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15.12.2014

21 Mit dem Bleistift auf den Punkt gebracht

Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit

Nach der Betreuung meiner Magisterarbeit über Francesco Borrominis Dreikönigskapelle im Collegio di Propaganda Fide in Rom, übernahm Prof. apl. Dr. Thomas Korth auch die Rolle eines Doktorvaters für meine Dissertation über bemalte Kielinstrumente. Auf den ersten Blick scheinen Welten zwischen diesen Themenbereichen zu liegen. Der Modus wissenschaftlicher Erschliessung ist jedoch derselbe. Während über Borromini bereits umfangreiche Literatur vorlag, handelte es sich bei den Instrumentenbemalungen um gänzlich unbetretenes Neuland. Gleichwohl stehen das genaue Hinsehen und das Neubeurteilen - ganz als ob sich noch nie jemand zuvor mit der Sache auseinandergesetzt hätte - am Anfang. Das Sortieren und Gliedern ist ein behutsamer Vorgang im Anschluss, gefolgt von der Ausarbeitung. In besonderer Erinnerung ist der gespitzte Bleistift im Sinne einer bewussten asketischen Reduktion auf das Wesentliche. In Zeichnungen trennt dieses konturgebende Werkzeug Körper und Raum, mal geschmeidig die Form umfliessend, zuweilen lediglich andeutend, mal kontrastierend und scharf abgrenzend, frei Hand oder mit dem Lineal gezogen. Im Text korrigiert es, fügt ein oder streicht. Es ist von aristokratischer Feinheit, stets der Wesensart des Nutzers folgend, und ermöglicht einen besonderen Zugang zur Kunst als Kulturerbe, insbesondere zur Architektur, in welcher Plan, Mass und Zahl eine besondere Rolle spielen.

Die Architekturzeichnungen Borrominis in der Albertina dokumentieren die Gestaltwerdung von Grundriss und Aufriss in übereinanderliegenden gedanklichen Schichten - z.B. mehrere Zugangs- oder Gewölbevarianten - und zudem eine besondere Vorliebe für die Erarbeitung von Übergangs- und Ecklösungen. Borrominis Massanfertigungen sind der tiefen Empfindung für den Raum zu verdanken. Dabei gestaltete er in einer Rhythmik - in Intervallen, Proportionen und formalen Bezugnahmen - als seien musikalische Strukturen hintergründig wirksam. In Wahrheit handelt es sich um die anthropomorphe Übertragung innerster Prinzipien auf den jeweiligen Werkstoff (seien es Steine oder Teiltonreihen unter Berücksichtigung der Materialeigenschaften), der bei seelenverwandten Künstlern resp. Komponisten eben diese Verwandtschaft wie auch den Geist der Zeit selbstverständlich widerspiegelt. Unter dem Strich sind die Künste nichts anderes als das Ergebnis menschlichen Ausdrucks.

Auf diese Weise erhielt ich einen Begriff von der gedanklichen Freilegungsarbeit visueller Analyse, sei es in Architektur, Malerei oder Plastik, die von sich aus das lautstark Einflussnehmende (Auditive) zunächst einmal ausschliesst, um dem Bearbeitungsgegenstand ungeteilte Aufmerksamkeit zuwenden zu können – und in der Tat gibt es jenen Bereich, in dem die Künste ihr Eigenleben führen und Fremdwahrnehmungen aller Art als blosse Anmassung oder Störung erscheinen. Während einer wissenschaftlichen Betrachtung, die neugierig-staunendem Entdecken gleicht, herrscht um ein Kunstwerk heilige Stille! Analog schliessen Musiker ihre Augen, um kontrapunktischen Bezügen, Melodiebögen oder Phrasierungen ungehindert folgen zu können. Die Terminologie verrät die Verwandtschaft zur Sprache, zur Schrift und zur Zeichnung.   

Der Bleistift ist ein derart vielseitiges und intellektuell anregendes Instrument, dass wertvolle Eigenschaften - darunter die polyvalente Betrachtungsmöglichkeit (Nacheinander, Übereinander, Voreinander, Nebeneinander, Ausdruck, Kraft, Verbindung, Licht und Schatten) - mit der Bevorzugung des Keyboards als Schreibwerkzeug, das lediglich die Aufeinanderfolge getrennter Elemente kennt, dafür jedoch andere Vorzüge aufweist, allzu rasch beiseitegelegt werden.

Das Repetitive vorbereiteter Funktionsabläufe hat auch etwas Nachteiliges: das Schablonenhafte und regelmässig Unpassende. Nicht umsonst wurde das Cembalo mit dem gefühllosen Herunterrattern der Nähmaschine in Verbindung gebracht - so im 19. Jahrhundert, als man verächtlich auf das ancien régime zurück blickte. Alle Schönheit der Klangfarbe vermochte die eingeebnete Dynamik nie wettzumachen, ebenso wenig die emotiv motivierte Adaption des Tempos. Doch auf diese Weise kam wenigstens ein wenig inneres Licht in den spieluhrähnlichen Vortrag. Dem gegenüber waren das Pianoforte und viel mehr noch die Violine in der Lage, die passende Lautstärke mit passendem Timbre (Schwebung und Vibrato) im geeigneten Moment hervorzubringen - jene emotive und rationale Massanfertigung eben - mit staunenswertem Variantenreichtum und vielschichtiger Interpretationsmöglichkeit. Es heisst nicht umsonst: "C'est le ton qui fait la musique."

In genau umgekehrter Betrachtung argumentierte der Rameau-Schüler Claude-Bénigne Balbastre, der die Charakteristik des Cembalos mit der Tugend aristokratischer Selbstbeherrschung in Verbindung brachte. Das erklärt, warum ihm der Hammerflügel als "parvenu" erscheinen musste, dem aufgrund seiner allseits zur Schau gestellten Ausgelassenheit und Effekthascherei keine grosse Zukunft bevor stehen könne. Die Geschichte dokumentiert eine andere Entwicklung. Dennoch notierte Adolph Freiherr von Knigge 1808: „Was die Franzosen Contenance nennen, Haltung und Harmonie im äußern Betragen, Gleichmütigkeit, Vermeidung alles Ungestüms, aller leidenschaftlichen Ausbrüche und Übereilungen, dessen sollte sich vorzüglich ein Mensch von lebhaftem Temperamente befleißigen.“ So gesehen waren Kielinstrumente von erzieherischer Wirkung, wie es François Couperin in L'art de toucher le clavecin von 1717 ausführt: "A l'égard des grimaces du visage on peut s'en corriger soy-même en mettant un mirroir sur le pupittre de l'epinette, ou du calvecin." Wie die Ausführungen Knigges, so lesen sich auch jene Couperins wie Anweisungen für gutes Benehmen. 

Die überwältigende Wirkung eines Vortrags von Franz Liszt schildert hingegen Wendelin Weissheimer 1898 wie folgt: "Schmunzelnd willigte er sofort ein, setzte sich an den Flügel, posierte uns um sich und begann zu präludieren, zuerst in buntem hin und her, dann mehr und mehr Beethoven anklingend, bis zuletzt das pompöse Hauptthema des ersten Satzes erdröhnte, und uns den Beginn des kolossalen Werkes markierte. In solcher Glorie mochte dieses hoheitsvolle machtgebietende Thema dem Haupte des göttlichen Schöpfers selbst entsprungen sein, wie es jetzt die Wunderhände Franz Liszts vor den Staunenden auftürmten. Wie säuselte dann das Piano nach der Fermate und wie beredt ging es poco a poco crescendo wieder in das Forte bis sich das gigantische Thema wie ein ragender Felsen zum zweiten Male erhob und den Flügel erbeben machte! Wie perlte die leichte und doch so vielsagende Achtelbewegung der beiden Hände, wie kam das alles heraus und versagte nicht das Kleinste! Wer wäre im stande dies auch nur annähernd zu beschreiben! Wir hatten Unglaubliches gehört - und gesehen, denn auch Liszts Minen interpretierten!"    

Exklusivität ist demnach eine Sache der Interpretation, der selbst erzeugten Hervorhebung und eigenen Haltung, die alles andere als unbedeutende Nebensächlichkeit erscheinen lässt. Im akademischen Umfeld rührt der Begriff des Elfenbeinturms daher. Das Thema des Trennens von Wichtigem und Unwichtigem begegnet uns in zahlreichen Darstellungen der klugen und törichten Jungfrauen. Während sich die klugen der Andacht und den Handarbeiten widmen, vertrödeln die übrigen ihre Zeit am Virginal, mit Gaumenfreuden, beim Kartenspiel oder indem sie schlicht den Tag verschlafen.

Auch in der Realität liegen viele Schichten und Bedeutungsebenen übereinander, die nur mit dem Instrument der Sprache aufgedeckt werden können. Bei der geschlechtsspezifischen Zuordnung oder Bevorzugung bestimmter Farben und Gerätschaften handelt es sich um eine dieser Ebenen. Sie hat eine würdevolle Seite, erkennbar an der Anmut und am Stolz der in festlicher Garderobe vor ihren Instrumenten gezeigten Damen, und eine pejorative, denn bald wurden dem weiblichen Geschlecht andere Instrumente zugeordnet. Schreibmaschinen liessen sie aufgrund erwiesener Fingerfertigkeit zur Sekretärin oder zum Fräulein vom Amt werden. Sprachlich steht der Dämlichkeit die Herrlichkeit gegenüber, ebenso die Selbstherrlichkeit. Auch im Umgang miteinander ist es der Ton, der die Musik macht, und die Bevorzugung des Schwarz seitens des maskulinen Geschlechtes steht nicht allein im Sakralraum für Ernst, Erhabenheit und Andacht. In Europa war die Kirche in Bezug auf das unausgewogene Verhältnis der Geschlechter zueinander bis in den privaten Bereich hinein von prägendem Einfluss.

Andere Ebenen sind: die technische Entwicklung der Tasteninstrumente, ihre Beziehung zum Möbel, die religiöse Bezugnahme, der Weg vom Bänkelsang zum Tonfilm. Doch bleiben wir bei der Begegnung der Künste. Am Ende haben sie das kompositorische Kalkül gemeinsam sowie die emotive Wirkung, die sowohl durch stilles Berührtwerden als auch durch gänzliches Überwältigtsein zum Ausdruck kommen kann. Im Sakralbereich ermöglichen sie eine psychische Prädisposition zur inneren Öffnung gegenüber spiritueller Erfahrung - bei Simultanwahrnehmung mit deutlicher Wirkungsverstärkung in Richtung Bewunderung, Verzauberung und Verzückung. In der Oper ist das nicht anders, doch gilt die säkularisierte Betrachtung, die den Begriff theatrum sacrum hervorbrachte, aus nachvollziehbaren Gründen als blasphemisch, da sie den Inhalten in keiner Weise gerecht werden kann - eben weil sie es nicht will. Sie begnügt sich mit der Beschreibung, auf welche Weise die Künste zum Einsatz gebracht werden und wie es dazu kam.  

Im historischen Rückblick auf Europa unterliegen die Künste starkem Einfluss von kirchlicher Seite, da sich die religiöse Symbolik sowohl in der Sakralarchitektur als auch im Tonsystem wiederfindet, als seien Ordnung und Schönheit Gaben des Hl. Geistes, wie es Zeitdokumente, so auch die Dreikönigskapelle, anschaulich vor Augen führen, und die abendländische Musik "anhörlich vor Ohren". So wurden die Künste längst von einem Weltbild vereinnahmt, noch bevor unabhängige Individuen als selbstbewusste Künstlernaturen ins öffentliche Bewusstsein treten konnten, denn christlicher Auslegung zufolge ist Gott alleiniger Schöpfer und Meister - Komponisten und Künstler allenfalls Werkzeuge und Diener - denen erst spät zugestanden wurde, ihre Werke mit entsprechendem Stolz auf ihre eigene Leistung zu signieren.  

Die Künste rebellieren nicht gegen eine solche Instrumentalisierung, vielmehr ist es ihre Aufgabe, sich jedem Gestaltungswillen, welcher Art er auch sei, unterzuordnen. Instrumente wurden zum "Instrumentalisieren", d.h. zum Musizieren geschaffen. Der wissenschaftliche Umgang fordert jedoch eine saubere analytische Trennung sowie die Offenlegung des suggestiv- und unterschwellig Wirkenden und geht den Ursachen nach. Illusionismus ist eine Sache für sich. Für die in ihm erkennbar werdende spirituelle Orientierung sind andere Disziplinen zuständig. Da Weltbilder das grösste Format aufweisen, das einem Kunsthistoriker überhaupt vorgelegt werden kann, ist die Schulung einer differenzierenden Vorgehensweise, die Welt- und Kunstanschauung auseinanderhält, obschon sie nach Verschmelzung trachten, unverzichtbar. Ich wünsche jedem Menschen einen solchen Mentor, der zur Selbsterkundung der Wirklichkeit das geeignete Instrumentarium weitergibt und auf eigenem Fachgebiet beispielhaft vorführt. Es gehört zum bewussten Sein, sich des Weges zu vergewissern, den wir beschreiten. Fortschritt ja, doch darf auch gefragt werden, wohin.