltbild zusammenbrach. Es ist geradezu, als ob der Himmel eingestürzt wäre. Plötzlich war nichts mehr so, wie es einmal war. Das geistige Fundament war entzogen und die Bedeutung des Begriffs "katholisch" geradezu ausradiert. Was zuvor zweifelsfrei mit der Seligkeit assoziiert worden war, die himmlischen Sphären, sie gehörten nun der Vergangenheit an und die zahlreichen Bezüge zur Acht wurden plötzlich fragwürdig. Gibt es nun doch falsche Symbole - solche wie die Oktav, die achteckige Reichskrone, Castel del Monte, die Pfalzkapelle zu Aachen, oktogonale Baptisterien und Kanzeln, die acht Redeteile u.v.a. - verweisen sie nicht alle auf eine Sichtweise, die als veraltet gelten muss? 

Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar. Allein in der Liturgie, die seitdem in zweifacher Weise als nachvollziehendes Ritual beschreibbar ist, blieb noch ein wenig vom alten Glanz erhalten. Die Kunstwerke wurden zu stummen Zeugen jener Selbstinszenierung und ihre Bedeutung geriet in Vergessenheit. Die christliche Symbolik des abendländischen Tonsystems findet nicht einmal in Lexika mehr Erwähnung.

Wie konnte es je gelingen, nach diesem Desaster wieder Tritt zu fassen? Nachfolgend ein Beispiel aus dem Stift Rohr in Niederbayern. Der Begriff Theatrum sacrum wurde mit dem Barock in Verbindung gebracht aufgrund der bühnenartigen Vorführung des biblischen Geschehens. Zwar scheint es unangebracht, angesichts solcher Abbildungsdeutlichkeit noch von Symbolik zu sprechen, doch steht das Trägermaterial auch dort nur gleichnishaft für Maria oder für die erstaunten Jünger - selbst wenn wir wüssten, dass sie wirklich einmal so ausgesehen hätten - und das vollplastische Abbild zeigt sogar die innere Bewegtheit der dargestellten Personen. An die Stelle der inneren Vorstellungswelt des Betrachters ist die Kunst getreten.

Himmelfahrt Mariens, Egid Quirin Asam (*1692 - †1750), Stift Rohr, Niederbayern (Zur Vergrösserung auf das Bild klicken)

Dass die im Kirchenschiff gegenüberliegende Orgel musikalisch ebenso den Aufstieg zum Himmel symbolisiert, ist anhand der vorgelegten Forschungsergebnisse nun leicht zu verstehen, denn die diatonische Skala wurde schon Jahrhunderte zuvor mit der Jakobsleiter in Verbindung gebracht. Hier ist sehr viel älteres Kulturgut lebendig. Die Seligkeit wird akustisch durch die Konsonanz-, zahlensymbolisch durch den Begriff Oktav repräsentiert - vgl. Video- Präsentation VII: "Wie die Oktav zu ihrem Namen kam" - denn längst ist das Zahlwort von den Himmelssphären auf die Seligkeiten übergegangen und nach wie vor ist der Himmel Gottes dort, wo das Licht herkommt. Daher hat das Fenster hinter der bekrönten Orgel dieselbe liturgische Bedeutung wie das Fenster oberhalb von Maria. Dass wir es bei dieser betonten Wertschätzung von Licht und Schall nicht mit einem Einzelfall zu tun haben, zeigen Vergleiche mit anderen Sakralbauten.  

Orgel, Stift Rohr, Niederbayern 

Masswerkrose und Orgel, Klosterkirche Ebrach in Franken

Masswerkrose und Orgel, Notre Dame de Paris

Das führt uns noch einmal zurück. Die gotischen Kathedralen vermochten es, das Himmlische Jerusalem auf ganz andere Art, vor allem mit einem besonderen Gespür für die Immaterialität des Lichts und der Töne - in Verbindung mit der abstrakten Zahl - auf die Erde zu holen. Die reine Sprache der Symbole ist subtiler, puristischer als ein detailreich dargestelltes Ereignis, die Annäherung eine sehr viel Innerlichere und verbindet das Geschaute mit der zuvor erworbenen Kenntnis darüber. Diese Kenntnis muss der Betrachter bereits mitbringen, denn dem Aussenstehenden erklärt sie sich nicht selbst.     

Schwalbennestorgel, Basilique de la Valère, Sion, Schweiz. Schwalbennest in Achteckform unter einem Achtpass, die 8 Seligkeiten verkörpernd. Das einfallende Licht ist mit dem Ausspruch verbunden: "Ich bin das Licht der Welt", Joh. 8,12. In analoger Weise ist die ebenso immaterielle Musik als Geschenk Gottes zu betrachten. Daher ist derselbe Symbolgehalt auch im nicht sichtbaren Bereich-, d.h. in der Systematik der Töne zu entdecken und lässt an den Ausspruch denken: "Selig, die nicht sehen und doch glauben", Joh. 20,29. So führt der Weg von der Sinneswahrnehmung zur Spiritualität. Es sind die inneren Werte, die sogenannten 7 Gaben des Hl. Geistes, die wie die Stufen der Jakobsleiter zu Gott führen: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit. 

Die Thematik als Wissenschaftler aufzugreifen, zieht trotz der betonten Wertschätzung des überkonfessionellen und interkulturellen ethischen Gehalts: Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit altbekannte Reaktionen nach sich. Da wäre zuerst die Ablehnung des Vatikans: „Es ist nicht die Aufgabe des Pontificio Consiglio della Cultura, wissenschaftliche Theorien zu billigen“ – Vortragsangebote wurden ohne Begründung zurückgewiesen, die Empfehlung des Pontificio Istituto di Musica Sacra ignoriert - dessen Preside, Monsignore Vincenzo De Gregorio, ein Geleitwort zum vorgelegten Buchmanuskript verfasst hatte - die Publikationszusage der Libreria Editrice Vaticana ohne inhaltliche Stellungnahme zurückgezogen - um sich nur wenig später ein Forschungsergebnis daraus anzueignen. „La musica sacra - scala verso Dio“ – so der Titel eines musikwissenschaflichen Symposiums im Vatikan 2017 - unterlegt mit der Darstellung eines Pianisten am Flügel.

Berichterstattung über das Symposium 2017: "La musica sacra, scala verso Dio". (Zur Vergrösserung auf das Bild klicken)

Die Jakobsleiter wurde, wie oben ausgeführt, zur bildhaften Interpretation der Diatonik herangezogen. Letztere bildet den ältesten Teil der Klaviatur, heute erkennbar an den weissen Tasten des Klaviers. Die Jakobsleiter definiert ihrerseits das Haus Gottes, denn über den Ort seiner Traumvision befindet Jakob: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels", Gen. 28,17. Demnach ist die Bedeutung der Musik im abendländischen Sakralraum kaum zu überschätzen. Jüngere Studien zeigen sogar, dass Kirchengrundrissen die Schrittfolgen von Kirchentonarten zugrunde liegen können - als Stein gewordenes Gotteslob.

Offenbar ist das Trauma der umstürzenden wissenschaftlichen Entdeckungen noch zu wach und die Sehnsucht nach einer heilen symbolischen Welt zu ausgeprägt, um eine sachliche Trennung derselben von den eigentlichen Glaubensinhalten zulassen zu können. Das Fatale daran liegt im Wirkungsprinzip als solchem: Der Mensch neigt dazu, das Symbol mit dem Inhalt gleichzusetzen. Dies war beim Hostienfrevel bereits zu beobachten und genauso verhält es sich beim Fahneneid. Der materielle Symbolträger kennt keine Schmerzen. Wenn eine Fahne verbrannt wird schreit sie nicht auf, wohl aber wird derjenige verletzt, der sich mit dem Symbol identifizierte. Das ist meist auch die intendierte Absicht hinter einer solchen Verbrennung. Damit tritt eine Eigenschaft der Symbolik zutage, die ihr Macht über den Menschen verleiht - einer Voodoo-Puppe nicht unähnlich. Dies bewusst zu reflektieren ist mehr als nötig, denn die soeben formulierte Behauptung ist so nicht richtig! Es handelt sich nicht um eine Eigenschaft der Symbole, vielmehr um eine Eigenschaft des Menschen, der so viel von seiner Identität in ein Symbol hineinzulegen vermag - dass ihn Kritik daran verletzt. Steht die Gefühlswelt einmal in Flammen, und das ist bei Kulturgutzerstörungen regelmässig der Fall, liegt die Abwehrreaktion näher als die analytische Betrachtung.

Weil mit Transsubstantiation mehr gemeint ist als Erinnerung mit Hilfe von Symbolen - daher steht sie unter besonderem Schutz durch Dogmatisierung, Hans Albert und Karl Popper sehen darin eine Immunisierungsstrategie - kollidieren die Glaubensinhalte mit der Wissenschaft und die Gefühlswelt mit der Rationalität. Sozialpsychologen sprechen vom Ergebnis her von kognitiver Dissonanz. Die Massnahmen, die Menschen zu deren Bewältigung ergreifen, sind in Geschichte und Gegenwart vielerorts zu beobachten. Eine der typischen ist die schlichte Ignoranz des Sachverhalts, das Hinwegsehen über die festgestellte Unvereinbarkeit. Doch zugrunde liegt hier lediglich eine Behauptung mit dem Ziel, Wundertätigkeit vorführen- und einen Alleinanspruch über den Heiland proklamieren zu können, der nunmehr im Tabernakel präzise verortet werden kann. Die Furcht vor Leiden im Diesseits und Jenseits sowie die Hoffnung auf ein glückliches ewiges Leben führen die Menschen zur unkritischen Annahme des kirchlich Verordneten und zur Ausblendung rationaler Gedanken. Damit liegt ein weiterer Grund für die Zurückweisung vor: Er liegt im Prinzip des kritischen Hinterfragens und in der Aufdeckung der suggestiven Wirkung von Symbolik, denn blendete man rein gedanklich alle grossartigen sakralen Kunstwerke einschliesslich der Musik aus, ginge ein beachtlicher Teil der kirchlichen Attraktivität verloren und die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Inhalte hätte eine erneute Reformation ungeahnten Ausmasses zur Folge.  

Daher ist an dieser Stelle ein weiterer verborgener Sinn hinter der Symbolik anzusprechen, denn die Vorspiegelung falscher Tatsachen erfolgte keineswegs zweckfrei. Seit dem Frühchristentum war mit der rapide zunehmenden Zahl an Gläubigen - heute würde man von Followern sprechen - ein immenser Machtzuwachs verbunden und mit den eintreffenden Abgaben und Spenden wurden nicht allein humanitäre Ziele verfolgt. Ohne diese Machtentfaltung, zu der das Bildungsmonopol bald hinzutrat, wären schon die Kreuzzüge-, die gewaltsame Bekehrung und Verfolgung Andersgläubiger sowie die Inquisition undenkbar gewesen. Im 16. Jahrhundert kam der Ablasshandel als Mittel der Ertragsmaximierung hinzu und wurde von Martin Luther ebenso angeprangert wie sämtliche ergänzenden Lehrinhalte, welche nicht direkt aus der Hl.Schrift ableitbar waren - Stichwort: "sola scriptura". Doch damit nicht genug. Erst die Aufklärung und Säkularisierung setzten der Übermacht der Kirche ein Ende und es spricht für sich, wenn man mit der Einführung des Revolutionskalenders, d.h. mit einer neuen Zeitrechnung, der 10Tage-Woche und dem 10Stunden Tag von jeglicher Symbolik Abstand zu nehmen gedachte.

Revolutionsuhr mit Dezimalanzeige, Napoleonische Zeit, Museum für Uhren, Schmuck und Kunst, Frankfurt am Main. 

In der Musik nahm man von christlicher Symbolik keine Notiz mehr. J.S.Bach hatte sie noch vehement verteidigt (s.Blog. 45 "Das Credo J.S. Bachs in Bild und Ton"), doch in der von Charles-Simon Catel im X. Jahr der Revolution herausgegebenen Harmonielehre lesen wir in der Vorrede die orakelhaft anmutende Formulierung: "...pour combattre des erreurs, que le tems a consacrées, et que le tems doit détruire". So äusserte sich Etienne Nicolas Méhul, welcher in seiner Jugend eine Ausbildung zum Organisten im Franziskanerkloster seiner Heimatstadt Givet erhalten hatte und später im Kloster Laval-Dieu tätig war. Aufgrund seines politischen Engagements und nicht zuletzt wegen seiner Kompositionen von Nationalhymnencharakter - Chant national du 14 Juillet 1800 - wurde ihm von einer eigens eingesetzten Kommission die Redaktion des Werkes anvertraut und dieselbe Kommission forderte ihn dazu auf, vor der Generalversammlung zu rapportieren und damit vor einem Gremium, welches am allerwenigsten Verständnis für ein MUSICA DONUM DEI gehabt hätte. Im gerade erst (1795) gegründeten Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris hatten theologische Deutungsversuche nichts verloren, denn den Künstlern war allein an der professionellen Ausübung ihres Metiers gelegen. Bereits im Gründungsjahr war Méhul zu einem der 5 Inspektoren der Institution ernannt worden. So besiegelt er mit dem oben zitierten Satz nach rund 1500 Jahren das Ende der christlichen Symbolik der abendländischen Harmonielehre.  

Dem gegenüber wurde das neue Lehrbuch zu einem der meistrezipierten musiktheoretischen Werke in Frankreich und in mehrere Sprachen übersetzt. Ein Blick ins Innere offenbart einen lediglich minimalistischen Eingriff, denn die "Prim" wird darin als "Unisono" bezeichnet und verliert damit ihren Status als Intervall, der ihr nie zukam. Eine Bezugnahme zum A und Ω ist damit ausgehebelt, während die Oktav bereits durch Kopernikus ihren Sinn verloren hatte. Insofern sollte Méhul Recht behalten. Die Zeit ist rigoros über die Geschehnisse hinweggegangen und hat die Kenntnis von den überreichen christlichen Symbolbezügen aus den Köpfen der Menschen verschwinden lassen. Sogar am Pontificio Consiglio della Cultura hat man keine Kenntnis mehr davon. Nur umgangssprachlich blieb der Begriff Harmonie ein Synonym für Eintracht und Einvernehmen. Allerdings hinterliess die Zeit keineswegs eine bereinigte-, vielmehr eine gebrochene musikalische Systematik, deren Erscheinungsbild weder griechisch-, noch katholisch-, noch rational durchdrungen genannt werden kann, denn von alldem enthält sie jeweils nur einen Teil.    

Charles-Simon Catel, Traité d'harmonie, zweisprachige Ausgabe

So liegen die Fragmente der alten Weltbilder in den Sedimenten der Geschichte und erst die Rekonstruktion ermöglicht es, an die sinngebenden Gedanken der überlieferten Zeugnisse heranzukommen. Dabei geht es der Kulturwissenschaft zum Nutzen der Gesellschaft allein um den Erkenntnisgewinn durch Beobachtung, Beschreibung und die Analyse von Zusammenhängen. Sie zeigt sie die Gesellschaft im Spiegel ihrer eigenen Verhaltensweisen und Vorstellungswelten.

Wie verhält sich nun die Gegenwart alldem gegenüber? 

Einerseits ist es nachvollziehbar, dass sie nach der Aufklärung eine weitgehende Trennung von Kirche und Staat fordert und daher den religiösen Aspekt aus dem Musikunterricht auszuklammern versucht. Die Angst vor religiös motivierten Terrorakten wie jener am 16. Oktober 2020 nahe Paris stützt diese Auffassung. Der Geschichtslehrer Samuel Paty war auf offener Strasse enthauptet worden, da er im Unterricht zum Thema Meinungsfreiheit Mohammed-Karrikaturen gezeigt hatte.

Gleichwohl ist es unzulässig, den nachfolgenden Generationen die Kenntnis über kulturgeschichtliche Zusammenhänge nur zensiert weiterzugeben, und den Stoff nicht in die Lehrpläne aufzunehmen. Zensur und Freiheit widersprechen einander, weil Information die nötige Grundlage zur Meinungsbildung ist. Wie Manipulation funktioniert lässt sich kaum anders denn anhand von Beispielen vermitteln und es lohnte, zu vergleichen, auf welche Weise Firmen, politische Parteien, Religionen und andere Interessengruppen die Menschen zu überzeugen und zu beeinflussen versuchen. Wo sind die Punkte, bei denen juristische Grenzen erforderlich werden wie im Fall des Jugendschutzes, der Schleichwerbung oder der Irreführung? Ab wann ist auf eine bewusste Vorspiegelung falscher Tatsachen besonders aufmerksam zu machen? Das wirksamste Gegenmittel gegen die suggestive Wirkung von Symbolen ist, mit ihnen bewusst umgehen zu lernen und das geschieht nur durch Aufklärung. Dann allerdings muss Information darüber frei zugänglich sein. Die Hoffnung geht dahin, dass derartige Gewaltexzesse vermieden werden können. Eine Alternative zur Bildung steht hierfür nicht zur Verfügung. 

Daher ist es die Aufgabe der Bildungsinstitutionen, in historisch gewachsenen Strukturen Ordnung zu schaffen und zu differenzieren: was sind die griechischen Wurzeln unseres Tonsystems, was die Interpretationen der Frühchristen, wie kam es zum Erscheinungsbild unserer Klaviatur und zur gleichschwebend temperierten Stimmung? Für all diese Fragen liegen nun Antworten vor und es gibt keinen triftigen Grund, sie zurückzuhalten. An zahlreichen Punkten vermag die Forschung, neu anzusetzen, um zu einer inhaltlichen Vertiefung zu gelangen.   

Die Gesamtbetrachtung gibt Anlass zu Reflexionen über den Menschen selbst, denn die Evolution hatte keinen "homo sapiens“ – so seine Eigenbenennung – zum Ziel, sondern lies auf unserem Planeten nur zurück, was sich als überlebens- und vermehrungsfähig – mit welcher Strategie auch immer – zu behaupten vermochte. Schon aus diesem Grund wäre es angebracht, die eigene Denkapparatur gründlich kennen zu lernen und selbstkritisch zu betrachten, um einer unerwünschten Indoktrination und Fehleinschätzung begegnen zu können. Was bedeuten dem Menschen Religionen, kulturelle Beheimatung, was die Symbolik, und wie anfällig ist er gegenüber stimmig scheinenden Darlegungen zur Vermeidung kognitiver Dissonanz? Wie synergiefähig ist er mit Gleichgesinnten und Andersdenkenden? Welchen Beitrag vermag das Gleichnis der Harmonielehre zu leisten?

Dieses, erst kürzlich vom Verfasser wiederentdeckte Weltethos orientiert sich am griechischen Vorbild, denn als Tochter des Ares (Gott des Krieges und des blutigen Gemetzels) und der Aphrodite (Göttin der Liebe) befand sich Harmonia existenziell zwischen den Fronten und musste um Ausgleich bemüht sein. Wie viel Menschenkenntnis steckt daher allein hinter diesen Verwandtschaftsbeziehungen griechischer Gottheiten! Mit dem Begriff "Feindesliebe" wurde die Problemstellung von der christlichen Weltanschauung aufgegriffen und man nannte aus den oben vorgestellten Gründen nun Oktav, was zuvor aufgrund der beeindruckenden akustischen Konsonanz auch als Harmonia bezeichnet worden war. Die Verbindung der Musik mit dem Göttlichen ist also keine christliche Errungenschaft. 

Die zwischenmenschliche Problematik als solche hat die Zeiten überdauert. Extremste Gegensätze synergetisch zu vereinigen ist nach wie vor die schwierigste Aufgabe, mit der Menschen konfrontiert werden können. Nur vergisst das allzu leicht, wer das Glück hat, in Frieden und Harmonie leben und schwelgen zu können. Hinzu kommt die Diffamierung der Harmoniebefürwortung als Zeichen von Schwäche: "Weiberkram! Man muss sich in der Gesellschaft doch durchsetzen können!" Die Zuordnung zu den Geschlechtern ist bereits am griechischen Vorbild abzulesen. So kommen wir wie von selbst von der Götterwelt auf die irdischen Gegebenheiten zurück: Vernunft ist im menschlichen Gehirn nicht der alleinige Entscheidungsträger - andernfalls würden Suchtmittel keine Gefahr darstellen - und ethischer Gehalt steckt auch im Mitgefühl, das keine Kriege zuliesse. Dennoch finden sie statt. Von daher befindet sich eine Konfliktkonstellation in jedem einzelnen Denkapparat, der nicht selbsttätig im Interesse des Allgemeinwohls funktioniert. Wir haben es mit einer grundsätzlichen-, nicht mit einer speziell religiösen Problematik zu tun, denn Konflikte entstehen überall dort, wo Machtinteressen aneinandergeraten. Für das Studium der eigenen Spezies stellen Geschichte und Gegenwart hinreichend Material zur Verfügung. Nicht wenige Zeitgenossen wie Frank Urbaniok warnen vor einer erneuten Welle geistiger Verfinsterung, die für eine Demokratie pures Gift wäre. 

In solchen Zeiten kommt den Medien besondere Verantwortung zu. Daher sei der Appell erneuert, diese auch wahrzunehmen, gesellschaftskritische Gedanken aufzugreifen und nicht nur aus kommerziellem Interesse dem allzeit selbstgefälligen Mainstream zu folgen. 

                                                                         © Aurelius Belz 2021