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03.10.2020

57 Zur Verteidigung der Wissenschaft

Von Instrumenten und Instrumentalisierung

 

Während sich die Griechen der physikalischen Akustik noch mit grosser Sachlichkeit zuwandten - erkennbar am Verstehen mathematischer Zusammenhänge - war seit dem Frühchristentum Schluss damit. Seitdem wurden die Dinge verdreht, bis sie ins Weltbild passten. Die Namen Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei und Charles Darwin sind die bekanntesten Vertreter der Wissenschaft, deren Arbeiten zu einer Korrektur dieses Weltbildes beigetragen haben, und wie sich im Rahmen dieser Arbeit herausstellte, war es die Französische Revolution, die der theologischen Inanspruchnahme unseres Tonsystems ein Ende setzte.

Doch war es wirklich eine Ende? Die Bestrebungen der Kirche, Einfluss auf die Sicht der Welt zu nehmen, gingen weiter. Wie ist es sonst zu verstehen, wenn sie ein eigenes astronomisches Observatorium heute mit dem Slogan bewirbt: "Faith Inspiring Science"? Welche Art von Inspiration bietet Voreingenommenheit einer ergebnisoffenen Fragestellung? "The Vatican Observatory works with the Vatican Observatory Foundation to promote education and public engagement in astronomy, and constructive dialogue in the area of faith and science." Die angestrebte Vermischung von Lehrinhalten mit dem eigenen Weltbild ist deutlich - ebenso die gesuchte Nähe zur wiss. Prominenz in der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Historisch ist es zu verstehen, wenn der Stellvertreter Gottes über Himmelskompetenz verfügen muss, doch hätten bereits aus der Überlieferung des Turmbaus zu Babel Lehren gezogen werden können.   

Das abendländische Tonsystem betreffend gestattete es das Pontificio Consiglio della Cultura, ein Forschungsergebnis des Verfassers aus dem Buchmanuskript Sakrale Handys herauszugreifen, "Musica Sacra, scala verso Dio" um den wissenschaftlich-kritischen Teil der Studie sowie Vortragsangebote zurückzuweisen. Wenn man bedenkt, dass Musik und Kosmos seit Pythagoras in Verbindung miteinander betrachtet wurden und hinzuzieht, welch theologische Wertschätzung Bendedikt XVI der abendländischen Musik noch kürzlich erst beigemessen hat (s.Blog 25), dann sollte mit dieser Massnahme schlicht die Erkenntnis unterdrückt werden, dass der letzte grosse Stützpfeiler des theologischen Gedankengebäudes bereits 1795 zusammengebrochen war.  

Auch ausserhalb der Kirche gibt es zahlreiche Interessengruppen und Wirtschaftsunternehmen, die unter der derselben Bezeichnung Promotion die Dinge so darzustellen versuchen, wie sie nützlicher und gewinnversprechender erscheinen, auch wenn wissenschaftliche Erkenntnisse dabei negiert werden müssen. In einem eigenen Museum lässt sich die Geschichte des Klaviers nach eigenem Gusto darstellen. Den erforderlichen Aufwand lässt man sich einiges kosten und bedient sich auch hier der Wissenschaft zur Übertünchung der zugrunde liegenden Intention (vgl. Blog 3). Lehr- und Werbematerial werden miteinander vermischt und es wird Einfluss auf die Ausbildung genommen. Alles spielt sich ab wie oben beschrieben, nur kleinformatiger. 

Interessanterweise kommt der Begrifff Instrumentalisierung von den Instrumenten her. Gemeint ist das, was man sich schnappt wenn man es braucht, um zu machen was man will, um es sogleich wieder zu verwerfen, wenn es seinen Zweck erfüllt hat. Nur handelt der Begriff Instrumentalisierung gar nicht vom Umgang mit Instrumenten, mit denen man musiziert, oder von Werkzeugen, mit denen man arbeitet, sondern von Menschen, die man benutzt. Kein Wort fasst das deutlicher und schärfer als das des Missbrauchs. 

Kommen wir zu einem weiteren Ort des Geschehens, in dem Geld zur treibenden Kraft wurde: Die Museen sind unter Druck geraten. Ökonomisiert stehen sie in Konkurrenz mit anderen Freizeitanbietern und das ständige Bemühen um Sponsoren zieht Abhängigkeiten nach sich. Zwar wurden, bedingt durch die neuen Anforderungen, museumsdidaktische Leistungen erbracht, die nur gewürdigt werden können, doch geschah dies nicht selten auf Kosten der Freiheit der Forschung, denn mit Vorliebe wird fortan gefördert, was die Bedeutung des eigenen Bestandes hervorhebt oder die Leihgabe eines Gönners lobpreist. Zur Bearbeitung der auf dieser Page vorgestellten Thematik wäre mit musealen Einzelbeständen überhaupt nichts anzufangen und zur Finanzierung über so viele Jahre hätte kein Museum die Bereitschaft. Und wie verhält es sich, wenn die Ergebnisse am Ende noch der "musealen Konkurrenz" nutzen, die mit eindrucksvollen Ausstellungen auf sich aufmerksam machen kann, ohne je in Forschung investiert zu haben? Wie verhält es sich, wenn unbequeme gesellschaftskritische Wahrheiten ans Licht kommen? Hier ist es die Verzahnung von Musik und Theologie, die - obschon historische Tatsache - vielerorts gar nicht gerne gesehen- und daher kategorisch zurückgewiesen  wird. 

In ihrem 1998 erschienen Band Museum Strategy and Marketing stellten Neil und Philip Kotler Handlungsprinzipien vor, welche den Wissenschaftlern nie zuvor vermittelt wurden. Darin beziehen sich die Verfasser gleich zu Beginn auf eine Aussage von John Cotton Dana, dem Gründungsdirektor des Newark Museums, der 1917 bemerkte: "The Museum can reach only those whom it can attract."  

Von den Inhalten des Schulstoffs könnte man Gleiches sagen, doch lässt sich aufgrund der Schulpflicht von einem Marketing in diesem Bereich absehen - und warum bedarf es der Schulpflicht? Weil Inhalte im Konsenz der Gesellschaft auch dann als nützlich und wertvoll angesehen werden können, wenn der Erwerb des Verständnisses mühsam- und die Einsicht hinsichtlich der Bedeutung noch nicht allen gegeben ist. Mit einem Abstand von nur wenigen Jahren wird sie sich jedoch zuverlässig einstellen. Die eigene Geschichte und die eigene Identität sind durchaus in der Lage, Interesse zu wecken, dies allerdings erst, nachdem eine Bildungsgrundlage geschaffen wurde.  

An den Universitäten vollzieht sich Einschränkung durch fachliche Spezialisierung. Dort, wo es sich als sinnvoll erweist, bleibt es sinnvoll. Dort, wo polydisziplinär gearbeitet werden muss, wird ein beachtliches Hemmnis daraus. Der Wissenschaft muss es gestattet sein - in Analogie zum Handwerk - ihre Bearbeitungsmittel an die Komplexität des Forschungsgegenstandes anzupassen. Das wiederum hat Einfluss auf die Präsentationsweise in Museen. Kreative Forschungsansätze brauchen Freiraum und es ist nachvollziehbar, dass sie in einem von wirtschaftlichem Interesse geprägten Umfeld wie Investitionen ins Ungewisse erscheinen. Aus genau diesem Grund wird bereits in der Werbung nach Ausspionieren des Kundenverhaltens vorselektiert, zu welchen Zielpersonen die Angebote am besten passen. Zu toppen wäre das nur noch durch einen Direktzugriff auf die Bankkonten und die Inhalte der Wahlurnen. Die Begehrlichkeiten sind vorhanden. 

All dies ist nur möglich mit einer Gesellschaft, die es mit sich machen lässt. Nicht umsonst sprach Immanuel Kant von einer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Mit der einfachen Frage: "Wer profitiert davon?" können auch suggestive Manoever zeitnah aufgedeckt werden. Ein blosses Verbot derselben ist nicht erfolgversprechend, denn es steckt zu viel kiminelle Energie im Menschen, sich durch unerlaubte Mittel Vorteile zu verschaffen, welche anschliessend mit verniedlichenden Begriffen wie Mogelpackung oder Schummelsoftware klein geredet werden - und was an die Öffentlichkeit gelangt ist in der Regel kleiner gegenüber dem, was im Darknet geschieht, bei Cyberangriffen, unter militärischer Geheimhaltung oder im Umgang mit der Natur, wenn gerade niemand hinsieht. 

Umso wichtiger ist es, für ein Bildungssystem Sorge zu tragen, das seinen Namen verdient weil es sicherstellt, dass der von der Wissenschaft generierte Nutzen auch bei der Gesellschaft ankommt. Dafür sind einige Hürden zu überwinden. An dieser Stelle sei auf die Beiträge von Harald Lesch verwiesen, der vor allem die Ökonomisierung der Bildungsinstitutionen zu Recht anprangert, denn es gibt auch Werte jenseits des Geldes, und genau diese geraten in Gefahr.

Der ethische Gehalt der abendländischen Harmonielehre ist mit Abstand der Bedeutendste unter ihnen, denn er stellt der Strategie die Synergie- und damit der Ausbeutung die Zusammenarbeit gegenüber. Das ist nach Auskunft der Geschichte der höchste Schwierigkeitsgrad, an dem Menschen regelmässig scheitern - und diese bodenständige Aufgabe ist für das Schicksal der Menschen relevanter als die Beobachtung des Himmels oder das gedankliche Konstrukt einer Tonleiter, um dorthin zu gelangen.    

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