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15.08.1979

2 Die Lehrzeit

In der Manufaktur für historische Tasteninstrumente J.C. Neupert in Bamberg

 

Kurz gesagt der bestmögliche Start für kulturhistorisch Interessierte. Wo nötig mit modernem Equipment ausgestattet, zeitgleich jedoch eine bewusste Pflege überlieferter Herstellungsmethoden, wobei es zum Wesen einer Manufaktur gehört, dass jeder Arbeitsgang von Spezialisten ausgeübt wird, die ihr Metier über viele Jahre hinweg ausüben. Parallel zum ersten Trainig im Umgang mit der Fugbank und anderen schreinerischen Grundarbeitsgängen gab es Kontakte zu historischen Originalen in einer Vielfalt, deren wissenschaftliche Bearbeitung Bände füllt, und in besonderer Wertschätzung dieses Kulturerbes entstand über mehrere Generationen hinweg eine der bedeutendsten Fachbibliotheken. Wissenschaft, Forschung und Handwerk liegen in diesem Familienunternehmen nahe beieinander und die Instrumentensammlung Neupert macht heute einen bedeutenden Teil der Bestände des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg aus.

Wolf Dieter Neupert am Neupert-Virginal nach A.Gheerdinck 

Eine differenziertere Betrachtung ist nur aus einigem zeitlichen Abstand möglich. So profitierte das junge Unternehmen - gemeint ist der Firmenneubau an der Zeppelinstrasse 3 in Bamberg - vom Erfahrungsschatz jener Mitarbeiter, welche ihre Lehrzeit noch im alten Betrieb am Kaulberg absolviert hatten (gegründet 1868) oder zuvor in anderen Bereichen tätig waren.

Betriebsgebäude J.C. Neupert, Zeppelinstrasse 3, Bamberg, Inbetriebnahme 1977

Im fränkischen Umland wurden noch viele traditionelle Handwerkstechniken ausgeübt. Daher lohnte es, pensionierte Mitarbeiter aufzusuchen, um sich in dieser Hinsicht weiterzubilden. Alois Reder - ehemaliger "Neupertianer" - war gelernter Holzbildhauer und beherrschte das Lackpolieren von Hand. Arnold Schramm, der für die Herstellung von Resonanzböden zuständig war, berichtete von seinen Erfahrungen im Mühlenbau, vom Biegeverhalten des Holzes unter Feuchtigkeitseinwirkung und Wärme und stellte eine besondere Materialkenntnis durch mitfühlenden Umgang unter Beweis: "Ich vergleiche das Holz immer mit dem Menschen", betonte er oft. Ihn interessierte der Wuchs des Holzes, denn es verriet ihm seine Eigenschaften. Schramms Umgangsart war behutsam, bedacht und vorausschauend. Nacharbeiten und Korrekturen erübrigten sich dadurch.

Wie sich die Materialeigenschaft eines Resonanzbodens durch Reiben längs zur Faser mit Lindenholz-Hobelspänen verändert und welcher Glanz auf seiner Oberfläche entsteht, davon erhält jeder einen Begriff, der sich der Sache einige Stunden angenommen hat. Über die angemessene Konsistenz des Warmleimes oder des Polierballens - wann trägt er auf, wann ist die Verwendung von Polieröl, Benzoe oder Bimsmehl angebracht - hätte es kaum Sinn, lange Abhandlungen zu schreiben, denn die Lektüre allein befähigt zu gar nichts. Es sind jene Erfahrungswerte, die mit zunehmendem Maschineneinsatz verloren gehen und die Betrachtung aus grosser Distanz macht deutlich, dass der Markt inzwischen mit traurigen Massen- und Einwegprodukten aus Billiglohnländern überschwemmt wurde. Die Empfindungsfähigkeit der nachwachsenden Generation bleibt ohne Förderung unterentwickelt. Bei ausbleibender musikalischer Fundamentgebung wird das besonders deutlich.    

Gedanken über den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen waren damals schon jenen zu eigen, die mit jedem modernisierenden Eingriff in die Arbeitsabläufe einen Verlust zu beklagen hatten und dieser Verlust betraf viele Aspekte ihres Lebens, insbesondere ihre Wertvorstellungen. In besonderer Erinnerung ist die Reklamation einer Drechselarbeit, bei der die Entasis einer Säule sowohl aus Unkenntnis denn auch aus mangelnder Aufmerksamkeit gegenüber dem Original unberücksichtigt geblieben war. Hier waren vier Aspekte zu beobachten: die Entwertung des Materials, der Entzug der Schönheit durch Ignoranz, die Missachtung des Kulturerbes sowie die persönliche Verletzung des Auftraggebers. Es war ein erfahrener Altgeselle, Herbert Kappel, der den Verfasser auf diesen Vorfall aufmerksam machte und den Niedergang seiner Zunft beklagte.   

Hammerflügel von Conrad Graf, Detail

Es hätte prophetischer Fähigkeiten bedurft, die gesellschaftlichen Entwicklungen vorherzusehen. Sie zu ignorieren war zu keiner Zeit möglich. Zeiten des Umbruchs machen jene, die sie erleben, zu Beobachtern und Zeugen jener übergeordneten Zusammenhänge, die sie bewirken, und ein Unternehmen, dass sich der Anfertigung historischer Instrumente verschrieben hat und am Markt überleben will, ist per definitionem einer besonderen Zerreissprobe ausgesetzt. Schon daher hätte der Erhalt von Kulturgut und dessen Erforschung eine Förderung durch die öffentliche Hand verdient. 

 

 

Kopie eines Hammerflügels nach Conrad Graf in den Werkstätten für hist. Tasteninstrumente J.C. Neupert, Arbeitsplatz von Herbert Kappel 1988

Nach der Meisterprüfung kehrte der Verfasser in den Ausbildungsbetrieb zurück. Nachdem der Meisterbrief nicht mehr als Zulassungsvoraussetzung für die Ausbildung zum Restaurator anerkannt wurde - über die Gründe hierfür s. Blog 3 - fiel der Entscheid, eine kulturwissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Spätestens damit war die Bewegungsrichtung gegen den Zeitgeist festgeschrieben.    

Dr. Hubert Henkel * 09.02.1937 - † 05.06.2013

Auslöser war die Begegnung mit Dr. Hubert Henkel, der ein zum Hammerklavier umgebautes Cembalo der Sammlung Neupert untersuchte. Im Rahmen dieses Anlasses erlebten Klavierprofis, wie man mit historischen Instrumenten auch noch umgehen kann und welche Informationen sie offenbaren, wenn man sich mit Akribie und geradezu kriminalstischem Spürsinn nähert. Der Faktor Zeit darf jedoch kaum mehr eine Rolle dabei spielen. Zur Anwendung kam u.a. die von Herbert Heyde eingeführte Massanalyse. 

Gesprächsthema war auch die geeignete berufliche Ausbildung. Hubert Henkel betrachtete es als besonderen Gewinn, vor dem Studium der Musikwissenschaft eine Tischlerlehre absolviert zu haben und erkannte das Desideratum einer kunstwissenschaftlichen Betrachtung, weshalb sich der Verfasser für die Fächerkombination: Kunstwissenschaft, Volkskunde und Bauforschung entschied. Für die Weitsichtigkeit dieser Empfehlung bin ich noch heute ausgesprochen dankbar.